Urteil

Drei Jahre Haft für brutalen Fußtritt

Nils S. attackierte einen am Boden liegenden 32-Jährigen. In erster Instanz bekam er noch Bewährung

Tobias K. hat Glück, dass er noch lebt. Der 32-Jährige lag hilflos auf dem Boden, als er in der Nacht zum 12. Juli 2011 von dem ein Jahr jüngeren Nils S. getreten wurde. Von oben nach unten. „Mindestens einmal gezielt mit beschuhtem Fuß und voller Wucht auf die linke Gesichtshälfte“, heißt es im Anlagesatz. Zeugen hätten noch in einer Entfernung von etwa 20 Metern „ein deutliches Knacken wahrgenommen“. Ein Moabiter Schwurgericht verurteilte den gelernten Maurer für diese brutale Tat im März 2012 zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Die Staatsanwaltschaft ging sofort in Revision – mit Erfolg. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes im Januar dieses Jahres war unmissverständlich: diese Strafe, hieß es, sei „unvertretbar mild“.

Am Dienstag kam es nach einer neuen Verhandlung zu einem anderen Urteil: drei Jahre Haft für Nils S. wegen gefährlicher Körperverletzung. Eine Strafe, die in dieser Höhe jetzt nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Richter Thomas Groß sagte, dass der Tod des Opfers letztlich „nur durch einen Zufall vermieden wurde“. Tobias K. erlitt mehrere Knochenbrüche am Kopf, darunter einen Schädelbasisbruch. Er kann inzwischen wieder als Koch arbeiten, sagte der schmächtige Mann vor Gericht, leide bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten aber unter Schwindelgefühlen. Auch sei ein Stück Sicherheit verloren gegangen: „Ich fahre jetzt nachts möglichst nicht allein durch die Stadt.“

Der Ausgang dieser Gewalttat sei typisch, sagte Richter Groß: Junge, stark alkoholisierte Männer kommen wegen einer Nichtigkeit in Streit. In diesem Fall war Nils S. mit einem Freund und zwei Prostituierten in der Oranienburger Straße zum Appartement der Frauen gelaufen. Als sie an einem Café vorbeikamen, rief ein Mann aus einer Gruppe heraus: „Das müsst ihr wohl nötig haben.“ Es folgten gegenseitige Beschimpfungen, eine Rangelei, Schläge. Nils S. sagte vor Gericht, sich nicht genau erinnern zu können. Nur noch daran, dass er einen Freund auf dem Boden liegen sah und ihm helfen wollte. Und plötzlich habe er Tobias K. gesehen, der bei dem Gerangel weggestoßen wurde und ebenfalls auf dem Boden lag. Er habe dann einfach zugetreten. „Ich war wütend und betrunken“, sagte er. Warum er in dieser Nacht derart brutal agiert habe, könne er sich heute selber nicht erklären. Das war auch ein Rätsel für den psychiatrischen Gutachter Werner Ascherl. Der Angeklagte sei vom Wesen her eher „mild, angepasst, nachgiebig“ – ein „eigentlich sympathischer Mensch“, für dessen Zukunft er „eine positive Prognose“ gebe. Umso unerklärlicher sei auch für Ascherl das Geschehen am 12. Juli 2011. Der Gutachter ging davon aus, dass der Tritt nicht im Affekt geschah und Nils S., bei dem 1,8 Promille Blutalkohol festgestellt wurden, auch in seiner Steuerungsfähigkeit nicht entscheidend eingeschränkt gewesen sei. So gesehen, sind auch die drei Jahre Haft noch eine vergleichsweise milde Strafe.

Nils K. ist inzwischen Vater geworden. Er und seine Freundin, die weinend im Gerichtssaal saß, wollten nach dem Prozess heiraten. Das muss nicht verschoben werden. Denn es bleibt die Option, dass Nils S. den größten Teil der Strafe im offenen Vollzug verbüßen kann.