Feuerwehreinsatz

Die Nacht der mutigen Männer

Feuer in Seniorenheim: Fünf Bewohner werden verletzt. Couragierte junge Nachbarn helfen sofort und verhindern dadurch Schlimmeres

In einer Seniorenwohnanlage im Spandauer Ortsteil Falkenhagener Feld haben sich in der Nacht zu Montag dramatische Szenen abgespielt. Aus bislang ungeklärter Ursache brach gegen 23.45 Uhr in einer Erdgeschosswohnung am Eiserfelder Ring ein Feuer aus. Der 79 Jahre alte Mieter der Wohnung erlitt schwerste Verbrennungen und schwebt noch immer in Lebensgefahr. Vier weitere Bewohner kamen mit Rauchgasvergiftungen in Krankenhäuser. Ein Brandkommissariat des Landeskriminalamts hat die Ermittlungen übernommen.

Dass nicht mehr Menschen verletzt wurden, ist vor allem dem couragierten Eingreifen mehrerer Nachbarn zu verdanken. „Wir saßen vor dem Fernseher, als es auf einmal einen lauten Knall gab“, sagt der 18-jährige Ismal Yavuz. Kurz darauf sahen er und sein Freund Erdinc Öger, 23, eine schwarze Rauchwolke aus dem gegenüberliegenden Haus aufsteigen. Yavuz und Öger rannten sofort hinüber, traten die Haus- und die Eingangstür der betroffenen Wohnung im Erdgeschoss ein. Als sie dort niemanden antrafen, klingelten sie bei den benachbarten Apartments, um die Anwohner zu warnen. Die beiden Männer liefen auch in die oberen Stockwerke, klingelten und schlugen gegen die Wohnungstüren. Nach und nach begaben sich die Bewohner ins Freie. Viele Mieter hatten bereits geschlafen und wären ohne die Hilfe der beiden Männer möglicherweise erstickt. Im gesamten Gebäude hatte sich starker Rauch ausgebreitet.

Auch der 22-jährige Yusif Bayrak zählt zu den Helfern, die in der Nacht zu Montag die Mieter der Seniorenwohnanlage in Sicherheit brachten. „Ich habe diesen fürchterlich lauten Knall gehört und bin sofort hingerannt“, berichtet der 22-Jährige am Tag nach dem Brand. Die anderen hatten bereits die Tür eingetreten und Feuerlöscher besorgt. Bayrak: „Ich habe an jede Tür geklopft und dann gewartet, dass jemand öffnet.“

Als die Feuerwehr eintraf, hatten sich auch Yavuz, Öger und Bayrak ins Freie gerettet. „Es war so verqualmt, dass wir nicht mehr weitermachen konnten“, sagt Öger. Dass sie sich schon vorher in Gefahr begeben hatten, um den anderen zu helfen, bereuen sie nicht. „Ich hatte keine Angst“, sagt Öger. „Wenn man helfen kann, sollte man das auch tun.“

Feuerwehr überprüft Wohnungen

Da sich noch immer Menschen in dem fünfgeschossigen Gebäude befanden, mussten die Einsatzkräfte der Feuerwehr die restlichen Stockwerke evakuieren, bevor sie mit den Löscharbeiten beginnen konnten. Mit Schutzanzügen arbeiteten sie sich von Stockwerk zu Stockwerk durch, überprüften 90 Einzimmerwohnungen. 20 Bewohner wurden in Sicherheit gebracht. Einige Mieter waren pflegebedürftig und hätten ihre Wohnungen nicht selbstständig verlassen können. Vor dem Haus untersuchte ein Notarzt die Mieter, vier von ihnen mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden, da sie Rauchgasvergiftungen erlitten hatten.

Die Wohnung im Erdgeschoss brannte inzwischen lichterloh. Doch vom Mieter fehlte noch immer jede Spur. Während knapp 100 Einsatzkräfte das Feuer löschten, ging dann in der Notrufzentrale eine weitere Alarmierung aus Spandau ein. Ein BVG-Mitarbeiter hatte über eine Überwachungskamera im U-Bahnhof Rathaus Spandau einen schwer verletzten Mann entdeckt. Als ein herbeigerufener Notarzt feststellte, dass der Mann schwerste Verbrennungen erlitten hatte und die ebenfalls alarmierten Polizeibeamten die Personalien des 79-Jährigen überprüften, wurde schnell der Zusammenhang mit dem Brand am Eiserfelder Ring klar.

Demnach handelte es sich um den Mieter der abgebrannten Wohnung. Mit einem Rettungswagen wurde er ins Unfallkrankenhaus Berlin nach Marzahn gebracht. Nach Angaben einer Sprecherin sind 25 Prozent seiner Haut verbrannt. Der 79-Jährige hat Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Sein Zustand ist kritisch. Er liegt im künstlichen Koma. Was der 79-Jährige in der Stunde nach dem Ausbruch des Feuers in seiner Wohnung bis zu seinem Auffinden erlebte, gleicht einer Tortur. Nach Angaben eines Sprechers der Feuerwehr war er vermutlich unter Schock aus seiner Wohnung gerannt. Insgesamt zwei Kilometer legte er trotz seiner schweren Verbrennungen zurück. Unterwegs sprang er offenbar in den Mühlengraben, um seine Brandwunden zu kühlen. „Gesehen hat das zwar niemand“, so der Sprecher, „aber er war völlig durchnässt, als wir ihn gefunden haben.“

Gegen 3.30 Uhr beendete die Feuerwehr ihren Einsatz am Eiserfelder Ring. Die Ursache des Brands war unterdessen auch am Montagabend noch unklar. Weder ein technischer Defekt noch Brandstiftung könnten derzeit ausgeschlossen werden, sagte ein Polizeisprecher. Kriminaltechniker untersuchten am Montag den Tatort auf Spuren.

Der 79-Jährige ist vorerst nicht vernehmungsfähig. Nach Aussagen von Nachbarn soll er seit mehreren Jahren zurückgezogen in seinem 50 Quadratmeter großen Apartment gelebt haben. Immer wieder sei es zu Streitereien zwischen ihm und anderen Bewohnern gekommen, wobei der 79-Jährige die anderen öfter angeschrien habe.

Mieter zurück in Wohnungen

Trotz der Rauchentwicklung konnten fast alle Bewohner noch in der Nacht in ihre Wohnungen zurückkehren. Nur die Mieter der unteren Wohnungen wurden vorübergehend in anderen Stockwerken untergebracht. Noch am Montag wurde nach Angaben einer Sprecherin der Hausverwaltung mit den Reparaturarbeiten begonnen. Wie hoch der Schaden ist, sei noch unklar.

Erst am Mittwoch vergangener Woche hatte es in einem Pflegeheim in Wilmersdorf gebrannt. In einem Aufenthaltsraum im vierten Obergeschoss war eine Küchenzeile in Flammen aufgegangen. Die 15 Patienten der Station wurden teils mithilfe von Fluchthauben in Sicherheit gebracht. Sieben Menschen, darunter zwei Pflegekräfte und zwei Polizeibeamte, mussten mit Rauchgasvergiftungen und Schocksymptomen in Krankenhäuser gebracht werden.