Trainspotting

Nachtzug in Wannsee

Morgenpost-Leser besuchen exklusiv die S-Bahn-Werkstatt im Südwesten Berlins. Für manche wurde dabei ein Traum wahr

Für Mareike sollte sich an diesem Abend ein Traum erfüllen. Während viele ihrer Klassekameradinnen gerade darüber nachdenken, Popsternchen oder doch lieber Topmodel werden zu wollen, hat die 13-Jährige einen ganz anderen Berufswunsch: Sie will Lokführerin werden. Und nun sitzt Mareike tatsächlich im Führerstand eines 30 Tonnen schweren Triebwagens der Berliner S-Bahn und schaut wie gebannt auf die vielen blinkenden Anzeigen und Knöpfe auf der Armaturentafel. „Ohh – so viele“ – viel mehr kann sie in diesem Moment vor Überraschung gar nicht sagen. Hinter ihr herrscht derweil großes Gerangel. Auch andere wollen einen Blick aus der riesigen Frontscheibe erhaschen. Doch Mareike lässt sich nicht einfach so vertreiben. Bis zur Einfahrt des Zugs gibt sie ihren Platz auf dem gefederten Lokführersitz im Führerstand nicht auf.

Mareike und ihre Mutter Kathleen gehören zu den 60 Morgenpost-Lesern, die am späten Dienstagabend an einer exklusiven Führung durch das S-Bahn-Instandhaltungswerk in Wannsee teilnehmen durften. Die Werkstatt einige Hundert Meter hinter dem gleichnamigen S-Bahnhof ist eine von insgesamt drei, in denen die S-Bahn Berlin GmbH ihre Züge für den laufenden Betrieb wartet und reinigt. Für Großreparaturen und die alle acht Jahre fällige Revision gibt es noch ein weiteres Instandhaltungswerk in Schöneweide. In der Wannsee-Werkstatt werden speziell die Züge für die Nord-Süd-Linien S1, S2 und S25 sowie für die gleichfalls über Wannsee fahrende S7 (Ahrensfelde–Potsdam) überprüft und instand gesetzt. Vorwiegend nachts. „Tagsüber sollen die Züge ja für unsere Kunden fahren“, sagt Werkstattleiter Dirk Retzke. Und damit die Besucher auch wirklich etwas zu sehen bekommen, beginnen die Führungen eben auch erst zu nachtschlafender Zeit.

Die Berliner und „ihre“ S-Bahn

Trotz der späten Stunde waren die Plätze für die Führungen innerhalb weniger Stunden vergeben. Das Interesse der Berliner an „ihrer“ S-Bahn ist riesig. Trotz oder gerade erst recht nach dem vielen Ärger in den vergangenen vier Jahren. „Na klar war ich sauer, wenn mal wieder ein Zug nicht pünktlich kam oder völlig überfüllt war“, sagt Christian Unger. Der Spandauer fährt beinahe jeden Tag auf der Ringbahn und ist der S-Bahn trotz aller Probleme treu geblieben. Das Auto sei in einer Stadt wie Berlin nur selten eine vernünftige Alternative. „Selbst mit der BVG brauche ich oftmals viel länger als mit der S-Bahn.“ Das Schönste für ihn sei, dass er in den rot-gelben Zügen anders als bei der U-Bahn viel von der Stadt zu sehen bekomme.

Vor allem aus Sicherheitsgründen haben die Berliner nur selten die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des S-Bahn-Betriebs zu werfen. Die Wagen werden elektrisch angetrieben – und auch in Wannsee warnen Schilder und rote Baken vor den unsichtbaren Gefahren. „Die S-Bahn fährt mit 750 Volt Gleichstrom – einen Stromschlag überlebt da so gut wie keiner“, sagt einer der Werkstattleute. Doch nicht nur deshalb hielt die S-Bahn in den letzten Jahren die Türen meist fest verschlossen. Zu groß war der Ärger der Berliner über die vielen Zugausfälle und Verspätungen, die sie insbesondere seit Beginn der Unternehmenskrise im Sommer 2009 hinnehmen mussten. Nach einem Radbruch hatten Experten des Eisenbahn-Bundesamts (EBA) nicht nur erhebliche technische Probleme, sondern auch gravierende Mängel bei Wartung und Instandhaltung der Züge festgestellt. Um diese zu beheben, musste die S-Bahn zeitweilig große Teile ihrer Fahrzeugflotte in die Werkstätten beordern.

Auch um seine Mitarbeiter vor dem Zorn der empörten Fahrgäste zu schützen, schirmte sich das Unternehmen zeitweilig fast komplett von der Öffentlichkeit ab. Selbst Journalisten erhielten monatelang keine Chance, sich vor Ort über den Stand der Arbeiten zu informieren. Schon gar nicht waren Gespräche mit den Werkstattmitarbeitern erwünscht. Inzwischen sieht sich die S-Bahn wieder auf einem guten Weg. Erst zu Wochenbeginn wurde mit der S85 (Waidmannslust–Schöneweide/Grünau) die letzte zu Krisenbeginn 2009 stillgelegte Linie wieder in Betrieb genommen. Lediglich die Verstärkerfahrten auf den Linien S1 (Wannsee–Oranienburg) und S5 (Strausberg Nord–Spandau) fehlen noch an dem von den Ländern Berlin und Brandenburg bestellten Angebot. „Inzwischen fahren wir aber eine höhere Kilometerleistung als vor der Krise“, betont S-Bahn-Chef Peter Buchner, der die Werkstattbesucher persönlich in der Wannsee-Werkstatt in Empfang nimmt. Buchner verweist in seiner Begrüßungsrede auf die jüngsten Erfolge. Gerade konnte die S-Bahn Berlin mit 395 Millionen beförderten Personen im Jahr 2012 einen neuen Rekord aufstellen, auch die Einnahmen haben neue Höchststände erreicht.

Bahn sucht Nachwuchs

„Wir befördern inzwischen mehr Fahrgäste als der Nahverkehr in Bayern oder in allen neuen Bundesländern und Hessen zusammengenommen“, zieht Buchner einen verständlichen Vergleich. Anschaulich können die S-Bahner in Wannsee auch erklären, wie sie die meisten ihrer Züge wieder flottbekommen haben. Immerhin 532 der insgesamt 650 Doppelwagen sind wieder einsatzbereit, 546 sollen es im Jahresverlauf noch werden. Inzwischen sind die bruchgefährdeten Räder fast komplett durch neue, dickere ersetzt. Die Bremsen wurden modernisiert, sodass sie auch bei Eis und Glätte zuverlässig funktionieren sollten.

Für Mareike Kuhbach hat S-Bahn-Chef Peter Buchner zum Abschluss des Rundgangs ein besonderes Angebot. „Ich würde versuchen, dir mal eine Mitfahrt in einem unserer Fahrsimulatoren zu ermöglichen“, sagt er. Nicht ganz uneigennützig. Inzwischen sucht auch die Deutsche Bahn händeringend qualifizierten Nachwuchs. „Wir brauchen allein bei der S-Bahn jedes Jahr mindestens 30 neue Triebfahrzeugführer“, sagt Buchner. Frauen sind in dieser Berufsgruppe noch immer sehr selten. Nach diesem Besuch steht für Mareike erst recht fest: „Ich will Lokführer werden – unbedingt!“

Alle Berliner können am Wochenende einen Blick hinter die Kulissen des S-Bahn-Betriebs werfen. Das Unternehmen lädt am Sonntag zum Tag der offenen Tore in das S-Bahn-Werk Grünau ein. Geöffnet ist von 10 bis 18 Uhr. Shuttle-Züge fahren vom S-Bahnhof Grünau. Der Eintritt ist frei.