CSD

Tänzer unter dem Regenbogen

Der Christopher Street Day begeistert seit 35 Jahren die Berliner. Drei Beispiele für die Lust an der Freiheit

Maxi Budach ist ein 16-jähriges Mädchen aus Hellersdorf. Das mit den Frauen war nicht immer so. „Das fing vor ungefähr einem Jahr an“, sagt sie und greift sich in die kurze, blonde Mähne. „Ich saß in der Schule und merkte, dass ich eine meiner Mitschülerinnen wesentlich interessanter fand als die Jungs.“ Ihre Freunde, sagt sie, hätten kein Problem mit ihrer Bisexualität gehabt. „Natürlich wird das ab und zu kommentiert“, sie hält kurz inne und beugt sich vor, sodass man die orangefarbene Haarspange sieht. „Aber da muss man locker bleiben.“ Für sie spielt es keine Rolle, welchem Geschlecht sie sich nun näher fühlt. „Ein bisschen Bi schadet nie“, sie zitiert tatsächlich diesen Sponti-Spruch. Sie hat ein gutes Gesicht zum Lachen.

So wie die 16-jährige Maxi mussten sich auch Christian Frohs, 28, und Bernd Gaiser, 68, irgendwann einmal bekennen. Auch darum geht es beim CSD, darum, zu sich und zu seiner Sexualität zu stehen. Vor allem aber um Spaß.

Maxi hat gerade ihre mittlere Reife gemacht. Sie möchte das Leben genießen. Schauen, was der Moment so bringt. Und das ist – zumindest jetzt, der Christopher Street Day. „Das ist das erste Mal, dass ich von Anfang an dabei bin. Super ist das.“ Sobald der CSD zur Sprache kommt, ist sie sichtlich aufgeregt. „Das ist so cool“, sagt sie. „Dass einen Tag lang wirklich jeder so sein kann, wie er will!“ Sie nimmt einen Schluck aus dem großen Glas Cola, das auf dem Holztisch vor ihr steht. „Ich jedenfalls“, erzählt sie, „bereite mich schon seit Wochen darauf vor.“

Flucht vor der Kleinstadt

Christian Frohs ist fast noch aufgeregter. „Ich bin so nervös“, gesteht er und reibt sich die Hände. Er ist 28 Jahre alt und Software-Programmierer, seit Langem schon ein überzeugter Anhänger des CSD. Das Getränk vor ihm ist bunt. Rot und gelb, dazwischen ein bisschen Grün. Es fehlt nur noch Blau in der Mitte, man hätte einen Regenbogen im Glas. „Passt doch zum Thema.“

Eigentlich ist Christian überzeugter Kleinstädter, wäre da nicht die Sache mit dem Schwulsein gewesen. Das sei wirklich schwierig gewesen, in einem kleinen Nest in der Nähe von Cottbus. Nicht dass seine Eltern große Probleme damit gehabt hätten, oder seine beiden älteren Brüder. Wirklich schwierig war eher das Alleinsein mit der eigenen Sexualität. „Ich kannte niemanden, der schwul war, und vor allem war ich selber voller Vorurteile gegen Homosexuelle.“ Was tut man, wenn man feststellt, dass man Männer mag, aber kein Rosa, dass man schwul ist und überzeugt katholisch? Nach Alternativen suchen.

Sein erster Besuch in der Hauptstadt war spontan. Ein Bekannter bot ihm eine Schlafgelegenheit an und nahm ihn mit auf den Christopher Street Day. 2005 war das, vor acht Jahren. Immer noch fällt es dem gebürtigen Sachsen schwer, dieses Erlebnis in die richtigen Worte zu fassen. „Ich war völlig überwältigt“ sagt er. Nie hatte er eine solche Veranstaltung gesehen. Hunderttausende, die friedlich feiern. Es war eine Offenbarung für ihn.

Ein Aufräumen mit eigenen Vorurteilen, ein plötzlich gar nicht mehr allein sein. Ein Rausch. „Ich habe erst auf der Rückfahrt im Auto gemerkt, was ich da erlebt hatte. Und mir war sofort klar: Da musst du wohnen.“ Es dauerte dann doch noch zwei Jahre, bis Christian nach Berlin zog. „Bis jetzt war ich jedes Jahr wieder dabei, sagt er. „Nur eine Beerdigung könnte mich davon abhalten. Der CSD ist wie mein zweiter Geburtstag.“ Nach wie vor einer der Gründe, warum er diese Stadt so liebt. Aus Berlin wegziehen? Niemals, sagt er. „Wenn du als Schwuler in Europa gut leben willst, gehst du nach Berlin, Köln oder Amsterdam.“ Natürlich ist der CSD eine politische Veranstaltung. Natürlich sind auch Christian die Themen wichtig, die dort angesprochen werden. Gleichberechtigte Ehe, Adoptionsrecht, eine freie Gesellschaft. „Man kann dort ein Zeichen setzen“, sagt er. Aber vor allem geht es ihm doch um das große Fest. Um die Freiheit, kilometerweit die Straßen entlangtanzen zu können. Nicht nur als Schwuler, Lesbe oder Transsexueller. „Ich kenne auch von Jahr zu Jahr mehr heterosexuelle Männer und Frauen, die regelmäßig dabei sind“, sagt er als echter CSD-Fan.

Auch dieses Mal werden wieder neue Leute kommen. „Ich freue mich darauf. Ich bin seit Wochen schon aufgeregt.“ Das bedeutet ihm viel. Der CSD steht für seine ganz persönliche Freiheit, eine Freiheit, die notwendig ist.

Seit 35 Jahren dabei

Einer der Männer, die früh für dieses Recht eingetreten sind, ist Bernd Gaiser. Bevor er einen Satz beginnt, legt er seinen Kopf nach hinten und denkt eine Sekunde nach. „Keiner von uns hätte sich träumen lassen, was wir da in Gang gesetzt haben“, sagt er. „Schließlich waren wir gerade einmal ein halbes Dutzend Leute.“ Bernd Gaiser ist einer der Organisatoren des ersten deutschen Christopher Street Day.

1979 war das, in West-Berlin. In einer Zeit, in der die Schwulenbewegung, wie er sagt, stagnierte. Seit den späten 60er-Jahren war homosexuelles Leben in Deutschland zwar etwas selbstverständlicher geworden. So selbstverständlich aber auch nicht – auf den ersten größeren Demonstrationen in den frühen 70ern trugen viele Teilnehmer noch Masken, um nicht erkannt zu werden. „Uns war klar, dass etwas passieren musste“, sagt der 68-Jährige. Die Idee kam dann von einem Freund, der eine Zeit lang in den USA gelebt hatte. In New York hatten sich Schwule 1969 zum ersten Mal gegen die Polizeigewalt gewehrt, der sogenannte Stonewall-Aufstand. Einmal im Jahr wurde ihrer nun mit einem Marsch gedacht.

„Das machen wir auch, dachten wir“, erklärt Gaiser. Sechs Freunde waren sie, drei Monate hatten sie Zeit, um den ersten Christopher Street Day des Landes zu organisieren. Sie druckten Flugblätter, veröffentlichten Aufrufe in der „Schwulen Zeitung“, bastelten Banner und Plakate. Es wurde ein Erfolg. „Wir waren fassungslos, dass tatsächlich 450 Menschen kamen, um sich uns anzuschließen.“ Schon damals gab es Wagen und Musik. Einen Pritschenwagen zwar und Musik aus scheppernden Boxen, doch das Konzept stand. Der CSD war geboren. „Seitdem sind es natürlich jedes Mal mehr Menschen, die sich dem Zug anschließen“, sagt der Aktivist.

Gaiser und seine Freunde haben für Berliner ein zeitloses Fest geschaffen. „Wir haben damals eine ordentliche Welle verursacht“, sagt er. Eine Welle, auf der Christian Frohs 35 Jahre später immer noch mitschwimmen kann. Eine Welle, in die sich Maxi gerade hineinwirft. Gaiser wird mit seiner Gruppe „Mit 50+ ist noch lange nicht Schluss“ im Zug mitlaufen.

Für die drei und Hunderttausende mehr ist die Parade der Höhepunkt des Jahres. Sie werden es am Wochenende einmal mehr beweisen.