Ausbildung

„Das ist ein sicherer Job“

Trotz riskanter Einsätze, Attacken und schlechter Bezahlung ist der Polizei-Nachwuchs motiviert. Ortstermin bei einer Vereidigung

Ein verhaltenes Kichern ist in der Philharmonie zu hören, als der Innensenator spricht. Verlegen klingt es, nicht belustigt. Sie alle sollten sich einmal die Vita des Polizeipräsidenten ansehen, hat Frank Henkel soeben gesagt. „Sie werden sehen, dass es auch Ihnen möglich ist, eines Tages Polizeipräsident oder Polizeipräsidentin zu werden – warum auch nicht?“ Klaus Kandt habe den Beruf schließlich auch von Grund auf gelernt. „Jeder lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt“, sagt Henkel noch.

535 junge Leute in neuen Uniformen sitzen aufgereiht vor der Bühne, auf der nacheinander Frank Henkel und Klaus Kandt eine Rede halten und das Landespolizeiorchester Brandenburg spielt. Die dunklen Schulterklappen ihrer hellblauen Hemden sind noch blank, kein Stern wurde hier bisher verdient. Erst im vergangenen Herbst respektive im Frühjahr haben die Polizeianwärter ihre Ausbildung angefangen. An diesem Montagnachmittag müssen sie auf das Grundgesetz einen Eid sprechen. Ein feierlicher Moment, ihre Familien und Freunde sind dabei, man trägt schickere Garderobe, die mehr als 2000 Plätze des Konzertsaals sind fast alle besetzt.

Respekt schwindet

Irgendwo in den Reihen der Blauhemden sitzen auch Julia Zentschenko und Lukas Korn. Beide haben im September bei der Polizei angefangen – nach fast einem Jahr Bewerbungs- und Auswahlverfahren, wie Julia Zentschenko später erzählt. Jetzt stehen die 20-Jährigen kurz vor der Zwischenprüfung bei ihrer Ausbildung für den mittleren Dienst der Schutzpolizei. „Das ist ein sicherer Job“, sagt der Spandauer Lukas Korn, und seine Kollegin nickt. „Und besonders abwechslungsreich.“

Ausgerechnet das Stichwort Sicherheit fällt als erstes auf die Frage, warum die beiden Abiturienten sich den Polizeidienst als Beruf ausgesucht haben. Eine Beamtenstelle ist sicher, natürlich. Der Job an sich dagegen kann sehr gefährlich sein. Gerade in den vergangenen Tagen machten wieder Angriffe auf Polizeibeamte Schlagzeilen in Berlin. Es gibt Studien darüber, wie der Respekt gegenüber den Uniformträgern in der Gesellschaft schwindet. In Berlin werden die Beamten dazu noch deutlich schlechter bezahlt als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Und die Gewerkschaften sagen, in den vergangenen Jahren sei die Behörde kaputt gespart worden.

Julia Zentschenko und Lukas Korn ficht das nicht an. „Ich mache mir über schwierige Situationen überhaupt keine Sorgen“, sagt die Neu-Polizistin aus Tempelhof. „Wir werden in der Ausbildung auf alles richtig gut vorbereitet.“ Schon in den ersten Wochen habe das Training in Verhaltensseminaren begonnen, ergänzt Korn. Dabei werden verschiedene Situationen aus dem Polizeialltag mit Psychologen und Anti-Gewalt-Trainern durchgespielt. „Da lernen wir, wie man reagiert.“ Die richtige Ansprache, die richtige Wortwahl sei entscheidend, das hätten sie schon gelernt, sagt Korn.

Die beiden frisch Vereidigten klingen wie von der Polizeipressestelle gebrieft. Schließlich hat auch Polizeipräsident Kandt den Anwärtern gerade seinen Leitsatz mit auf den Weg gegeben: Die wichtigste Waffe des Polizisten ist das Wort. Doch die beiden Anwärter sind tatsächlich ganz spontan bereit gewesen, etwas über ihre Motivation zu erzählen. Kandts Lieblingsspruch scheint dem Polizeinachwuchs also wirklich bereits in der Ausbildungspraxis begegnet zu sein.

Keine Nachwuchssorgen

Von den 535 Polizeianwärtern gehört auch noch ein Teil zu jenem Schwung, den Innensenator Henkel seit Amtsantritt 2011 wie eine Monstranz vor sich herträgt: Die Einstellung von 250 zusätzlichen Polizeibeamten hatte die große Koalition beschlossen. Nach und nach werden diese nun ausgebildet. Vergangenes Jahr bei der Vereidigung merkte man das Plus noch stärker, da waren es 630 Polizeianwärter, die den Eid schworen. Insgesamt werde derzeit mehr ausgebildet, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. „Damit wird auch die schlechte Bezahlung, der nächsten Jahre schon mit abgefangen.“ Über Nachwuchssorgen klagt die Polizei dabei bislang nicht.

Dabei versucht die Polizei, besonders auch Schulabgänger mit Migrationshintergrund zu gewinnen, um die Stadt besser zu repräsentieren. Im aktuellen Jahrgang haben gut 20 Prozent Wurzeln außerhalb Deutschlands – nach der Vereidigung sieht das Foyer der Philharmonie aus wie ein Werbefilm für Integration, wenn die Familien der Anwärter beisammenstehen und dazwischen Mädchen mit Kopftuch die Polizeimütze des Bruders aufprobieren. In den aktuell laufenden Haushaltsberatungen versucht Henkel, die Zahl der Polizeibeamten in Berlin um weitere 150 Stellen zu erhöhen. Außerdem hat er einen Mehrbedarf von 200 Stellen für die Feuerwehr angemeldet. Ob er das zusätzliche Personal trotz Sparvorgaben und Zensus-Schock am Ende der Verhandlungen bekommen wird, ist noch offen. Am heutigen Dienstag soll es bei den Senatsverhandlungen auch darum gehen. Dem Vernehmen nach könnten die Chancen für die Feuerwehr allerdings besser aussehen als für die Polizei.

„Ihre Generation wird die Zukunft der Polizei prägen“, sagt Klaus Kandt zu den Anwärtern. Die Polizei brauche „Persönlichkeiten mit Rückgrat und Gesicht“. „Ich fordere Sie dringend auf, beides zu zeigen.“ Der Job eines Polizisten sei nicht irgendeiner, sondern einer mit Verantwortung. „Sie dürfen in ihrem Beruf auch in Grundrechte anderer eingreifen“, sagt Kandt. „Vergessen Sie bei allen Maßnahmen aber nie, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Auch wenn derjenige, den sie vor sich haben, vielleicht selbst jeden Respekt vor Menschen vermissen lässt.“

Lukas Korn und Julia Zentschenko wissen schon, worauf sie sich eingelassen haben. Seine Eltern sind beide Polizeibeamte, bei ihr ist der Vater Polizist. „Ich will unbedingt raus auf die Straße und Menschen helfen“, sagt Zentschenko. „Und ich wollte gern zur Polizei, weil mein Papa da auch ist.“