Kulturpolitik

Theatralisches Gezänk

Wowereit soll den Konflikt zwischen Hochhuth und Peymann um das Berliner Ensemble lösen

Jetzt haben die Juristen das Wort. Die Senatsverwaltung für Kultur hat am Montag den Eingang der außerordentlichen und fristlosen Kündigung des Mietvertrags für das Theater am Schiffbauerdamm bestätigt. Der Anwalt des Eigentümers, des Dramatikers Rolf Hochhuth, hatte das 28-seitige Schreiben am Freitagnachmittag am Roten Rathaus, dem Dienstsitz des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit (SPD), abgegeben. „Wir prüfen das jetzt“, sagte der Sprecher der Kulturverwaltung, Günter Kolodziej. „Wir gehen aber davon aus, dass sich der Senat korrekt und vertragstreu verhalten hat.“ Wie berichtet hatte Hochhuth, dem über seine Ilse-Holzapfel-Stiftung das vom Berliner Ensemble (BE) genutzte Theater gehört, den Mietvertrag gekündigt und seinen Mieter aufgefordert, das Gebäude besenrein zu übergeben. Hochhuth wirft dem Senat vor, sich gegenüber dem Untermieter Berliner Ensemble und seinem Intendanten Claus Peymann nicht dafür eingesetzt zu haben, dass die ihm vertraglich zugesicherten Aufführungszeiten für sein Drama „Der Stellvertreter“ und die ihm zustehende Sommerspielzeit tatsächlich stattfinden können. Sein Anwalt Markus Kerber bezeichnet das im Kündigungsschreiben als „Enteignung“ seines Mandanten. Die günstige Miete von 214.000 Euro pro Jahr sei nur deswegen gewährt worden, weil im Gegenzug Aufführungsrechte zugesichert worden seien.

Kein flotter Spruch

Nach Eingang der Kündigung müsste die Senatsverwaltung einen Kompromiss mit allen Beteiligten suchen. Solche Bemühungen hatte es aber schon früher vonseiten des Kulturstaatssekretärs André Schmitz gegeben, ohne dass beide Seiten zueinandergefunden hätten. Hochhuth ist Eigentümer der Immobilie in bester Mitte-Lage, seit er das Theater 1996 von den jüdischen Alteigentümer-Familien erworben hatte. Seit 1998 ist das Haus an den Senat vermietet, der hier Peymanns Berliner Ensemble spielen lässt, das er mit zwölf Millionen Euro jährlich aus der Landeskasse subventioniert.

Der Senat könnte auch eine Feststellungsklage anstrengen, dass nicht gegen den Vertrag verstoßen wurde und die Kündigung unwirksam wäre. Sollten sich die Senatsverwaltung und Wowereit nicht rühren, müsste Hochhuth eine Räumungsklage einreichen, über die dann ebenfalls ein Gericht entscheiden müsste. Claus Peymann, sonst selten um einen flotten Spruch verlegen, zog es gestern vor zu schweigen. Er ließ den Anwalt des Berliner Ensembles reden. Offenbar rechnet das BE damit, dass es abermals zu einem Prozess kommt. Den letzten hatte Peter Raue, der im Herbst 2009 das Land Berlin vertrat, für seine Auftraggeber entscheiden können. Damals ging es um eine Untervermietung des Berliner Ensembles zu „theaterfernen Zwecken“: Veranstaltungen wie die Feier zum 60. Geburtstag der Ost-CDU, um einen gemeinsamen Auftritt des Politikers Wolfgang Thierse und des Schriftstellers Günter Grass und um eine mehrtägige Nutzung der Bühne durch Dieter Bohlen, der für „Deutschland sucht den Superstar“ aufzeichnete.

Der Richter wies damals darauf hin, dass der Mietvertrag „auslegungsbedürftig“ sei. Daran hat sich offenbar nichts geändert. Im Gegensatz zu Hochhuths Ansicht betont Raue, dass es „keinen Rechtsanspruch auf eine Aufführung des ,Stellvertreters‘ im Berliner Ensembles gibt“. Die Ilse-Holzapfel-Stiftung habe lediglich das Recht, eine von ihr finanzierte und realisierte Inszenierung an drei Tagen im Oktober am BE zu zeigen. „Ein solches Angebot hat Rolf Hochhuth niemals unterbreitet“, betont Raue. Stattdessen habe Claus Peymann das Stück „ohne rechtliche Verpflichtung“ am BE herausgebracht. Eine Wiederaufnahme „scheidet mangels Besucherinteresse aus“. Die Forderung Hochhuths nach einer Inszenierung seines Stücks „Sommer 14“ am Schiffbauerdamm lief nach Darstellung des BE ins Leere. „Diese Forderung hat Claus Peymann aus künstlerischen Gründen stets zurückgewiesen“ – pikanterweise hatte der Theatermann dieses Stück anlässlich des 75. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs selbst bei Hochhuth in Auftrag gegeben. Peymann war damals Direktor des Wiener Burgtheaters, die Inszenierung überließ er aber einem Kollegen. Hochhuth wollte „Sommer 14“ 2009 am BE aufführen lassen, es gab Streit, schließlich musste der Dramatiker mit der Produktion in die Urania ausweichen. Künstlerisch war es kein Erfolg.

Auch bei der Streitfrage der Sommerbespielung ist aus Sicht von Raue die Lage klar. Das BE sei dazu nur verpflichtet, wenn „Zeitraum und Stück wie vertraglich verabredet rechtzeitig angeboten werden. Das ist bisher nie geschehen.“ Dennoch habe Claus Peymann Bespielungswünsche von Hochhuth erfüllt. Im Sommer 2010 lief Hochhuths „Inselkomödie“ in einer Musicalversion am BE, der damals 106-jährige Johannes Heesters spielte ebenfalls mit. Während die Kulturverwaltung und der BE-Anwalt offenbar einen Prozess nicht scheuen, wollen Kulturpolitiker aus Opposition und Koalition einen Rechtsstreit mit entsprechendem Medieninteresse vermeiden. Zumal Hochhuth in seiner Kündigung auch den Umgang des Senats mit ihm als Vermieter als Kündigungsgrund anführt. Tatsächlich hatte die Kulturverwaltung 2011 der Stiftung mitgeteilt, dass von jetzt ab die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM in den Mietvertrag einsteige. Diese hatte dann ohne vorherige Absprache mit dem Eigentümer Sanierungsarbeiten vorgenommen und Hochhuth später eine Mahnung über fast 600.000 Euro geschickt, obwohl der Vertrag regelt, dass der Mieter Sanierungen bezahlt.

„Absurdes Theater“

Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, nennt es ein Unding, dass der Senat unzulässigerweise die BIM in den Vertrag habe eintreten lassen. Angesichts des seit Jahren zwischen Hochhuth und Peymann schwelenden Konfliktes sei es „unsensibel, so mit einer solchen Situation umzugehen“ und so zu tun, „als sei es das Normalste der Welt“, sich über vertragliche Vereinbarungen hinwegzusetzen. „Hier muss jetzt unser regierender Kultursenator eingreifen und die Situation beruhigen“, sagte die Grünen-Abgeordnete. Wowereit müsse „entscheidend zur Deeskalation beitragen, sonst sehe ich schwarz für das BE“. Der kulturpolitische Sprecher der CDU, Stefan Schlede, spricht von einem „absurdem Theater“. Es könne nicht sein, dass auf diesem Wege ein erfolgreiches Theater wie das Berliner Ensemble unter Claus Peymanns Intendanz bedroht werde. Zur Not solle man Hochhuth eben den „Stellvertreter“ spielen lassen, sagte Schlede. Im Mietvertrag ist von einer „künstlerisch respektablen Aufführung“ die Rede. „Ehe man alle Stränge reißen lässt, wird man es ertragen müssen, dass Hochhuth spielt, wenn man keinen Prozess führen will“, sagte Schlede. Und man könne Hochhuth auch sein „Sommer 14“ aufführen lassen: „Ich würde den Weg des Kompromisses gehen und ihn sein Sommertheater spielen lassen, ehe das BE stillgelegt wird.“