Prozessverlauf

„Ich sehe immer noch sein Gesicht, jeden Tag“

Im Prozess um den Tod von Jonny K. sagt zum zweiten Mal sein schwer verletzter Freund Gerhardt C. aus

Gerhardt C. war dabei, als Jonny K. in den Morgenstunden des 14. Oktober auf dem Alexanderplatz derart heftig angegriffen wurde, dass der 20-Jährige stürzte und Stunden später an Hirnblutungen starb. Der 29-Jährige ist der Freund von Jonny K.s Schwester Tina. „Jonny war für mich wie ein kleiner Bruder“, sagt Gerhardt C., den Freunde auch Kaze nennen. „Ich sehe immer noch sein Gesicht, jeden Tag.“

Er muss eine kleine Pause machen, als er das gesagt. Der Vorsitzende der Jugendkammer, Helmut Schweckendieck, nickt ihm beruhigend zu. „Wir wissen, wie schwer es für sie ist, jetzt hier noch einmal als Zeuge aussagen zu müssen“, sagt der Richter. Am 27. Mai hatte Gerhardt C. schon einmal auf dem Zeugenstuhl gesessen. Doch was er sagt, ist null und nichtig, nachdem der Prozess wegen eines befangenen Schöffen vergangenen Donnerstag neu beginnen musste. Alles muss noch einmal wiederholt werden. Auch die Vernehmung von Gerhardt C.

Und so berichtet der schlanke, groß gewachsene Mann erneut, wie sie in jener Nacht gemeinsam im Restaurant „Mio“ unterm Fernsehturm den Geburtstag eines Freundes feierten. Einer von ihnen sei dann so betrunken gewesen, dass Gerhardt C. und Jonny K. beschlossen, ihn besser nach Hause zu bringen. Als sie das Restaurant verließen, stießen sie auf die Angeklagten, die im wenige Meter entfernten Club „Cancun“ auf der Aftershow-Party des türkischen Sängers Murat Box gefeiert hatten. Gerhardt C. wollte eine Pause machen und den Betrunkenen auf einem Terrassenstuhl absetzen. Seiner Beschreibung zufolge habe der Angeklagte Onur U. die Lehne des Stuhles gepackt und sei herum getänzelt. Als ihn Jonny K. daraufhin an die Schulter gefasst und gefragt habe, was das solle, habe Onur U. zugeschlagen. Das war der Anfang der Prügelei, an der sich nach Gerhardt C.s Erinnerungen fünf der sechs Angeklagten aktiv beteiligt und dabei zum Teil auch massiv Jonny K. attackiert hätten. Er habe dann nur noch gesehen, wie Jonny K. umgefallen sei und auf dem Boden gelegen habe, sagt Gerhardt C., der sich zunächst weiter um den Betrunkenen kümmerte: „Jonny hat nur noch gezuckt, aus seinem Mund lief Blut.“ Auch Gerhardt C. wurde schwer verletzt. Sein linkes Handgelenk kann er bis heute noch nicht richtig bewegen. Auf dem linken Auge hat er eine Sehschwäche.

Gerhardt C. Aussage ist für das Gericht nicht unproblematisch. Es gibt im Detail Unterschiede zwischen seinen Aussagen bei der Polizei, im ersten und auch im zweiten Prozess. Das betrifft vor allem seine Beschreibung, wann welcher Angeklagte zugeschlagen hat. Bei einer Aussage bei der Polizei war es noch sehr schwammig, im ersten Prozess etwas konkreter, im zweiten nun noch genauer. Obwohl doch eigentlich die Erinnerung immer mehr nachlassen müsste. Das bietet Ansatzpunkte für die Verteidiger, die darauf aus sind, Widersprüche in Gerhardt C.s Aussagen zu finden und so ihre Mandanten zu entlasten.

Stringent jedoch ist Gerhardt C.s Aussage zum Angeklagten Onur U. „Der Aggressivste war der Stuhlwegzieher, der, mit dem alles anfing“, sagt er und blickt in Richtung des 19-Jährigen, der nur wenige Meter entfernt sitzt und wenig freundlich zum Zeugen blickt. Gerhardt C. will Onur U. auch sofort erkannt haben, nachdem die „Bild“ den nach Istanbul geflohenen Onur U. aufspürte und von ihm ein Foto veröffentlichte. „Das ist ja krass, das ist er“, hatte er zu Tina K. gesagt, als sie ihm das Foto zeigte.

Was er dazu sage, dass Onur U. die Situation ganz anders geschildert habe, will Richter Schweckendieck wissen. Der mehrfach wegen Körperverletzung vorbestrafte Ex-Boxer hatte angegeben, dass er nur Gerhardt C. verprügelt und Jonny K. bei der Schlägerei angeblich gar nicht wahr genommen habe.

Gerhardt C. zuckt mit den Schultern, als er das hört. „Ich weiß nicht, was man so sagt, wenn man jemanden ermordet hat“, beantwortet er die Frage des Richters. „Ich denke, da versucht man schon, seine eigene Haut zu retten.“