Denkmalschutz

Die Retter der Villen

Im Südwesten Berlins werden immer öfter alte Häuser abgerissen. Anwohner kämpfen gegen moderne Architektur

Groß und protzig wirken sie, teilweise wie Trutzburgen, teilweise wie herrschaftliche Landhäuser. Vor mehr als einhundert Jahren entdeckte das Großbürgertum Nikolassee, kaufte sich große Grundstücke und bebaute sie nach seinen Idealvorstellungen. Die Vorgaben waren einfach: Acht Meter sollte das Haus von der Straße entfernt sein und nur ein Drittel des Grundstücks einnehmen. Die restlichen zwei Drittel mussten als Garten genutzt werden.

Es entstand ein einzigartiges Villenviertel mit Prachtbauten, die zwar alle einen individuellen Charakter haben, aber dennoch ein einheitliches Ortsbild, ein Gesamtkunstwerk, ergaben. Doch auch Nikolassee blieb im Krieg nicht von den Bomben und auch nicht von Bränden verschont. Auf dem Weg vom S-Bahnhof Nikolassee zur Rehwiese und weiter in die Lückhoffstraße bietet sich ein abwechslungsreiches Bild: Moderne Wohnanlagen der 60er-Jahre, weiße Kästen aus den 70er-Jahren, winzig kleine Reihenhäuser, die der Wohnungsnot im alten West-Berlin Rechnung tragen sollten, schieben sich immer wieder zwischen die historischen Villen.

Generationswechsel im Viertel

An den Anblick dieser Lückenbauten haben sich die Bewohner gewöhnt. Jetzt kommt aber eine ganz neue Entwicklung dazu, die den Alteingesessenen Angst um das charakteristische Ortsbild macht. In Nikolassee habe ein Generationswechsel eingesetzt, sagt Ortschronist Henning Schröder. Immer mehr alte Leute würden ihre Villen verkaufen, weil die großen Häuser zu viel Arbeit machten. „Die Investoren kaufen, hören, dass kein Denkmalschutz besteht, und wollen sofort abreißen und neu bauen“, sagt der 68-Jährige. So sei die Entwicklung bereits in Schlachtensee verlaufen. „Jetzt ist dort alles zugebaut, jetzt kommen sie nach Nikolassee herüber“, sagt Schröder. Seit Jahrzehnten fordern die Anwohner eine Erhaltungssatzung für ihren Ortsteil, um den historischen Villencharakter zu schützen. Bislang vergebens. Mittlerweile hat die Bürgerinitiative Nikolassee eine Unterschriftensammlung gestartet.

Ob auf Schwanenwerder, in Nikolassee, in Grunewald oder Dahlem: Überall werden Grundstücke frei gemacht, Villen abgerissen, um sie maximal und modern neu zu bebauen. „Uniforme Investorenarchitektur“, nennt Karl-Georg Wellmann (CDU), Bundestagsabgeordneter für Steglitz-Zehlendorf, die neuen Lückenbauten. Als Beispiel führt er das Bauvorhaben „Paulinum“ an, das zwischen Wichern- und Ehrenbergstraße in Dahlem entstehen soll. Zwei Altbauten, ehemalige Schulen, stehen dort unter Denkmalschutz. Sie werden saniert und zu Wohnhäusern umgebaut. Zwischen den Altbauten sind vier bis fünf Stadtvillen geplant mit etwa 70 Wohnungen. „Das ist eine sehr massive Bebauung in einer gewachsenen Struktur“, sagt Wellmann. Das Viertel sei geprägt von großen Einzelgrundstücken, auf denen klassische Villen stehen. Der Charakter des Quartiers würde durch die vier bis fünf „Bunker“ aufgebrochen.

So wie Wellmann sehen es auch viele Anwohner, die seiner Einladung zu einer Informationsveranstaltung gefolgt waren. Ihre Sorge gilt dem gewachsenen Stadtbild, das „auf den Kopf gestellt wird“, sie kritisieren die Architektur, die großen Baukörper und den zu erwartenden Verkehr. Er habe nichts gegen Neubauten, sagt Wellmann. Schließlich gebe es ausgezeichnete Beispiele, wie an der Gelfertstraße in Dahlem. So wie dort müssten sie aber ins Bild passen.

Ähnlich wie in Dahlem löst gerade in Nikolassee ein moderner Neubau eine kollektive Protestwelle aus: An der Lückhoffstraße 17 ist ein Gebäude geplant, das man als Gegenentwurf zu den historischen Villen bezeichnen kann. Viel Glas, klare Strukturen. Momentan steht dort noch ein etwas schmuckloses Haus aus den 30er-Jahren, das die Firma Siemens für ihre Direktoren bauen ließ und das abgerissen werden soll. Da kein Denkmalschutz besteht, ist das auch kein Problem.

Große Glasscheiben

Zum Schluss wohnte tatsächlich noch ein ehemaliger Siemens-Direktor mit seiner Frau in der Villa. Nachdem sie vor wenigen Jahren ausgezogen waren, stand die Villa erst einmal leer. „Es passierte nichts, und das Haus verfiel mehr und mehr“, sagt die Nachbarin Almuth G. Kröger. Eines Tages stellten sich die neuen Besitzer vor und sagten, dass sie ein Einfamilienhaus mit Tiefgarage bauen wollen. Dafür würden sie gern einen Baum fällen auf dem Grundstück von Familie Kröger.

Frau Kröger wollte mehr wissen und sah sich den eingereichten Bauantrag an. Dort sei von vier Bäumen auf ihrem Grundstück die Rede, die gefällt werden müssten, sagt die 53-Jährige. Doch stutzig machten sie die Ausmaße und die Optik des Gebäudes. Zwei Etagen sind zulässig in der Gegend, doch das Haus hatte noch ein drittes ausgebautes Staffelgeschoss. Statt 600 Quadratmeter geplanter Bebauung waren es jetzt 780 Quadratmeter, dazu eine Tiefgarage für sechs Autos. Die Fassade wird von großen Glasscheiben dominiert.

„Das ist eine bewusste Provokation“, sagt Stadtplaner Curt von Goßler. Natürlich müssten sich die Anwohner auch moderne Architektur gefallen lassen. Aber in diesem Fall gehe es nicht zuletzt um die Formsprache. So sei das Verhältnis vom Baukörper zum Grundstück zu hoch. Außerdem sollte die Etagenzahl auf zwei begrenzt sein. Das sei ein weiterer Pflock, der den Charakter der Siedlung verderbe. Es gebe schon einige Bausünden. „Aber weil es schon einige gibt, kann es nicht einfach so weitergehen“, sagt Curt von Goßler.

Die Architektin des vermeintlichen Sündenfalls im Gründerzeitidyll an der Lückhoffstraße ist Annette Axthelm. „Uns wurde vorgeworfen, wir würden hier ,entartete Architektur‘ schaffen“, so die Planerin mit Büro in Potsdam, die in Berlin nach eigener Aussage 52 Einzeldenkmale saniert hat – darunter den Römischen Hof Unter den Linden in Mitte oder das Hotel „Das Stue“, das in einem prächtigen Altbau aus den 30er-Jahren an der Drakestraße in Tiergarten eröffnet hat. Doch was passiert, so die Architektin weiter, wenn die Bausubstanz, wie im Falle der Villa in Nikolassee, marode ist und der Charme durch Umbauten nicht mehr erhalten werden kann?

Die Antwort schiebt sie gleich nach: „Gerade wenn nebenan eine wunderschöne Villa aus der Jahrhundertwende steht, verbietet sich ein historisierender Neubau, der die qualitativen Unterschiede mit aufgeklebtem Plastikstuck auf der Dämmputzfassade und unechten Sprossenfenstern umso deutlicher macht“, findet sie. „Man kann ja ein Viertel nicht auf dem Stand von vor 100 Jahren einfrieren und jede Veränderung verdammen“, appelliert sie. Und die Qualität einer Villa zeige sich ja gerade durch die hochwertigen Materialien und den zeitgenössischen Entwurf: „All das bietet ja die von uns geplante Villa“, sagt sie. Alles andere wäre nachgebautes Disneyland.

Das sieht Helga Frisch ganz anders. „Die Neubauten müssen sich auch in Form-, Farb- und Materialwahl in die bestehende Bebauung einfügen“, fordert die pensionierte Pfarrerin, die bereits fünf Bücher über „Häuser und Leute“ in Berlins berühmtestem Villenvorort Grunewald geschrieben hat. Anders als in Nikolassee vollzieht sich der Wandel in den von schattigen Bäumen gesäumten Straßen oft in aller Stille und ohne Protestaktionen. Die gut betuchte Anwohnerschaft legt Wert auf Diskretion und Anonymität. Für Schlagzeilen sorgte lediglich der Abriss der Landhausvilla an der Lassenstraße vor einem Jahr, weil dort das Wohnhaus des 2005 gestorbenen Berliner Entertainers Harald Juhnke stand. Der Neubau, ein Wohnhaus mit Anwaltskanzlei, steht kurz vor seiner Fertigstellung. „Scheußlich. Sieht aus wie mit großen Plastikplatten verkleidet“, findet Helga Frisch und seufzt. „Aber es gibt noch Schlimmeres“, fügt sie hinzu.

Noch schlimmer, das sind in ihren Augen Neubauvillen wie die gerade fertiggestellte an der Furtwänglerstraße. Ein kantiger, mit dunklem Ziegel verkleideter „Klotz, der hier so überhaupt nicht reinpasst“, so Frisch, die 26 Jahre lang die Grunewald-Gemeinde betreute. Auch an der Koenigsallee 7a findet sich so ein „scheußlicher Klotz – aber für diesen wurde wenigstens keine alte Villa abgerissen, da wurde nur der Garten geopfert“, so die Pensionärin. Viel schmerzhafter sei da der Abriss der alten Ullstein-Villa an der Bettinastraße 4: „So geht nach und nach auch die Geschichte verloren.“

Modernes Stadthaus mit Flachdach

Das sei auch das Hauptproblem in Grunewald. Auf den großzügigen Grundstücken hätte bislang oft nur eine einzige repräsentative Villa gestanden, nun werde nachverdichtet, der Charme der Villenkolonie gehe verloren. Die negative Einstellung vieler Nachbarn gegenüber Neubauten hat Simon N. deutlich zu spüren bekommen. Der Berliner hat sich auf einem Baugrundstück in Grunewald ein modernes Stadthaus mit zwei Etagen, Flachdach und großen Fensterscheiben errichten lassen. „Wir wurden regelrecht beschimpft“, erinnert sich der 43-Jährige an die Bauzeit. Seine Einladung, sich durch das Gebäude führen zu lassen und sich von den Qualitäten des Hauses zu überzeugen, hätten nur wenige angenommen. „Ein Flachdach gilt vielen als totaler Affront“, sagt er – und bittet darum, die genaue Adresse nicht zu nennen. „Sonst geht das ganze Theater wieder von vorne los“, befürchtet er. Dennoch habe er es nie bereut, für seine Familie ein modernes Haus gewählt zu haben, nicht nur weil der Komfort größer sei und die bodentiefen Fenster den Garten ins Wohnzimmer bringen: „Wir haben in den 2000er-Jahren gebaut – und das soll man ruhig auch sehen.“

Solange die Häuser nicht unter Denkmalschutz stehen oder eine Erhaltungssatzung das charakteristische Ortsbild schützt, haben die Investoren einigen Spielraum. Auch im Fall Lückhoffstraße17 lässt das Baurecht des Bezirks den Neubau zu. „Wir treffen keine Entscheidung über Geschmacksfragen“, sagt Baustadtrat Norbert Schmidt (CDU). Die Baupläne in der Lückhoffstraße 17 entsprächen den gesetzlichen Vorgaben. Doch nach einer Reihe von Gesprächen hätten sich sein Amt und der Bauherr darauf geeinigt, den Bauantrag vorerst ruhen zu lassen.

Unabhängig davon will Torsten Hippe (CDU), Vorsitzender des Bauausschusses in Steglitz-Zehlendorf, künftig ein Instrument an der Hand haben, um historisch gewachsene Villenviertel zu schützen. „Das Haus ist keine schlechte Architektur, aber an dieser Stelle passt es nicht“, sagt Hippe. Er hat eine Veränderungssperre für dieses Gebiet gefordert, die die Bezirksverordneten noch verabschieden müssen. Das gilt als sicher. Damit kann vorerst nicht neu gebaut werden, bis endlich eine Erhaltungssatzung erarbeitet ist.