Streit

Endspiel ums Berliner Ensemble

Rolf Hochhuth, Eigentümer des Theaters, hat den Mietvertrag gekündigt. Das Haus habe seine Aufführungsrechte verletzt, argumentiert er

Am Freitag vergangener Woche ist Rolf Hochhuth endgültig der Kragen geplatzt. Der Dramatiker wollte in seinem Theatergebäude am Schiffbauerdamm, dem Berliner Ensemble (BE) in Mitte, einen Brief abgeben. Aber der derzeitige Nutzer Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, ließ sich nicht sprechen. „Die Pförtnerin hat mir verboten, mit dem Fahrstuhl zum Intendantenbüro zu fahren“, zürnt der als leicht erregbar bekannte 82-Jährige noch Tage später.

Nach dieser Demütigung haben Hochhuth und seine Frau Johanna Binger-Hochhuth als Vertreter der nach der Mutter des Stifters benannten Ilse-Holzapfel-Stiftung die außerordentliche und fristlose Kündigung unterschrieben. Der Stiftung gehört die Immobilie, das Land Berlin ist dort Mieter, das BE Untermieter. Berlins Regierender Bürgermeister und zugleich Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) wird aufgefordert, das Theater am Schiffbauerdamm „geräumt und besenrein“ zu übergeben. Unverzüglich müsse der Stiftung Zutritt gewährt werden, um eine Selbstnutzung oder Weitervermietung vorbereiten zu können.

„Wir haben das Haus sehr günstig vermietet“, sagte die Stiftungsvorsitzende Binger-Hochhuth, „der Senat hat Bedingungen zu erfüllen, die vom Vermieter einzufordern sind.“ Der Senat bezahlt derzeit 214.000 Euro Jahresmiete. Die entsprechenden Passagen im Mietvertrag sind eindeutig. Jedes Jahr soll vom 16. bis zum 18. Oktober an drei Abenden hintereinander Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ am Schiffbauerdamm gespielt werden. Diese „vertragsgemäße Pflicht“ sei „nie vertragsgemäß eingehalten worden“, heißt es im Kündigungsschreiben. Die finanziellen Verluste durch die verweigerten Nutzungsrechte seien erheblich, zumal die einzige „Stellvertreter“-Aufführung 2009 ausverkauft gewesen sei.

Mit dem Stück über die Deportation der Juden aus Rom unter den Augen von Papst Pius XII. begründete Hochhuth 1963 seinen Ruhm als kritischer Dramatiker, der zeitgeschichtliche Stoffe in Bühnenstücke umsetzt. Mit seiner dramatischen Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ besiegelte Hochhuth 1978 das politische Ende des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU), der als Richter in der NS-Zeit Todesurteile gefällt hatte.

Weiterer Grund für die Kündigung ist, dass die ebenfalls vertraglich zugesicherte Möglichkeit, das Haus während der Theaterferien im Sommer fünf Wochen lang zu bespielen, nur sehr „unvollständig“ umgesetzt worden sei. Nur an neun Prozent der seit Vertragsbeginn 1998 zur Verfügung stehenden Abende sei es zu Aufführungen durch die Stiftung gekommen. Die Senatskulturverwaltung argumentiert, die Stiftung habe oft zu spät ihre Wünsche mitgeteilt und die Meldefrist versäumt.

Schlichtungsversuche gescheitert

Alle Versuche des Kultursstaatssekretärs André Schmitz, die Streithähne zu beruhigen, waren gescheitert. Man habe sich zwar mit Peymann zum Essen getroffen, berichtet Hochhuth. Aber geschehen sei nichts. Hochhuths Anwalt Markus Kerber spricht von einer „versuchten Enteignung“ seines Mandanten durch das Land Berlin und seinen Kultursenator. Denn die Aufführungsrechte seien der Zweck der Stiftung, nur deswegen sei das Gebäude so günstig vermietet worden.

Mit Kerbers Beratung haben sich die Eheleute Hochhuth nun für die Eskalation des Konfliktes entschieden. Der Jurist und Ökonom ist streitbar. Diese Woche kämpft er vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Euro-Rettungsschirm. Im Auftrag von Ex-Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) brachte der TU-Professor das Bundeskartellamt dazu, die Berliner Wasserpreise als überhöht zu rügen.

Aus den Händeln zwischen Peymann und Hochhuth will Kerber den Konflikt heraushalten. Das war für dessen Vorgänger als Hochhuths Anwalt, den Berliner CDU-Abgeordneten Uwe Lehmann-Brauns, viel schwerer möglich. Als Kulturpolitiker war ihm nicht daran gelegen, das jährlich mit zwölf Millionen Euro vom Land geförderte BE aus dem Hause zu drängen. Für eine Kündigung stand er deshalb nie zur Verfügung. Zwar geht es ums Mietrecht, aber wenn zwei Alphatiere der Szene aufeinanderprallen, dann geht es auch um künstlerische Vorstellungen. Am Tag seines jüngsten Besuchs wollte Hochhuth Peymann einen Brief übergeben, in dem er ihm vorschlägt und ihn bittet, im kommenden Jahr sein Stück „Sommer 14“ über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges aufzuführen. Peymann selbst hatte das Stück 1988 bei Hochhuth in Auftrag gegeben und am Wiener Burgtheater die Uraufführung inszeniert. Auf seinen laut Hochhuth selbst für ihn „peinlichen Demut-Brief“ habe er seit Februar keine Antwort erhalten. Darum wollte er ihn persönlich abgeben und nachfragen. Schon 2009 war es über den „Sommer14“ zu einem Zerwürfnis zwischen den Berliner Ensemble-Machern und Hochhuth gekommen. Der Hauseigentümer wollte in jenem Sommer sein Werk zeigen lassen. Letztlich stand er vor verschlossenen Türen und wetterte gegen Peymann und die „Senatsmafia“.

Anwalt Kerber formuliert den Zank in einen mietrechtlich relevanten Sachverhalt um. Die Stiftung habe auf andere Bühnen ausweichen und hierfür „außerplanmäßige Kosten hinnehmen“ müssen. Er argumentiert nicht kulturpolitisch oder mit der sicherlich verletzten Eitelkeit des Künstlers, sondern auch mit unzulässiger Untervermietung. So habe Peymann das Haus dem Komödianten Kurt Krömer für dessen „Late Night Show“ zur Verfügung gestellt, und zwar genau in der Phase, die für Hochhuths Sommerbespielung vorgesehen sei. Dafür habe das BE 150.000 Euro erhalten, nur 64.000 Euro weniger, als Berlin für das ganze Jahr an die Stiftung überweise. Gleichzeitig sei der Stiftung die Nutzung „mit fadenscheinigen Gründen“ verweigert worden. Ein „doloroser Vertragsbruch“.

Mahnung über 587.859 Euro

Die Senatskanzlei hat Hochhuth im Februar 2011 angezeigt, dass künftig die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM der Ansprechpartner sei und „in den bestehenden Mietvertrag“ eintrete. Kerber nennt es „rechtsirrig“ zu glauben, die BIM könne in den bestehenden Mietvertrag eintreten. Die BIM habe Sanierungsarbeiten am Theater durchführen lassen, ohne diese mit dem Eigentümer abzustimmen. Hochhuth erhielt sogar eine Mahnung über 587.859 Euro, obwohl der Mietvertrag eindeutig dem Land die Kosten für Sanierungen zuweist. Die Mahnung wurde zurückgenommen, der Ärger blieb.

Nun liegt der Ball beim Senat. Sollte es zum Rechtsstreit kommen, wäre ein Vergleich denkbar: Hochhuths Aufführungsrechte gegen eine höhere Miete. „Die Miete müsste aber schon ziemlich hoch sein“, sagt Hochhuths Ehefrau, schließlich seien die Aufführungsrechte der Kern des Stiftungszwecks. Anwalt Kerber behält sich zudem vor, Schadenersatz zu verlangen, weil die Stiftung um Gewinne aus den Aufführungen gebracht worden sei.