Zwischenzeugnis

Wer will noch ein Eis?

Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag

Felix, Taifun, kommt mal her!“ Ich gehe mit den beiden vor den Klassenraum. „Hier sind 20 Euro. Rennt mal rüber zu Aldi und kauft Eis für uns alle.“

Es ist die letzte Stunde vorm Wochenende. Draußen scheint die Sonne. Drinnen machen die Jungs meiner Klasse mit Frau Kriechbaum die Hausaufgaben. „Welches Eis sollen wir denn holen?“ „Na da gibt es doch so kleine, die aussehen wie Magnum.“ Felix verzieht das Gesicht. Das kleine Eis scheint nicht seinen Vorstellungen zu entsprechen. „Geht mal einfach hin und sucht was aus. Aber bringt mir den Bon mit.“

Mit einem fröhlichen „Null Problemo“ dampfen sie ab. Schüler lieben es während des Unterrichts irgendwohin geschickt zu werden. „Kann mal jemand aus dem Büro Kreide holen?“ „Ich!“ „Ich!“ „Nein, ich will!“

Jeder Schüler ist sofort dabei, wenn es um einen kleinen Gang geht, der eine kurze Unterbrechung des Unterrichts bedeutet. „Frau Freitag, Hamid ist schlecht, soll ich ihn ins Sekretariat begleiten?“ „Soll ich den Müll runterbringen?“ „Soll ich mal schnell am Vertretungsplan gucken gehen?“

Während der Unterrichtszeit kann man die Schüler überallhin schicken, solange die Stunde läuft, tun sie alles für dich. Aber wehe, du willst auch nur eine Sekunde ihrer Pause. Und als Lehrer darf man nicht immer die gleichen Schüler schicken. Manche Schüler, die sehr unzuverlässig sind, kommen nie in den Genuss eines kleinen Ausflugs. Andere schickt man gerne.

Nun sind also Felix und Taifun auf Mission. Eis kaufen. Vorher eine Sorte aussuchen. Gar nicht so einfach. Deshalb dauert es wohl auch ziemlich lange. Irgendwann stehen sie abgehetzt mit zwei Packungen Eis wieder vor der Tür.

„Hier. Da sind immer sechs drinne.“ Sie halten mir die Packungen hin. „Aber leider haben wir jetzt kein Eis für Sie und Frau Kriechbaum.“ „Wieso?“, frage ich. „Na, wir sind doch zwölf Jungs, und wir haben nur zwei Packungen Eis“, erklärt mir Felix. Taifun gibt mir den Bon und das Wechselgeld. „Vielleicht fehlt aber auch dein Eis und das von Taifun“, gebe ich zu bedenken. Felix guckt mich verwirrt an. Taifun schubst ihn leicht an der Schulter: „Ich meinte dir doch, dass wir noch mehr kaufen sollen.“ „Passt auf, hier sind zwei Euro, jetzt geht noch mal los und kauft noch eine Packung.“

Diesmal sind sie schneller zurück. Der Arbeitsauftrag war auch klarer. Jeder, der seine Hausaufgaben beendet hat, bekommt ein Eis. Es bleiben vier übrig. Felix, der seins gerade erst ausgepackt hat, kommt zu mir nach vorne. „Frau Freitag?“ „Ja?“ „Können nicht Taifun und ich noch ein Eis haben? Schließlich haben wir das ja auch geholt.“

„Ja, während die anderen hier über ihren Hausaufgaben geschwitzt haben. Aber Felix, ist gut zu wissen, wenn dir dieser kleine Gang so viel Mühe gemacht hat, dann werde ich dich in Zukunft nicht mehr irgendwohin schicken.“ Felix wird ein wenig rot und setzt sich wieder hin. Irgendwann klingelt es, und alle schlurfen gut gelaunt ins Wochenende. Beim Rausgehen drücke ich Felix noch ein Eis in die Hand.

Und was mache ich jetzt mit dem Rest? „Frau Kriechbaum, du gehst doch ins Lehrerzimmer, oder?“ „Ja? Wieso?“ „Da kommst du doch am Sekretariat vorbei. Wärst du so nett, die hier den Sekretärinnen zu geben?“ Frau Kriechbaum ist nicht begeistert, das kann ich unmissverständlich an ihrem Gesicht ablesen. „Okay, gib’ her. Ausnahmsweise. Weil du es bist.“ Als Lehrer hat man irgendwie nicht mehr den Drang nach einem Extragang. Ich hätte einfach einen Schüler schicken sollen. Dann aber auf jeden Fall vorm Klingeln.