Nahverkehr

Saubere Nächte

Wenn die Fahrgäste schlafen, herrscht in der Werkstatt am S-Bahnhof Wannsee Hochbetrieb

„Oje, da kommt Arbeit auf uns zu!“ Schon von Weitem sieht Reinhard Eichberg, dass der herannahende S-Bahn-Zug für seine Leute kein leichter Fall sein wird. Gleich mehrere Wagen sind mit schreiend bunten Farbkringeln überzogen. Hinterlassenschaften von Sprayern, die sich selbst zwar gern als Künstler bezeichnen, die aber ihrer Tätigkeit lieber unerkannt im Verborgenen nachgehen. Mit ihren „Pieces“ und „Tags“ – so werden die Schmierereien in der Szene bezeichnet – wollen sie dennoch möglichst viel Aufmerksamkeit erheischen. Und womit geht so etwas leichter als mit einem S-Bahn-Zug, der den ganzen Tag durch die Stadt rollt? Zehn bis 15Stunden werden seine Leute nun zu tun haben, um mit viel Chemie und harter körperlicher Arbeit den Zug von seinen Verunstaltungen zu befreien, kalkuliert Fahrzeugmeister Eichberg.

Kurz nach 22 Uhr ist in das Instandhaltungswerk ein paar Hundert Meter hinter dem S-Bahnhof Wannsee so richtig Bewegung gekommen. Immer mehr Züge rollen über die vielfach sich verzweigenden Gleise auf die Hallenfront mit den Rolltoren zu. Tagsüber sind die insgesamt mehr als 1000 S-Bahn-Wagen fast alle im 332 Kilometer langen Netz der Berliner Schnellbahn unterwegs. Erst am späten Abend und in der Nacht bleibt richtig Zeit, an den Fahrzeugen die notwendigen Reparaturen und Wartungen zu erledigen. Für Reinhard Eichberg ist daher jede Nachtschicht eine große Herausforderung: „Bei jedem Wagen sind andere Arbeiten zu erledigen. Die müssen alle so koordiniert werden, dass am Ende das Ergebnis stimmt.“

Das Ergebnis, das sind für Eichberg zwölf Züge, bestehend aus je acht Wagen, die er am nächsten Morgen einsatzbereit melden muss. Zwölf Handwerker hat er dafür in einer Schicht, darunter Schlosser, Elektriker und Ultraschallprüfer. Hinzu kommen 20 bis 25 Mitarbeiter der Bahn-Tochter DB Service, die für die Innenreinigung der Wagen verantwortlich sind.

Wie bei einer Auto-Durchsicht haben die Monteure der S-Bahn in der Nacht eine lange Liste von Wartungsarbeiten an den Zügen zu erledigen. Da wird gehämmert und geschraubt, kaputte Sitze müssen erneuert und die Behälter für die Bremsen mit frischem Sand aufgefüllt werden. Hinzu kommt die Ultraschallprüfung der Räder und Achsen auf mögliche kleine Risse. Eine der wohl wichtigsten Tätigkeiten, seitdem im Mai 2009 ein Radbruch eine S-Bahn in Kaulsdorf entgleisen ließ – Auslöser für die wohl schwerste Krise eines Eisenbahnverkehrsunternehmens in Deutschland.

Wie in einer Auto-Waschstraße

In der Folge musste die S-Bahn zeitweise mehr als die Hälfte ihres Fuhrparks in die Werkstätten schicken. Monatelang waren die Züge nur noch nach Notfahrplänen unterwegs, noch weit vor dem BER-Desaster sorgte die S-Bahn dafür, dass sich aus ganz Deutschland Hohn und Spott über Berlin ergoss. Inzwischen hat sich die Lage bei der Berliner S-Bahn wieder einigermaßen normalisiert. Mit der S85 (Waidmannslust–Grünau) wird das Unternehmen am 4. Juni die letzte im Sommer 2009 stillgelegte Linie wieder in Betrieb nehmen.

Thomas Krause erinnert sich nur höchst ungern an den Sommer vor vier Jahren. „Wenn das Wort ,S-Bahn‘ in den Abendnachrichten fiel, hab ich nur noch schnell ausgeschaltet. Ich konnte es nicht mehr hören“, sagt der 49-Jährige. Ungerecht behandelt fühlt sich der Rangierlokführer bis heute. „Wir haben damals alle geackert, und keiner hat auf die Uhr geschaut. Trotzdem gab es von außen nur Dresche“, erinnert er sich. Hinschmeißen, nein, hinschmeißen wollte er seinen Job trotz des Ärgers nicht. „Klar gab es welche unter meinen Freunden, die gesagt haben: ‚Du musst verrückt sein, wenn du das weiter machst‘ – aber ich habe über ein Verlassen des Unternehmens nicht eine Sekunde nachgedacht“, sagt Krause.

Der Mann in der roten Arbeitshose zählt zu den „Urgesteinen“ in der S-Bahn-Werkstatt Wannsee. Angefangen hatte Krause eigentlich bei den Berliner Verkehrs-Betrieben (BVG). Doch dann musste das landeseigene Unternehmen beinahe über Nacht den S-Bahn-Betrieb im Westteil der Stadt übernehmen. Fachpersonal wurde dringend gesucht. Bis heute ist das Jahr 1984 eine Zäsur für die S-Bahn, deren Betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg in der gesamten Stadt in den Händen der DDR-eigenen Deutschen Reichsbahn lag. Aus Protest gegen den Mauerbau 1961 wurde die S-Bahn jedoch von den meisten West-Berlinern konsequent boykottiert. Die Fahrgastzahlen sanken dramatisch, im Gegenzug investierte die Reichsbahn kaum noch Geld in die Fahrzeuge und deren Instandhaltung. Vom Sparkurs betroffen war auch die Werkstatt Wannsee. Eröffnet im Mai 1933 nach der späten Elektrifizierung der Wannseebahn, war sie eigentlich die jüngste im gesamten Berliner S-Bahn-Netz. Doch Ende der 70er-Jahre waren die Gebäude marode, die Werkstatttechnik war verschlissen. Nicht einmal das Geld für die dringend benötigte neue Außenreinigungsanlage wollte die DDR noch ausgeben. Es drohte der völlige Zusammenbruch.

Davon ist in der Werkstatt heute kaum noch etwas zu sehen. „Na, die Uhr und die Metalltreppe zu den Umkleideräumen sind wohl noch aus der Zeit“, sagt S-Bahner Krause, der 1984 als Rangierleiter in Wannsee anfing. Für rund 62 Millionen D-Mark ließ die BVG das einstige Reichsbahn-Betriebswerk von 1985 bis 1988 modernisieren. Die alte Fahrzeughalle wurde in einen neuen Werkstattkomplex integriert. Auch eine neue Waschanlage entstand.

Durch diese lässt Thomas Krause jetzt den ersten Triebwagen rollen. Einschäumen, spülen, trocknen – die Arbeitsgänge sind nicht anders als bei einer Auto-Waschstraße. Doch es braucht mehr Geduld. Etwa 36 Minuten dauert es, bis ein aus acht Wagen bestehender Vollzug wieder richtig glänzt. Kurz nach 4 Uhr gehen die ersten rot-gelben Züge wieder auf ihre Reise durch die Stadt. Wenn der Berufsverkehr störungsfrei anläuft, kann Fahrzeugmeister Eichberg endlich einen Haken auf seiner Liste machen. Die Nachtschicht im S-Bahn-Werk hat jetzt Feierabend.