Gesundheit

Gemeinsam für eine neue Medizin

Charité und Max-Delbrück-Centrum bündeln ihre Forschung. Die Erwartungen sind hoch

Der Name signalisiert Größe. BIG wie „groß“ heißt abgekürzt der neue Leuchtturm der Berliner Wissenschaft. Vom Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) erwartet sogar Kanzlerin Angela Merkel wichtige Impulse für den medizinischen Fortschritt, wie sie jüngst in der Industrie- und Handelskammer sagte. Und natürlich trägt eine solche international ausstrahlende Organisation, in der die Berliner Universitätsklinik Charité und das renommierte Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin ihre Forschungskapazitäten zusammenführen, neben dem deutschen Kürzel BIG auch einen englischen Titel. „Berlin Institute of Health“, abgekürzt BIH. Das erinnert an das wichtige National Institute of Health (NIH) in den USA – und das ist durchaus beabsichtigt.

310 Millionen Euro

Am Dienstag wurde das BIG/BIH mit einem Festakt auf dem Charité-Campus Mitte im historischen Hörsaal des Langenbeck-Virchow-Hauses von 1915 gegründet. Das Budget ist beachtlich. 310 Millionen Euro stellen der Bund (zu 90 Prozent) und das Land Berlin bis 2018 zum Aufbau des BIG bereit, 40 Millionen Euro steuert die BMW-Erbin Johanna Quandt über die private Charité-Stiftung bei. Mit dem Projekt wollen Bundesregierung und Berliner Senat an die große Tradition der medizinischen Forschung und Lehre in Berlin anknüpfen.

Nicht weniger als eine Revolution der medizinischen Forschung ist beabsichtigt: Krankheiten sollen nicht mehr isoliert betrachtet und ihre Ursachen erforscht werden. Stattdessen geht es darum, die vielfältigen genetischen und molekularen Ursachen systematisch zu erfassen und daraus eine auf jeden Patienten zugeschnittene Therapie oder Präventionen zu entwickeln. Um das zu erreichen, müssen die Erkenntnisse der Grundlagenforscher des MDC mit Sitz in Berlin-Buch näher an die Krankenbetten der Charité heran. Dazu ist unter anderem daran gedacht, Forschungslabore in direkter Nachbarschaft zu den Krankenstationen der Charité einzurichten, wo Kliniker und MDC-Wissenschaftler miteinander arbeiten.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) sprach von einem „wichtigen Schritt in der deutschen Gesundheitsforschung“ und einem „Baustein für die Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitssystems“. Sie erwarte „von der neuen Einrichtung bahnbrechende Impulse für die Gesundheit der Menschen in unserem Land – und natürlich auch darüber hinaus“. Das BIG ist aus zwei Gründen bedeutend. Es gehört neben dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Forschungsallianz Jülich-Aachen zu den wenigen Forschungseinrichtungen in Deutschland, bei denen eine Landeseinrichtung wie die Charité mit einem vom Bund über die Helmholtz-Gesellschaft finanzierten außeruniversitären Institut zusammengehen. So eine Zusammenarbeit ist eigentlich im Grundgesetz ausgeschlossen. Die Bundesregierung strebt eine Grundgesetzänderung an, um solche Konstruktionen zu erleichtern, ist aber bisher am Veto der SPD gescheitert. Die Sozialdemokraten wollen, wenn schon, auch das Kooperationsverbot des Bundes mit den Schulen kippen, was wiederum die Union nicht möchte. Um die rechtlichen Klippen zu umschiffen, mussten die Geburtshelfer des BIG eine komplizierte Struktur schmieden. So müssen die Zahlungsflüsse zwischen der Charité und dem MDC innerhalb des BIG auseinandergehalten werden. Kritiker wie der Berliner FDP-Bundestagsabgeordnete Martin Lindner befürchten nun, die Anforderungen könnten nur unter erheblichem bürokratischen Aufwand auseinandergehalten werden.

Renommierter Vorsitzender

Beim Gründungsfestakt wollte niemand die rechtliche Konstruktion schönreden. Aber in der Wissenschaftslandschaft werden die Schwierigkeiten im täglichen Leben für überwindbar gehalten. Sonst hätte wohl kaum ein renommierter Wissenschaftsmanager wie Ernst Theodor Rietschel den Vorstandsvorsitz im BIG übernommen. Der 72-Jährige war zwischen 2005 und 2010 Chef der Leibniz-Gemeinschaft, einer der drei großen wissenschaftlichen Gesellschaften Deutschlands. Mit der Gründung des BIG griffen der Bund und das Land Berlin Impulse aus der Wissenschaft auf, sagte der Chemieprofessor. Es gehe darum, die Übertragung von Forschungserkenntnissen in die Klinik, im Fachjargon translationale Forschung, zu stärken. Der Festredner Peter Scriba, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer, sagte, mit dem BIG würden zwei Paradigmen umgestoßen. Das eine sei das der eindeutigen Krankheitsbilder. „Wir wissen heute, dass Krebs beispielsweise verschiedene molekulare Ursachen und genetische Dispositionen haben kann und können Therapien entsprechend ausrichten“, so der Medizinprofessor. Zugleich könne ein genetischer oder molekularer Defekt an ganz verschiedenen Krankheiten beteiligt sein. Es werde die Aufgabe der neuen Forschung sein, hier die Forschungsergebnisse möglichst rasch in die klinische Praxis zu überführen und umgekehrt die Fragen aus der Klinik in die Forschung zu tragen, sagte Scriba. Das zweite Paradigma, das mit der Gründung des BIG erschüttert werde, sei die Vorstellung, dass die Universitäten auf lange Sicht ohne Bundesmittel auskommen könnten. Der Berliner Senat ist schon länger dieser Ansicht und hatte unter dem früheren Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner die Fusion von MDC und Charité unterstützt, das von der Ex-Forschungsministerin Annette Schavan angeregt worden war. Berlin hat sich verpflichtet, im Gegenzug für die Finanzspritze des Bundes für das BIG seine eigenen Zuschüsse an die Charité mindestens konstant zu halten.