Kriminalität

Fahnder im Dunkeln

Tunneltäter haben Millionenschaden angerichtet. Von den Einbrechern fehlt jede Spur, daher rollt die Polizei den Fall neu auf

Am Ende kommen Bagger und Bauarbeiter. Viereinhalb Monate nach dem wohl spektakulärsten Einbruch der vergangenen Jahre in Berlin wurde jetzt damit begonnen, den Tunnel zu beseitigen, mit dem sich die Tunnelgangster den Zugang in die Volksbank an der Wrangelstraße in Steglitz verschafft hatten. Trotz mehr als 400 Hinweise gibt es noch keine heiße Spur zu der Bande, die Mitte Januar im Kellergeschoss der Bank fast 300 Schließfächer ausgeräumt hatte.

Die von den Tätern angerichtete Schadenssumme bezifferte Kriminalhauptkommissar Michael Adamski, der stellvertretende Leiter der „Ermittlungsgruppe Tunnel“, am Dienstag erstmals mit rund zehn Millionen Euro. Diese Summe beziehe sich auf die Angaben der Geschädigten, betonte der Ermittler. Die Volksbank selbst bestätigt diese Angaben nicht, schon deshalb, weil die Zuordnung und die Rückgabe von mehr als 3200 von den Räubern im Tresorraum zurückgelassenen Gegenständen erst knapp zur Hälfte abgeschlossen sei, sagte Volksbank-Sprecherin Nancy Mönch.

Die Fahndung nach der Tätergruppierung, die mindestens fünf bis sechs Personen umfassen soll, steckt offenbar in einer Sackgasse. „Es konnten nur wenige personengebundene Spuren gesichert werden, die zunächst in deutschen Fahndungssystemen abgeglichen wurden. Ohne Ergebnis. Derzeit werden diese Spuren international überprüft, vor allem in Ost- und Südosteuropa“, sagte Michael Adamski zum Ermittlungsstand. Am Tatort aufgefundene Gegenstände, wie etwa polnische Bierdosen und Getränkeflaschen, hatten frühzeitig dazu geführt, die flüchtigen Täter dem osteuropäischen Ausland zuzuordnen.

Sicher ist, das der etwa 45 Meter lange Tunnel überaus fachmännisch angelegt wurde. Die Bauzeit für den in S-Form geschwungenen Tunnelgang dürfte viele Monate, wenn nicht gar ein Jahr lang gedauert haben. Von einer verschließbaren Mietgaragenbox aus, die sich in einer Tiefgarage eines neben der Bankfiliale gelegenen Ärztehauses befindet, hatten sich die Tunnelräuber bis zum Bankkeller vorgearbeitet. Die Stahlbetonwände der Bank waren mit Spezialbohrern durchbrochen worden. Deshalb hat die Polizei auch Fachleute aus dem deutschen Bergbauinstitut in die Ermittlungen eingebunden.

Profiler wird eingeschaltet

Trotz des Aufwands blieb den Ermittlern des Raubkommissariats der Durchbruch bei den Ermittlungen bislang verwehrt. Obwohl die Tatbeteiligten monatelang im Kellergeschoss des benachbarten Wohn- und Geschäftshauses ein- und ausgingen und mit Fahrzeugen große Mengen Erdreich abtransportieren mussten, gab es bis auf ein Phantombild nur wenige viel versprechende Hinweise. So hätten von den mehr als 400 Hinweisen aus der Bevölkerung gerade mal etwa zehn Prozent zu einem Ermittlungsansatz geführt, sagte Michael Adamski am Dienstag. Deshalb habe inzwischen ein Profiler des Landeskriminalamtes damit begonnen, „den Fall ganz neu aufzurollen“, so der Kriminalhauptkommissar.

Der Kriminalbeamte erklärte, dass es denkbar sei, dass die nach dem Raub aufgestellte Ermittlungsgruppe infolge hohen Erfolgsdrucks bei den Ermittlungen einen „Tunnelblick“ hatte, also möglicherweise eine falsche Herangehensweise verfolgt habe. So würden derzeit auch, was die Vorgehensweise der Täter betrifft, vergleichbare Coups überprüft: beispielsweise Tunnelraubtaten in Frankreich aus dem Jahr 2010 oder ein Tunnelraub in Brasilien.

Die Tunnelgangster hatten nach ihrer überstürzten Flucht im Tresorraum der Bank und am Tunneleingang Feuer gelegt, um möglichst viele Spuren zu vernichten. Die Täter hatten im Tresorraum ein heilloses Chaos hinterlassen und mehrere Tausend Münzen, Schmuckstücke und andere Wertgegenstände aus den aufgebrochenen Fächer achtlos zu Boden geworfen. In den Fächern lagen auch zahllose Dokumente wie Testamente, Urkunden oder Papiere über Grundbucheintragungen. Durch den gelegten Brand waren ungezählte Deponate beschädigt oder vollständig zerstört worden – neben Bargeld, Münzen und Schmuck eben auch auch Dokumente.

Allein die Identifizierung und Katalogisierung der von den Tätern achtlos liegen gelassenen Gegenstände hatte mehr als einen Monat in Anspruch genommen. Mehr als zehn Mitarbeiter des Geldinstituts waren daran beteiligt und hatten freiwillig Überstunden geleistet. Die Zuordnung der Funde dauert dennoch weiter an und wird durch externe Sachverständige unterstützt. Nach Volksbank-Angaben konnten bis zum 21. Mai von 3200 sichergestellten Gegenständen knapp 1400 zweifelsfrei zugeordnet werden, was etwa 43 Prozent entspricht.

Jedes zehnte Fach war leer

Jeder zweite vom Einbruch betroffene Kunde, 147 von insgesamt 294, hat bislang Teile der deponierten Wertsachen zurückerhalten. „Bei fast zehn Prozent der betroffenen Kunden konnte der Inhalt des Schließfaches komplett rekonstruiert und zurückgegeben werden“, teilte Nancy Mönch am Dienstag mit. Knapp zehn Prozent der aufgebrochenen Schließfächer seien nach Angaben der Kunden zum Tatzeitpunkt leer gewesen.

Die Einbrecherbande hatte geschickt dafür gesorgt, dass sie nur schwer identifizierbar ist. Befragungen der Hausverwaltung hatten ergeben, dass die Täter den mit Rolltoren versehenen Stellplatz bereits im Februar 2012 gemietet hatten. Der Mieter hatte einen holländischen Pass vorgelegt, zu einer Person, die nicht existiert. Das dazugehörige Lichtbild war einfach aus dem Internet kopiert worden und hatte dazu geführt, dass ein unbeteiligter Student aus Nordrhein-Westfalen für kurze Zeit ins Visier der Ermittler geraten war.

Rätselhaft erscheint nach wie vor der Umstand, dass von den rund 900 belegten Schließfächern nur knapp 300 aufgebrochen wurden. Was die Täter davon abgehalten haben könnte, nicht alle Fächer zu plündern, ist weiterhin unklar. Sämtliche Bauteile des 1,50 Meter hohen Tunnels, von fünf Zentimeter starken Holzbohlen bis zu den benutzten Metallwinkeln, werden seit Dienstag geborgen. Die von der Polizei beobachteten Grabungsarbeiten und das Verfüllen des Tunnels mit 200 Kubikmetern Erde sollen nach Angaben von Sprecherin Nancy Mönch in gut zwei Wochen beendet sein.