Prozess

Alles gleich und doch ganz anders

Drei Tage nach dem Scheitern des ersten Verfahrens ist der Prozess um den Tod von Jonny K. ohne Probleme neu gestartet

Es muss einen siebten Täter gegeben haben. Einen Unsichtbaren. Und der muss Jonny K. in der Nacht zum 14. Oktober 2012 am Alexanderplatz so heftig angegriffen haben, dass der 20-Jährige stürzte und wenig später an Hirnblutungen starb. Dieser Eindruck entsteht, als die sechs Angeklagten am Donnerstag vor einer Moabiter Jugendkammer ihre Aussagen zu Protokoll geben. Alle waren dabei in jener Nacht. Aber keiner will es gewesen sein. Zwei der Angeklagten wollen Jonny K. zwar getreten haben. Aber angeblich nur gegen den Oberschenkel. Und Jonny K. habe danach noch gestanden. „Ich war so erschrocken, als er plötzlich neben mir auftauchte“, sagt der 19-jährige Osman A. „Seit ich weiß, dass er gestorben ist, frage ich mich ständig, was ohne meinen Tritt geschehen wäre.“ Er sei nicht gewalttätig. „Alle, die mich kennen, wissen, dass ich ein friedlicher Zeitgenosse bin.“

Kein Blickwechsel mit Tina K.

Osman A. lässt diese Erklärung von seinem Verteidiger verlesen. Er selbst schaut vor sich auf die Tischplatte. Als fürchte er den Blickwechsel mit Jonny K.s Schwester Tina, die ihn ungläubig fixiert. Später wird sie sagen, dass sie Probleme habe, den Angeklagten zu glauben. „Sie sagen, sie seien eigentlich nicht gewaltbereit. Aber sie waren trotzdem in der Lage, einen Menschen zu töten.“

Es ist der Auftakt zum zweiten Prozess um den Tod von Jonny K. Der erste endete am vergangenen Montag, weil ein Schöffe abgelöst werden musste und es für ihn keinen Ersatz gab. Der Schöffe hatte einen unter schweren Erinnerungslücken leidenden Zeugen beschimpft und gegenüber einem Reporter die Arbeit der Verteidiger kritisiert. Nun geht der Prozess mit neuen Schöffen in die nächste Runde. Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck bedankt sich zunächst bei Verteidigern und Angeklagten, weil sie die einwöchige Frist für die Ladung zum neuen Prozess verzichtet haben und so einen schnellen Neubeginn ermöglichten. Und er appelliert, dass dieses Verfahren im Verhandlungssaal geführt werden solle und nicht in den Medien.

Es ist ruhiger im Saal als an den Verhandlungstagen zuvor. Es ist auch ein anderes Publikum. Vorher waren es vor allem zwei Gruppen: Freunde und Bekannte von Tina K. und Angehörige der Angeklagten. Ihre Freunde seien angepöbelt und sogar beschimpft worden, sagt Tina K. in einer Prozesspause. Das sei für sie schwer zu ertragen gewesen. Zuschauer berichten, dass Angehörige der Angeklagten vor dem Einlass dafür gesorgt hätten, dass vor allem Leute aus ihrer Gruppe Plätze im Saal bekamen. Die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld schrieb auf ihrer Facebook-Seite, sie habe den Prozess beobachten wollen und sei „von zwei Jungtürken rigide beiseite geschoben“ worden. „Etwa 90 Prozent der Besucher im Saal zeigen deutlich ihre Sympathien für die Angeklagten“, so Lengsfeld. „Viele sind türkische Muskelmänner. Sie schüchtern Sympathisanten des Jonny-K.-Lagers aggressiv ein.“ Das wurde geändert. Vor dem Gerichtsgebäude stehen am Donnerstag mehrere Einsatzfahrzeug der Polizei. Im direkten Wartebereich werden mehr Justizbedienstete eingesetzt.

Richter Schweckendieck hat diesmal vorsichtshalber auch gleich noch zwei Reserveschöffen nominiert. Sie sitzen hinter der Richterbank, hören aufmerksam zu. Es ist schwer, den Angeklagten zu folgen. Jeder hat seine eigene Sicht auf das, was geschah. Und jeder stellt erst einmal eine Entschuldigung an Tina K. und ihre Familie voran.

Onur U., der nach der Schlägerei in die Türkei floh und erst am 8. April zurück nach Berlin kam, gilt als Hauptangeklagter. Er ist auch der Erste, der seine persönliche Erklärung vorträgt. Es sei auch für ihn nicht leicht, sagt er, dass nun der gesamte Prozess wiederholt werden muss. Eine Frau im Zuschauerraum kommentiert: „Oh, du Armer.“ Bis zu Onur U., der am anderen Ende des Verhandlungssaals sitzt, dringt es nicht vor. Es sei für ihn „extrem schwierig“, sagt er, wie angesichts der vielen Medienberichte die Beweisaufnahme jetzt noch unbefangen verfolgt werden solle. Das klingt nach Vorbereitungen für das Plädoyer seines Verteidigers. Vorverurteilung könne sich günstig auf das Strafmaß auswirken. Ebenso ein neuer Prozess, der das Verfahren verlängert.

Heftige Schläge und Tritte

Onur U. hat der Anklage zufolge Jonny K. am 14. Oktober als erster geschlagen. „Völlig grundlos“, heißt es im Anklagesatz, habe er Jonny K. „mindestens einen wuchtigen Faustschlag“ ins Gesicht versetzt. „Hierdurch angestachelt griffen sodann auch sofort drei weitere Angeklagte Jonny K. mittels kraftvoller Schläge und Tritte tätlich an“.

Onur U. bestreitet das. Er habe am 14. Oktober seinen Freunden eigentlich nur demonstrieren wollen, wie scharf die deutschen Mädchen in einem Club am Treptower Park seien, heißt es in seiner Erklärung. „Da habe ich etwas total Bescheuertes gemacht, was ich aus heutiger Sicht sehr bereue, weil es letztlich der Auslöser für alles war.“ Er habe gesehen, wie ein dunkelhäutiger Junge einen anderen auf dem Rücken trug und ihn gerade auf einen Stuhl absetzen wollte. Daraufhin habe er, Onur U., die Stuhllehne angefasst und sei herum getänzelt. Der dunkelhäutige Junge habe sich davon offenbar provoziert gefühlt und Onur U. angeblich weggestoßen. Einer der Mitangeklagten habe sich eingemischt. So habe die Prügelei begonnen.

Jonny K. habe er dabei angeblich gar nicht wahr genommen, sagt Onur U. Erst beim Weggehen sei er an einem Jungen vorbei gekommen, der auf dem Boden lag, „als wenn er schlief“. Im Nachhinein, sagt Onur U., sei ihm klar, dass es sich um Jonny K. gehandelt habe.

Der dunkelhäutige Junge ist Gerhardt C., er ist Tina K.s Lebensgefährte und war Jonny K.s Freund. Gerhardt C. hatte beim ersten Prozess ausgesagt, dass es Onur U. war, der als erster auf Jonny K. eingeschlagen habe. Gerhardt C. ist nun im zweiten Prozess ein wichtiger Zeuge. Und er wird das wiederholen.