Gewalt

Wenn Twitter zur Waffe wird

Eine 30-Jährige wird in der S-Bahn sexuell belästigt und macht ihre Angst öffentlich

Nachdem eine 30 Jahre alte Frau in der Nacht zu Sonntag im Internet über die angebliche Belästigung durch mehrere Männer berichtet hatte, ist bei der Polizei eine entsprechende Anzeige eingegangen. „Die Frau ist am Sonntag auf einer Polizeiwache erschienen und hat Anzeige gegen unbekannt erstattet“, bestätigte ein Sprecher am Montag auf Anfrage. Demnach handelt es sich um eine Anzeige wegen „Beleidigung auf sexueller Grundlage“.

Vier Männer sollen die 30-Jährige in einem Zug der S-Bahn-Linie 75 in Richtung Wartenberg angepöbelt haben. Einer der mutmaßlichen Täter soll zudem sein Geschlechtsteil teilweise entblößt und auch angefasst haben.

Der Fall erlangt zusätzliche Brisanz, weil er in der Nacht zu Sonntag in Echtzeit über den Kurznachrichtendienst Twitter zu verfolgen war. Folgende Tweets setzte das mutmaßliche Opfer laut „Bild“ über ihr Konto am Sonnabend gegen 23 Uhr über ihr Smartphone ab: Im ersten Tweet heißt es etwa, sie "Ich werde von 4 Typen in der S-Bahn als Hure u Fotze beschimpft. Einer zündet ne Kippe an und sagt, er wird sie auf meiner Muschi ausdrücken."

In den folgenden Tweets beschreibt sie, wie sich der Zwischenfall entwickelt. Einer der Männer zeige sein Geschlechtsteil, und sie schreie ihn daraufhin an. Die S-Bahn ist zu diesem Zeitpunkt voller Fahrgäste, doch niemand geht dazwischen. Der obszöne Mann mache die Hose zu und gehe auf die Frau zu. Seine Kumpels halten ihn ab. „Ich steige an der nächsten Haltestelle aus und heule“. Im Weiteren twittert die 30-Jährige noch: „Ein Mann kommt hinterher und sagt zu mir: ,Sie haben sich halt überschätzt.‘“ Und: „4 Frauen trösten mich und fragen, ob ich zur Polizei gehen will. Meine Antwort: ,die können da nichts machen.‘“ Über den Entblößer teilt sie mit: „Ich hab ihm gesagt, dass ich ihn fotografiere. Er war einverstanden. Ich hab auch gesagt, dass ich das veröffentliche. Er war einverstanden.“

Diese Tweets sind inzwischen nicht mehr öffentlich, auch das Foto ist nicht mehr sichtbar. Darauf zu sehen war ein junger Mann in der S-Bahn, der sich die Hände vors Gesicht hält – in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen eine Schnapsflasche. Im Internet hat der Vorfall inzwischen eine Debatte ausgelöst, bei der sich die Unterstützer der Frau und Skeptiker gegenüberstehen. Viele sehen in dem Vorfall einen Beweis dafür, wie alltäglich Sexismus in Deutschland sind.

Die 30-Jährige hat mittlerweile ihr Konto deaktivieren lassen. Sie sprach von „heftigen Reaktionen“ auf ihre Tweets. „Es gab Beschimpfungen“, sagte sie. Diese hätten ihr Angst gemacht und sie veranlasst, ihren Twitter-Account vorübergehend nur noch auf Anfrage zugänglich zu machen.

Bei der Inhaberin des Twitter-Accounts handelt es sich wohl um eine der #Aufschrei-Beteiligten. #Aufschrei entstand als Reaktion auf einen Bericht der Zeitschrift „Stern“ über eine sexistische Entgleisung des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer „Stern“-Journalistin. Unter #Aufschrei berichteten Frauen via Twitter tausendfach von Alltagssexismus. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hatte sich im März in die Debatte eingeschaltet. Es sagte, dass er eine „gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen ... hierzulande nicht erkennen“ könne. Von den Initiatorinnen erhielt er daraufhin einen offenen Brief als Antwort, in dem diese sich über die Parteinahme des Bundespräsidenten beklagten.