Polizei

Klage gegen „Waldjungen Ray“

Jugendamt fordert Beihilfen in Höhe von 30.000 Euro zurück

Im Sommer vorigen Jahres war die abenteuerliche Geschichte des Waldjungen aufgeflogen, der sich „Ray“ nannte. Der Niederländer, der vorgab, erst 17 Jahre alt zu sein, hatte behauptet, seine Eltern verloren und danach jahrelang allein im Wald gelebt zu haben. Als vorgeblich mittellosem Minderjährigen wurden dem jungen Mann in Berlin Beihilfen gewährt, die jetzt zurückgefordert werden.

„Gegen den Mann ist Anklage wegen Betrugs erhoben worden“, sagte Gerichtssprecher Tobias Kaehne am Donnerstag. Konkret laute der Vorwurf auf Sozialleistungsbetrug in Höhe von etwa 30.000 Euro. Der vermeintliche Notfall war staatlich versorgt worden, ohne dass es dafür eine Grundlage gab. Gut neun Monate lang hatte das Jugendamt Tempelhof-Schöneberg dem längst Erwachsenen einen Platz in einer Jugendwohngruppe gewährt und auch finanziert. Im September 2011 war der junge Mann, der tatsächlich aus der Stadt Hengelo im Westen der Niederlande stammt und bei seiner Ankunft bereits 20 Jahre alt war, mit einem Rucksack und einem Schlafsack in Berlin aufgetaucht und hatte den Behörden eine frei erfundene Lügengeschichte aufgetischt.

Er kenne nur seinen Vornamen und seinen Geburtstag. Seine Mutter sei bei einem Autounfall gestorben, danach habe er mit seinem Vater in Wäldern und Höhlen gelebt, bis sein Vater bei einem Sturz gestorben sei. Danach habe er sich mithilfe eines Kompasses Richtung Norden durchgeschlagen, bis er in Berlin ankam, behauptete der junge Mann, der in Wahrheit Robin van H. heißt.

Erst als die Polizei Ende Juni 2012 die angeblich so tragische Geschichte mit Fotos und der Frage nach der wahren Identität veröffentlichte, flog der Schwindel auf. Nur drei Wochen später verließ Robin van H. die Wohngruppe. Das Tempelhof-Schönberger Jugendamt hatte zwischenzeitlich Anzeige erstattet. Das Jugendamt hatte dem angeblichen Waisen nach eigenen Angaben neben Lebensmitteln und Bekleidung auch einen Sprachkursus bezahlt, um seine Integration zu fördern. Auf sämtliche Leistungen habe der Beschuldigte keinen Anspruch gehabt, teilte Gerichtssprecher Kaehne mit. Die Anklage der Staatsanwaltschaft sei nun bei Gericht eingegangen. Jetzt müsse die Anklage nur noch zugelassen werden.

Was Robin van H. veranlasst haben könnte, deutschen Behörden seine erfundene Geschichte aufzutischen, ist nach wie vor unklar. Bekannt wurde jedoch, dass der heute 21-Jährige offenbar eine schwierige Kindheit und Jugend hatte. Bereits als Kleinkind hatten sich die Eltern getrennt. Robins Mutter war mit ihm und dem älteren Bruder überstürzt nach Portugal gezogen. Der Vater Johan van H. kämpfte in der Heimat um das Sorgerecht für die Kinder, was ihm erst nach Jahren gelang. Die Jungen kehrten schließlich in die Niederlande zurück. Mit 16 Jahren – sein Vater hatte neu geheiratet, die Beziehung war angespannt – durfte Robin van H. in eine betreute Wohngruppe einziehen.