Ruhestand

Auszug aus der Villa Oppenheim

Museumschefin Birgit Jochens geht in Pension. Ihre Ausstellungen kamen bis nach Amerika

Tatkräftig, kreativ, pragmatisch: So wird Birgit Jochens, die Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, meist charakterisiert. Seit 1990 prägt sie die Arbeit des 1987 eröffneten Hauses. Doch Ende Juni verabschiedet sie sich in den Ruhestand. „Ja, ich bin 65 Jahre alt. Das geht besorgniserregend schnell“, lacht sie. In ihrer Amtszeit gab es mehr als 140 Sonderausstellungen. Beim überwiegenden Teil war Birgit Jochens an Konzeption, Recherche und Texterstellung beteiligt. Seit einem Jahr hat das Museum seinen Sitz in der Villa Oppenheim an der Schloßstraße 55 – dort am Schustehruspark, mit angeschlossenem Museumscafé mitten im Grünen, hat sich die Arbeit des ehemaligen Heimatmuseums sehr verändert. Es sind wesentlich mehr Lesungen, Familien-Sonntage, Konzerte und andere Kulturveranstaltungen möglich, die Ausstellungskonzeption musste verändert werden. Die Schauen im beengten alten Haus an der Schloßstraße 69 erreichten dennoch hohe Aufmerksamkeit. Manche schafften es sogar bis nach Amerika.

45 Jahre Bescherung

Die spektakulärste Ausstellung bleibt für Birgit Jochens, studierte Germanistin, Historikerin und Kunsthistorikerin, die Dokumentation über eine deutsche Weihnacht. Die private Fotoserie zeigt, wie sich die Bescherung im Lauf der Jahre von 1900 bis 1945 verändert hat – bei ein- und derselben Familie. 45 Jahre deutsche Geschichte, gespiegelt in privaten Bildern. 1996 war die Ausstellung erstmals im damaligen Heimatmuseum an der Schloßstraße 69 zu sehen. Seitdem wurde sie in München, Kassel, Kulmbach, Hamburg, Köln und anderen deutschen Städten gezeigt. Im Ausland stößt sie noch immer auf großes Interesse: in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma, in Budapest, London, Linz, Zagreb und Split. Und das von Birgit Jochens verfasste Buch „Deutsche Weihnacht. Ein Familienalbum 1900–1945“ aus dem Jahr 2006 hat inzwischen eine verkaufte Auflage von 50.000 Stück erreicht. Seit rund 17 Jahren tourt die Ausstellung nun bereits durch die Welt. „Auch das ist eine Besonderheit unseres Hauses, dass wir uns an vielen anderen Orten herumgetummelt haben“, sagt Jochens.

Als dicken Packen hatte die Museumsleiterin die außergewöhnlichen Fotos nach der Wende überreicht bekommen. Von einem Ehepaar aus Marzahn, das angenommen hatte, es handele sich bei den Menschen auf den Bildern um Verwandte. Dass es anders war, entdeckte Birgit Jochens bei ihrer Recherche. Die Fotos zeigen eine Familie aus der Salzburger Straße in Schöneberg, genauer waren es Freunde der Großmutter des Ehepaars. Sie hatte ebenfalls in Schöneberg gelebt. Bei ihrem Tod übernahmen die Verwandten die Fotos mit dem Nachlass, bevor sie sie schließlich ans Museum übergaben.

„Der Fotograf Richard Wagner hat die Fotos an seine Freunde mit genauen Angaben verschickt. Verschiedentlich hat er Karten auch nicht losgeschickt“, sagt die Museumsleiterin. Dass er Eisenbahnsekretär war, fand sie in alten Adressbüchern heraus. „Er hat sogar Karriere bei der Bahn gemacht und die Fotos mit der Genauigkeit eines Beamten penibel beschriftet“, berichtet sie weiter. Dafür sei sie ihm ewig dankbar. Sonst hätte sie mit den Fotos viel weniger anfangen können. Und der ganz spezielle Humor Richard Wagners habe sie angerührt.

Wagner habe sich große Mühe gemacht, den Gabentisch jedes Jahr neu zu präsentieren. „In Inflationszeiten, als er als Eisenbahner gut dastand, weil er auf dem Land einkaufen konnte, hat er beispielsweise eine Schüssel mit Würstchen hingestellt und ironisch ,Hungersnot’ druntergeschrieben“, erinnert sich Jochens. Birgit Jochens erinnert sich noch an eine ihrer ersten Aktionen, als sie eine Gedenktafel für den Autokonstrukteur und Luftfahrtindustriellen Edmund Rumpler in der Dernburgstraße 9 anbringen ließ. Das war auch für ihr privates Leben ein Highlight, wie sie sagt. Noch heute hat sie Kontakt zu seiner in New York lebenden Familie.

„Rumpler baute ganz tolle Stromlinienfahrzeuge, sogenannte Tropfenwagen, die auch in Filmen wie Metropolis zu sehen waren. Er war jüdischer Herkunft, den Nationalsozialisten als Autobauer aber sehr wichtig“, sagt Jochens. Später musste er aber dennoch seine Arbeit aufgeben. Er starb 1940 mit 68 Jahren. Völlig unerschrocken hatte Jochens im September 1990 für die Gedenktafel die Straße sperren lassen, weil sich Oldtimer-Freunde aus Brandenburg und Berlin angemeldet hatten, die schließlich noch im Korso zum Südwestfriedhof nach Stahnsdorf fuhren, wo Edmund Rumpler beerdigt ist. Die Fahrt in den offenen Oldtimern bleibt auch für Birgit Jochens unvergessen.

Die 50er-Jahre in Charlottenburg (1997), die Familie March in Berlin (2000) oder „Die Kaiserbäder Insel Usedom: ein Vorort Berlins“ (2006) sind nur einige Beispiele der wichtigsten Sonderausstellungen. In Erinnerung geblieben ist vielen Berlinern auch die Schau über Kindheit in der Stadt. Eine große Gruppe von Zeitzeugen hatte sich dazu ehrenamtlich zusammengefunden. Keine leichte Aufgabe, denn auch die Unterschiede zwischen der Kindheit im Ost- und West-Teil der Stadt wurden herausgearbeitet und in Gesprächsrunden thematisiert. Eine Ausstellung, die auch wieder die Amerikaner in Tulsa (Oklahoma) interessierte.

Das Publikum, darunter viele Stammgäste, habe laut Jochens die Villa als repräsentatives Gebäude mit dem angrenzenden Park sehr schätzen gelernt. Viele vermissten aber die beliebten Oster- und Weihnachtsausstellungen, die nicht mehr so wie früher gezeigt werden könnten. Die Konzeption musste verändert werden. Die Villa ist ein Baudenkmal, in dem nicht einfach mal Löcher in die Wände gebohrt werden dürfen, so wie noch im alten Haus. Zudem müssen heute für Ausstellungen Aufträge vergeben werden. Das dauert und muss aus Kostengründen auch begrenzt bleiben. Also ist man für Saisonausstellungen nicht mehr so flexibel.

Unerforschte Familiennachlässe

Auch wenn heute niemand mehr von Heimatmuseum spricht, hat sich Birgit Jochens Haltung zur Regionalgeschichtsforschung in den Jahren nicht verändert, das Thema blieb und bleibt spannend: „Wenn man sich in einer Stadt oder an einem Ort wohlfühlen möchte, muss man in die Geschichte eintauchen. Erst dann erhalten Straßen und Bauten Leben und Bedeutung.“ Ihre Erfahrung und ihr Wissen will Birgit Jochens weiterhin einsetzen, nun ehrenamtlich, als Vorstandsmitglied der Stiftung Denkmalschutz Berlin und beim Freundeskreis Charlottenburger Tor. Auch ein Forschungsprojekt will sie sich „jetzt mal in Ruhe“ vornehmen. Zwei Familiennachlässe von Berliner Architektenfamilien um 1900, die überhaupt noch nicht erforscht sind, interessieren sie. Und sie freut sich darauf, „in Freiheit seine eigene Zeit zu planen“.

Birgit Jochens, die sich in Charlottenburg-Wilmersdorf auskennt wie sonst kaum jemand, ist auch nach mehr als 30 Jahren in Berlin mit tiefer Überzeugung Hamburgerin. Und weil es ein eigenartiges Gefühl für sie ist, dass sie Charlottenburg-Wilmersdorf viel besser kennt als ihre Heimatstadt, hat sie für ihren Ruhestand beschlossen: „Das muss sich ändern, und zwar schnell.“