Zwischenzeugnis

Wenn man verliert

Können wir was spielen, Frau Freitag?“ „Oder können wir nicht einen Film gucken? Ist doch unsere letzte Stunde mit Ihnen vor den Ferien.“ Die lieben Kleinen aus Verenas achter Klasse sehen mich erwartungsvoll an.

„Ich will euch erst mal eure Englischarbeiten wiedergeben.“ Die hatte ich zwar sofort, nachdem sie die geschrieben hatten, korrigiert, dann aber wochenlang in meinem Fach im Lehrerzimmer liegen gelassen. Heute habe ich sie endlich dabei. Ich verteile und merke plötzlich, wie heiß es schon wieder in meinem Klassenraum ist. „Ich wollte euch eigentlich zu einem Eis einladen“, schlage ich vor, und Firat ruft: „Auf Ihren Nacken?“ Ich vermute, dass er damit fragen will, ob ich sie einlade, und nicke. „Ja, auf meinen Nacken.“

Fröhlich tänzeln sie die Treppe runter und benehmen sich auch außerhalb des Schulgebäudes extrem zivilisiert. Entspannt bestellen wir Eis. Die Schüler schieben mehrere Tische zusammen und reservieren mir einen Stuhl in der Mitte. Dann quatschen wir über ihre Zeugnisse, die Sommerferien, Handys und ihre Familien und Sprachen. Die Stunde verfliegt wie im Nu, und irgendwann trotten wir wieder in die Schule. Ich warte an der Tür, damit ich keinen Schüler draußen vergesse.

„Frau Freitag, was ist das?“, fragt Firat und hält mir einen Gefrierbeutel mit einem Portemonnaie, einem Schlüssel und einer Packung Marlboro unter die Nase. „Ach, gib mal her, das hat bestimmt ein Kollege beim Rauchen hier liegen gelassen“, sage ich und stecke den Beutel in meine Schultasche. Ich vergesse ihn sofort, bis ich ihn in der U-Bahn in meiner Tasche liegen sehe. Nach einem Blick in das Portemonnaie stelle ich schnell fest: Nein, das gehört auf keinen Fall einem Kollegen, und zwar nicht nur, weil auf den vielen Karten Fotos eines jungen Mannes sind, sondern weil in einem Fach der Geldbörse ein Kondom steckt.

Nun ist es keineswegs so, dass ich meinen Kollegen sexuelle Aktivitäten abspreche, aber ich glaube nicht, dass die mit Mitte fünfzig noch mit Kondomen in der Tasche durch die Gegend rennen. Zu Hause gucke ich mir den Gefrierbeutel genauer an. Sechs Zigaretten, zwei Bonbons, ein Schlüssel und ein Portemonnaie mit zehn Euro und allen Karten, die man so im Leben braucht. Ich versuche Pipetto Claudio Gambardi im Internet zu finden. Im Telefonbuch steht er nicht. Erst bei Facebook habe ich Erfolg. Er sieht nett aus und hat viele Freunde. Ich schreibe ihm eine Nachricht und hinterlasse meine Handynummer. Aber der letzte Eintrag von ihm war im März. Vielleicht ist er kein Heavy-Facebook-User und liest selten seine Nachrichten. Ich checke, wer von seinen Freunden regelmäßig schreibt, und hinterlasse bei denen noch ein paar Nachrichten. Ich könnte natürlich zu ihm fahren und ihm sein Zeug geben, könnte sogar aufschließen und ihm den Beutel in die Wohnung legen. Aber wenn er keinen Ersatzschlüssel hat?

Den ganzen Nachmittag denke ich über die Sachen von Pipetto nach. Eigentlich hätte ich noch genug zu tun mit meinen Zeugnissen und dem Haushalt, aber ich kann mich nicht konzentrieren. Warum ruft der nicht an? Um Mitternacht liege ich immer noch wach und stelle fest: Der Besitz dieser Sachen belastet mich. Vielleicht ging es Pipetto genauso, und er wollte diesen Gefrierbeutel einfach nur loswerden. Dann kann ich lange auf einen Anruf warten.