Gesundheit

Das Anti-Milchschnitte-Programm

Ernährung, Fernsehen, Zahnpflege: Schüler lernen im Unterricht, was sie krank macht und was die Gesundheit fördert

Was ist eigentlich eine Milchschnitte? Ein Milchprodukt, wie es der Name verheißt, oder eine Süßigkeit? Was ist Coca Cola? Den Kindern der Klasse 5a aus der Klosterfeld-Grundschule im Spandauer Falkenhagener Feld macht schon jetzt so schnell niemand mehr etwas vor. Im Gesundheitsunterricht haben sie nicht nur über Lebensmittel, sondern auch über Hygiene gesprochen. Dabei haben sie so einfache, aber wirkungsvolle Dinge gelernt wie richtiges Händewaschen. Das Thema Infektionen und wie sich Erreger verbreiten war auch für die Fünftklässler spannend.

Soziale Herkunft spielt eine Rolle

„Die Kinder saugen die Informationen förmlich auf. Gerade die Jungen, die sonst auch schon mal Probleme bereiten, machen lammfromm mit“, freut sich Tanja Götz-Arsenijevic. Die Medizinpädagogin des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau betreut federführend das Pilotprojekt „Netzwerk Präventionsmedizin und Gesundheitsförderung im Kinder- und Jugendalter“. Unterstützt vom Bezirk und mit rund 260.000 Euro bis Ende des Jahres 2014 finanziert durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, soll so schon in jungen Jahren der Blick für Ernährungsfragen, Bewegung, Körpergewicht, Zahngesundheit, Medienkonsum, Sprachentwicklung, aber auch Verhaltensauffälligkeiten geschult werden — bei Kindern und Eltern gleichermaßen.

Den Anstoß zum Projekt gab der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Waldkrankenhaus, Frank Jochum. Viele Krankheiten, die er ambulant und stationär behandelt, wären seiner Einschätzung nach vermeidbar. Und auch bei der Akutversorgung der jungen Patienten beobachtet er seit Langem, dass immer häufiger soziale Probleme für die Erkrankung mitverantwortlich gemacht werden müssen. Gerade in bildungsfernen Schichten gebe es beispielsweise einen Zusammenhang zwischen wenig Bewegung der Kinder, schlechter Koordination und folgenreichen Stürzen. „Wir wollen deshalb ein Stück früher anfangen und über diese Zusammenhänge aufklären“, sagt er.

Jochum ist erstaunt, wie viel man mit relativ wenig Mitteln und schmalem Budget erreichen könne. Ziel des Projekts sei es, dass die Gesundheitsprogramme dauerhaft mit einer Regelfinanzierung laufen. Im Wesentlichen sollen Programme, die sich deutschlandweit bereits bewährt haben, durch das Netzwerk in Kitas, Grund- und Oberschulen sowie an die freien Jugendhilfeträger weitergegeben werden und dort mit Erziehern, Betreuern und Lehrern umgesetzt werden.

Bereits jetzt setzen alle vier Grundschulen im Falkenhagener Feld „Klasse 2000“ um. Dies ist ein bundesweit evaluiertes gesundheitsförderndes und suchtpräventives Programm für Kinder der 1. bis 4. Klasse. Doch noch fehlt das Geld für eine flächendeckende Verbreitung des Angebotes. Sir Peter Torry, ehemaliger britischer Botschafter in Berlin und Schirmherr des Fördervereins im Waldkrankenhaus, sammelt deshalb Spenden. Er hat Spandauer Unternehmen angeschrieben, ob sie bereit seien, eine Patenschaft zu übernehmen. 200 Euro pro Klasse und Jahr sind nötig, damit das Programm auch von künftigen Schülern erlernt werden kann.

Noch bis Juni läuft die Projektphase mit dem Gesundheitsunterricht in den fünften Klassen der zwei Grundschulen Klosterfeld und Im Beerwinkel mit rund 75 Kindern. Die beiden Bildungseinrichtungen gelten als Brennpunktschulen im Falkenhagener Feld, in dem rund 38.000 Menschen wohnen, davon mehr als 6000 Kinder. Ein sehr großer Teil dieser Minderjährigen stammt aus Familien, die Lernmittelfreiheit haben und von Transferleistungen des Staates leben. Gerade bei Kindern aus sozial schwachen Schichten sei es sinnvoll, die Gesundheitskompetenz zu stärken, sagt auch Ulrike Feder, Assistenzärztin an der Kinderklinik im Waldkrankenhaus, die das Projekt gemeinsam mit Medizinpädagogin Tanja Götz-Arsenijevic in die Praxis umsetzt. Die Aufgeschlossenheit sei enorm. Gesundheitsprävention interessiere die Kinder außerordentlich, hätten sie festgestellt, so Feder. Bei anderen Hilfsangeboten müsse immer zuerst gefragt werden, wie man diese Zielgruppe überhaupt erreiche. Das sei mit diesem Thema jedoch ganz einfach, weshalb das Unterfangen Erfolg verspreche.

Hoffen auf Regelfinanzierung

Götz-Arsenijevic und Ulrike Feder wollen den Schulkindern Kompetenzen vermitteln, von denen sie auch im Erwachsenenalter noch profitieren sollen. Für das Projekt werden alle Beteiligten zum Schluss noch einmal interviewt. Die Uni Greifswald wird die Daten auswerten. Und wenn Ende 2014 die Finanzierung im Rahmen des Förderprogramms „Aktionsräume plus“ endet, hoffen die Beteiligten auf eine Regelfinanzierung.

Das Netzwerk solle weiter bestehen bleiben, auch wenn das Projekt beendet ist. „Die Gesundheitsprävention nur anzustoßen reicht nicht. Das Thema muss kontinuierlich koordiniert und fortgeführt werden, sonst sind diese ersten Ansätze schnell wieder verloren“, sagt Klinikchef Jochum.