Schulsicherheit

„Wir haben Panik um unsere Kinder“

Eltern-Teams und Wachmänner schützen Sonnen-Grundschule in Neukölln. Stadträtin kritisiert Schulaufsicht

Es ist früh am Montagmorgen, kurz vor halb acht, doch die Stimmung ist schon angespannt. Kein Kind kommt alleine zur Sonnen-Grundschule in Neukölln. Alle werden von einem Erwachsenen begleitet oder kommen in größeren Gruppen. Mutter, Vater oder Tante – alle helfen mit und versuchen, den Kindern die Sicherheit zu vermitteln, die ihnen verloren gegangen ist.

Nachdem es in der vergangenen Woche zu drei Übergriffen von schulfremden Personen auf Schüler gekommen sein soll, wird die Schule seit Montag von zwei Wachmännern geschützt. Sie bewachen nun das Gelände täglich in der Zeit von 7.30 Uhr bis 15.30 Uhr. Angekündigt ist die Überwachung zunächst einmal bis zum Beginn der Sommerferien am 19. Juni – danach wird neu überlegt.

Am vergangenen Montag soll ein Unbekannter ein Mädchen bedrängt und auf die Jungen-Toilette geschubst haben. Zwei Kinder konnten den Vorfall beobachten und einer Erzieherin Bescheid geben. Die Suche nach dem Mann blieb erfolglos. Kurze Zeit später war noch einmal ein Mann bei den Fahrradständern gesehen worden, wie er sich einem Mädchen nähern wollte. Diese beiden Fälle wurden von der Polizei bestätigt. Ein weiterer Fall, nach dem sich ein fremder Mann am darauf folgenden Mittwoch auf einem der Flure aufgehalten haben soll, konnte jedoch von der Polizei nicht bestätigt werden. Der Fall Sonnen-Grundschule ist bereits der siebte Fall seit Anfang 2012, in dem schulfremde Personen auf ein Schulgelände gelangt sind und dort Kinder bedroht haben (siehe Kasten).

Die Bildungsstadträtin von Neukölln, Franziska Giffey (SPD), bedauert indes, dass sie von der zuständigen Schulrätin erst am Sonnabend von den Vorfällen an der Sonnen-Grundschule informiert worden war. „Der Wachschutz hätte schon einige Tage eher vor der Schule stehen können“, sagt sie. Innerhalb ihres Amtes werde der gesamte Vorgang jetzt ausgewertet, so Giffey. „Wir entscheiden dann auch, wie es während der Hortbetreuung in den Ferien und im neuen Schuljahr weitergehen wird.“

Inzwischen haben sich auch die Eltern organisiert. „Wir haben echt Panik um unsere Kinder“, sagt Angelique Hoffmeyer, deren Sohn die Sonnen-Grundschule besucht. Die Mutter ist Teil eines vierköpfigen Eltern-Teams, das von nun an zusätzlich zu dem professionellen Wachschutz die Schule bewachen will. „Wir wollen den Wachschutz unterstützen“, sagt Richard Stuchlik. Seine Tochter ist wie viele der Kinder stark verängstigt und unsicher. Stuchlik hatte bereits im vergangenen Jahr vor der Schule Wache gehalten, nachdem Erwachsene im August versucht hatten, ein Kind vor der Schule in ein Auto zu locken. Schulleiterin Karoline Pocko Moukouny hatte schon damals einen Wachschutz beantragt. „Da aber der Vorfall nicht auf dem Schulgelände passiert war, wurde der Wachschutz nicht genehmigt“, sagt sie.

Eltern fordern Videoüberwachung

Die Eltern in der Gegend sind schon seit Längerem für Vorfälle wie die an der Sonnen-Grundschule sensibilisiert. Simone D. sagt: „Hier bei uns passiert doch ständig was. Meine Tochter darf nur zu zweit raus zum Spielen. Ich mache mir eigentlich ständig Sorgen.“ Die Mutter gehört ebenfalls zum Eltern-Wachschutz. Simone D. lebt mit ihrer Familie in der hinter der Grundschule liegenden Sonnensiedlung. Dort patrouilliert zwar bereits eine Kiezstreife, die Mutter ist jedoch von deren Nutzen noch nicht überzeugt. „Die sind doch ständig nur im Café und trinken Tee, wirklich was ausrichten tun die nicht“, sagt sie.

Als die Kinder zum Unterrichtsanfang in der Schule verschwunden sind, kommt die Hortkoordinatorin und schließt das Gartentor zum Hort auf. „Ich passe auf wie ein Schießhund, dass hier auch bloß nichts passiert. Aufgrund der Angst geht bei den Kindern jedoch teilweise die Fantasie durch“, sagt sie. Letztens sei erzählt worden, dass ein Mann auf einer Matratze in der Turnhalle wohne. „Als ich nachgeguckt habe, war da natürlich keiner.“ Die Erzieherin kann die Angst der Kinder und Eltern allerdings gut verstehen. Auch im Hort sollen die Kinder nur noch gemeinsam auf die Toilette gehen.

Schulleiterin Pocko Moukouny sagt, dass man alles tun werde, damit Kinder und Eltern sich wieder sicher fühlen. „Heute ist ein Schulpsychologe bei uns und spricht mit den Kindern.“ Auch mit dem zuständigen Polizeiabschnitt arbeite die Schule eng zusammen. Die angrenzende Kita und auch die Schulen in der Umgebung seien von ihr bereits in der vergangenen Woche über die Vorfälle informiert worden, so sehe es der Notfallplan der Bildungsverwaltung vor, der in solchen Fällen gelte.

Viele Eltern, deren Kinder die Sonnen-Grundschule besuchen, fordern nun eine Videoüberwachung am Eingang der Schule. Das soll schon bald realisiert werden. Vor Kurzem erst haben sich die Spitzen der Koalitionsfraktion von SPD und CDU darauf geeinigt, dass an jedem Schul-Haupteingang eine Video-Gegensprechanlage installiert werden soll.