Lokalpolitik

Die Anti-Buschkowsky

Als künftige Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg will sich Monika Herrmann (Grüne) in die Integrationsdebatte einmischen

Monika Herrmann schätzt die klare Ansage. Sie ist direkt, und sie geht keinem Streit aus dem Weg. Insofern ist die designierte Nachfolgerin von Franz Schulz im Bürgermeisteramt von Friedrichshain-Kreuzberg eine echte Berlinerin. Die Grünen haben die 48-Jährige nominiert, die Wahl in der Bezirksverordnetenversammlung im Juni ist eine reine Formsache.

Die zweite Frau in diesem Amt in Berlin neben der Tempelhof-Schönebergerin Angelika Schöttler will näher an die Leute ran als ihr oft zurückhaltend auftretender Vorgänger: „Die Aufgabe einer Bürgermeisterin ist, Ansprechpartnerin für alle zu sein“, sagt die studierte Politologin, die ihre berufliche Laufbahn in allerlei Projekten begann, ehe sie die Verwaltung im Bezirksamt von der Pike auf kennenlernte. So lautet ihre Devise denn auch: „Nicht zuständig gibt es nicht.“

Tief verwurzelt im linken Milieu

Monika Herrmann, die seit sieben Jahren als Jugendstadträtin die Bezirkspolitik mitgestaltet, sei „knallhart“ und tief verwurzelt in dem als sehr links geltenden Kreuzberger Grünen-Milieu. Das sagen zumindest ihre Parteifreunde aus anderen Teilen der Stadt. Die passionierte Radfahrerin, die jeden Tag von ihrer Wohnung im Bergmann-Kiez zum Rathaus nach Friedrichshain fährt und auch sonst die meisten Termine per Rad erledigt, will den legendären Ruf ihres Bezirks als bunter Schmelztiegel aller möglicher Kulturen stärker als bisher für die Diskussionen über Integration und Inklusion unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen nutzen. „Unser Kurs ist von dem in Neukölln diametral verschieden“, sagt Monika Hermann und kritisiert Neuköllns SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Dem wirft sie vor, in seinem politischen Handeln wie in seinem Buch viele Menschen verbal auszugrenzen. „Dagegen werde ich eine deutliche Stimme in der Stadt werden“, kündigt Monika Herrmann an.

Auch den Umgang mit Bildungs- und Integrationsproblemen im Nachbarbezirk Neukölln prangert die Kreuzbergerin an. Da gehe es nur um „Law and Order“, um Strafen und Sanktionen, etwa gegen Schulschwänzer. Dennoch seien die Ergebnisse in Neukölln nicht gut. In Friedrichshain-Kreuzberg gebe es eine bessere Infrastruktur, um Probleme wie das Schulschwänzen an der Ursache zu bekämpfen und den Leuten gleichzeitig zu helfen. Selbst wenn das Schulgesetz allen die gleichen Sanktionsmöglichkeiten biete: „Der Knüppel bleibt bei uns im Sack“, sagt Hermann. Schon als Jugend- und Schulstadträtin hat sie sich gelegentlich entsprechend geäußert. „Aber von einer Bürgermeisterin wird das anders gehört.“

Hart und direkt ist sie, aber nicht dogmatisch-ideologisch. Schon ihre familiäre Herkunft verbietet das. Sie stammt aus einem durch und durch politischen Haushalt aus Rudow. Ihr Vater Dieter Herrmann, heute 75, war in den 80er-Jahren Abgeordneter für die CDU. Und auch ihre Mutter Anneliese saß von 1989 bis 2006 für die Union im Abgeordnetenhaus und widmete sich dort der Jugend- und Sozialpolitik.

„Meine Eltern hätten wohl nicht gerade ihre goldene Hochzeit gefeiert, wenn sie nicht gemeinsam in einer Partei gewesen wären“, sagt die Tochter. Die Politik habe immer einen sehr hohen Stellenwert im Hause Herrmann gehabt. Aber wie so viele Sprösslinge aus eher konservativem Elternhaus zog es auch Monika Herrmann eher zu den ökologisch bewegten und weniger formalisierten Grünen. Natürlich wurde viel über Politik gestritten, das hat sie gestählt für lange Abende im Kreise der grünen Parteifreunde. „Ich bin in einer sehr diskussionsfreudigen Großfamilie aufgewachsen“, sagt die künftige Bezirksbürgermeisterin.

Auch wenn es um Erziehungsfragen ging, sei ihr Vater immer auf Diskussionen aus gewesen, anstatt einfach etwas zu verbieten. „Wenn ich gute Argumente hatte, ließ er mich machen“, erinnert sich die Politikerin, die auch schon mal kurz als mögliche grüne Bildungssenatorin in einer rot-grünen Koalition gehandelt wurde. Dass sie kompetent ist, daran zweifelt eigentlich niemand. Als Hobby nennt sie neben der Familie die Kommunalpolitik. In ihrer Diplomarbeit am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität beschäftigte sie sich mit Personalmanagement und Verwaltungsreform im Bezirksamt Kreuzberg. Monika Hermanns Herkunft könnte sie für eine schwarz-grüne Bündnisoption prädestinieren. Ihre Eltern gehörten dem linken Flügel der CDU an und hätten sehr gut mit den Grünen zusammengearbeitet, sagt sie. Zu Hause hätten sie schon Müll getrennt und Joghurtbecher ausgewaschen, da habe es die Grünen noch gar nicht gegeben. Sie selbst sehe einige Berührungspunkte zwischen beiden Parteien. Etwa das Prinzip der Subsidiarität, dass Probleme möglichst auf der untersten Ebene zu lösen sind und dass nicht der Staat alles richten könne. Aber mit der aktuellen CDU sei Schwarz-Grün „schwierig“ und „nicht vorstellbar“, sagt Herrmann. Die Friedrichshain-Kreuzberger Union unter dem bekennenden Konservativen Kurt Wansner sei „starker Tobak“, meint sie. Wansner hat ihrem Vorgänger Franz Schulz vorgeworfen, Investoren aus dem Bezirk vergrault zu haben.

Schulz war 1996 zum Bezirksbürgermeister von Kreuzberg gewählt worden. Dieses Amt übte er bis zum 31. Dezember 2000 aus, am Tag danach fand die Zusammenlegung mit Friedrichshain zum neuen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg statt. Schulz wurde im Jahr 2006 Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. Er habe viel erreicht, meint Herrmann. Man habe sich gut entwickelt, „wir sind sehr attraktiv, kein Wunder, dass so viele Menschen in unseren Bezirk kommen“, findet die noch amtierende Stadträtin, die als Bürgermeisterin zwar anders als Schulz nicht mehr direkt für die Stadtplanung zuständig sein wird. Diese Aufgabe übernimmt ihr Stadtratskollege Hans Panhoff.

Bürger einbeziehen

Dennoch werde sie im grün dominierten Bezirksamt Schulz’ Kurs weiterfahren, der stets versuchte, im Gegenzug für Genehmigungen von Bauvorhaben bei den Investoren etwas für die soziale Infrastruktur des Bezirks herauszuholen. Aber natürlich rechne sie damit, ebenfalls mit den Investoren zu verhandeln, denn die Bürgermeisterin werde ja oft zuerst aufgesucht, weil sie wichtige Ansprechpartnerin sei. Sie werde sich kümmern, dass dabei auch die diskussionsfreudigen Bürger in ihrem Bezirk einbezogen und Freiräume wie die Bürgergärten erhalten werden. „Ich finde, Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Vorzeigebezirk dafür, wie man miteinander umgeht“, sagt die Grüne.

Und auch wenn CDU-Mann Kurt Wansner das völlig anders sieht, so geht sie doch hin, wenn der Unions-Kreischef über Rot-Schwarz diskutieren möchte. „Ich rede mit allen“, sagt Monika Herrmann. Und wenn nötig, wird sie eine klare Ansage machen.