Kriminalität

Suche nach weiteren Opfern

Das Erzbistum Berlin warnt vor einem Missbrauchstäter. Die katholische Kirche bricht so mit der Kultur des Schweigens

Es ist ein Fall, der so klar erscheint, dass er wütend macht. Trotzdem wirft er schwierige Fragen auf nach dem richtigen Umgang. Das Erzbistum Berlin hat vor einem verurteilten Missbrauchstäter gewarnt, der auf Bewährung auf freiem Fuß ist. Einerseits könnte er versuchen, im Umfeld der katholischen Gemeinden der Stadt erneut Kontakt zu Minderjährigen zu finden. Andererseits ist der Mann seit seiner letzten Verurteilung im vergangenen Jahr offenbar nicht mehr auffällig gewesen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurden keine Strafanzeigen gegen den etwa 80-Jährigen erstattet. Auch ermittelt die Staatsanwaltschaft seit seiner Verurteilung nicht mehr gegen den Mann. Ebenso ist im Umfeld des Erzbistums zu hören, der verurteilte Täter habe sich nicht erneut verdächtig aufgeführt.

Wie verhält sich nun eine Gemeinschaft, die nicht nur die Persönlichkeitsrechte eines verurteilten Täters auf Bewährung zu respektieren hat, sondern ihm auch die rechtstaatliche Chance einräumen sollte, dass er aus seiner Strafe gelernt hat? Das ist die eine Seite. Die andere Seite sieht so aus: Eine Gemeinschaft hat es mit einem Wiederholungstäter zu tun, den eine erste Verurteilung in den 60er-Jahren nicht davon abhielt, erneut zwei Jungs bei Kindergottesdiensten anzusprechen und nach Hause zu locken. Dafür wurde er im vergangenen Jahr zu Haft auf Bewährung verurteilt. Und er ist ein Täter, der viel vom Schweigen der Opfer profitierte. Jedes Schweigen hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Gründe. Viele der Taten sind deshalb inzwischen verjährt, was oft vorkommt bei sexuellem Missbrauch, wenn sich Täter und Opfer kennen.

Das Erzbistum hat nun die Chance ergriffen, zu einer Kultur gegen das Schweigen aufzurufen. Die Frage ist auch, ob es weitere Opfer des Mannes gibt, die sich bisher nicht der Polizei oder Beratungsstellen anvertraut haben – und die nun über Taten berichten können, die noch nicht verjährt sind. Das könnte die rechtliche Situation schlagartig ändern.

Geistlicher sucht Gespräch

Nach Recherchen dieser Zeitung sind viele der Taten des Mannes nie vor Gericht gekommen. In mindestens vier Berliner Gemeinden hat sich der Täter laut Erzbistum bisher „umgetrieben“. Ein Geistlicher, der den betreffenden Mann seit seiner Taufe kennt, versucht in diesen Wochen Kontakt zu dem verurteilten Täter aufzunehmen. Bisher offenbar ohne Erfolg. Wie die Berliner Morgenpost aus Kreisen der Gemeinden erfuhr, kennen viele Gemeindemitglieder den Mann und beobachten seine Aktivitäten seit seiner Rückkehr aufmerksam. Weil das Gesetz die Identität des Mannes schützt, darf sein Name nicht geschrieben werden.

Auslöser dieser Geschichte ist ein Bericht der Berliner Morgenpost, der vor einem Monat erschienen ist. Überschrift „Alle haben es gewusst“. Die Reporterin traf Opfer des Mannes, die bisher geschwiegen hatten. So wurde auch das Erzbistum auf den Fall aufmerksam und hatte am Montag mit einem internen Warnschreiben zu Wachsamkeit aufgerufen. Am Dienstag veröffentlichte das Erzbistum diesen Aufruf auch per Pressemitteilung. In dem Brief des Generalvikars, Tobias Przytarski, finden sich eindringliche Beschreibungen, wie der Mann zumindest vor seiner Verurteilung vorgegangen sei. Er präsentiere sich als „fürsorgender Großvater“ heißt es, er biete Eltern an, ihre Kinder von der Schule abzuholen oder zu betreuen, er verteile Geschenke und trete manchmal auch gemeinsam mit einer älteren Dame auf. Sie erweckten den Anschein eines „älteren Ehepaares“. Auch diene sich der Mann in Gemeinden an und biete Hilfe an, etwa bei Reparaturen.

Das Erzbistum will diesen Appell nicht als Aufruf zum Ergreifen und Verfolgen eines Täters verstanden wissen. Sondern als Aufruf zu einer neuen Kultur der Achtsamkeit, wahrscheinlich auch, um aus den Fehlern der Vergangenheit, dem Schweigen, zu lernen. Denn Mitglieder der Gemeinde, denen der Mann schon damals aufgefallen war, haben ihre Zweifel, die der Pfarrer so erklärt: „Was wiegt schwerer – ein Kind zu schützen oder einen falschen Verdacht auszusprechen?“ Wenn man die Kirche verstehen wolle, so eine Gemeinderätin in dem Bericht der Morgenpost, dann müsse man begreifen, dass sie immer versuche, für den Menschen zu handeln. Deshalb tun sich viele Christen schwer, den ersten Verdacht zu äußern. Die vielen Fälle aber von sexuellem Missbrauch in kirchlichem Umfeld, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden, dürften zu einem Umdenken geführt haben.

„Der Brief unseres Generalvikars ist ein Beitrag zur Prävention von sexueller Gewalt“, sagte der Sprecher des Erzbistums der Berliner Morgenpost. „Er will damit Verantwortliche in den Pfarrgemeinden sensibilisieren für problematische Verhaltensweisen, einen Beitrag leisten zu einer Kultur der Achtsamkeit und des Hinsehens.“ Deutlich ruft der Generalvikar „alle Geistlichen“ dazu auf, an einer Präventionsschulung teilzunehmen, sollten sie diese nicht schon absolviert haben. Klar benennt der Generalvikar, Tobias Przytarski, auch die Möglichkeit eines Missbrauches durch Mitarbeiter der Gemeinden. Er bitte darum, Ansprechpartner für Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch Kleriker, Ordensangehörige und andere Mitarbeiter im Internet, im Pfarrbrief und durch Aushänge in der Gemeinde „dauerhaft bekannt zu geben“.

Der Mann hat in der Vergangenheit Kinder zu sich nach Hause gelockt. Er hat sie laut Aussagen dazu genötigt, ihn unter der Dusche zu befriedigen. Auch heute noch, nach seiner Verurteilung, hat er Kontakt zu Kindern. Eine Mutter versucht, diesen Umgang zu verhindern, aber der Rest der Familie hält noch immer zu dem Mann. Er gehöre eben zur Familie, heißt es. Sie decken ihn. Vielleicht nicht mehr lange, jetzt nach dem Aufruf des Generalvikars. Beratung, Hinweise und Informationen unter praevention.erzbistumberlin.de.