Berliner helfen

Praktikum im Obdachlosenheim

Das Programm „Perspektivwechsel“ bietet Führungskräften neue Einblicke in soziale Tätigkeiten

„So, dann wollen wir mal.“ Gerlinde König wechselt schnell das Bettlaken, bezieht Decke und Kopfkissen neu und eilt in das nächste Zimmer. Für eine Woche ist die stellvertretende Vorsitzende der AOK-Nordost als ehrenamtliche Praktikantin in dem Obdachlosenheim an der Kreuzberger Nostitzstraße 6/7 tätig. In dieser Einrichtung, die die Heilig Kreuzpassion betreibt, wird seit vier Jahren das soziale Projekt „Perspektivwechsel“ angeboten. Damit soll Führungskräften, die überwiegend am Schreibtisch und oft fern der Alltagsprobleme arbeiten, ein Einblick in soziale Arbeit ermöglicht werden. Nach drei Männern ist Gerlinde König die erste weibliche Führungskraft, die sich getraut hat.

Erfahrung in Sachen Ehrenamt hat sie seit vielen Jahren. Die 61-Jährige hat lange in der Rheumaliga mitgearbeitet sowie in der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege. Außerdem pflegt sie Gräber. „Wer meine Hilfe braucht, bekommt sie“, sagt Gerlinde König. Eine Woche Urlaub hat sie für den Seitenwechsel genommen, war jeden Morgen pünktlich um 8 Uhr zur Stelle. Berührungsängste mit den 45 Obdachlosen, die in der Nostitzstraße eine neue Bleibe gefunden haben, hatte die bodenständige Baden-Württembergerin nicht: „Ich wurde sehr offen aufgenommen.“ Da sich im Heim alle duzen, hat sie sich gleich mit „Ich bin die Gerlinde“ vorgestellt. „Frau König ist mit großer sozialer Kompetenz und sehr emotional auf unsere Bewohner zugegangen“, bestätigt Heimleiter Werner Neske. Gerlinde König ist eben nicht nur eine Frau, die anpackt, sondern sie ist auch kommunikativ und interessiert an ihren Mitmenschen. Ihre punkige Frisur war gleich ein Thema im Heim. Allerdings weniger die orangeblonde Strähne über der Stirn, als vielmehr die Tatsache, dass ihre Haare frech nach oben stehen. „Da habe ich gleich erklärt, dass das an meinen vielen Wirbeln liegt“, erzählt Gerlinde König lachend.

Zuhören können

Ansonsten hat sie weniger geredet und viel zugehört. „Die Menschen hier haben großen Redebedarf, wollen von sich erzählen und freuen sich über ein offenes Ohr. Das ist mir noch mal ganz deutlich geworden“, resümiert die gebürtige Baden-Württembergerin aus Filderstadt, die seit 1975 in Berlin lebt und arbeitet. Alle Männer im Heim sind in fortgeschrittenem Alter, Alkoholiker, haben viele Schicksalsschläge hinter sich oder lange auf der Straße gelebt. Auch gesundheitlich geht es ihnen nicht gut. Das hat die Frau von der Krankenkasse besonders interessiert. Sie ist daher während ihres Praktikums täglich Eva Wolf, die Krankenschwester des Hauses, bei der zur Visite begleitet.

Alkohol ist in der Nostitzstraße nicht verboten. „Wir sind eine nasse, niedrigschwellige Einrichtung“, sagt Werner Neske über das seit 1997 bestehende Wohnheim mit zehn festangestellten Mitarbeitern. „Verbieten können und wollen wir nichts. Wir versuchen aber, den Konsum einzuschränken, wenn es zu viel wird. Wichtig ist uns, dass die Bewohner sich hier sicher und angenommen fühlen und in Ruhe hier leben können - ohne Strafen oder Ressentiments.“ Wenn jemand depressiv ist, dann greift er eben zur Flasche. Gerlinde König nickt. Sie hat in der kurzen Zeit gemerkt, wie sich einige der Männer von einem Tag auf den anderen veränderten, plötzlich richtig schlecht drauf waren und dann versuchten, das mit Schnaps zu kompensieren.

„Viele in unserer Gesellschaft werfen alle Obdachlosen in einen Topf, sagen, die sind alle gleich. Das stimmt nicht. Jeder ist ein Individuum mit besonderem Schicksal“, findet die Karrierefrau, die sich ihre heutige Position durch viel Einsatz erarbeitet hat. Die Zugewandtheit, mit der sie den Menschen im Heim begegnete, haben die Männer gespürt. „Schon am zweiten Tag haben sie mit mir Späßchen gemacht“, erzählt König, „als ich mit meinem Auto vorfuhr, hieß es: ,Klar, dass du was wichtiges bist.´“ Überhaupt nahmen die ehemaligen Obdachlosen kein Blatt vor den Mund. „Der rote Lippenstift steht dir nicht. Ist too much“, kritisierte einer. Als Gerlinde König am nächsten Tag einen helleren trug, gab es prompt Komplimente. Und ein anderer meinte: „Hier kommt ja unser Sonnenschein wieder.“

Trotz der Kürze der Zeit sind Beziehungen entstanden, die Gerlinde König aufrecht erhalten will. Von ihrem Arbeitsplatz in der Kreuzberger Wilhelmstraße kommt sie auf dem Nachhauseweg nach Buckow quasi an der Einrichtung vorbei. „Da werde ich in Zukunft öfter mal einen Stopp einlegen und hallo sagen“, verspricht sie beim Abschied.