Sicherheit

Freizeitbad warnt vor Sextätern

Verdacht auf Kindesmissbrauch: Ermittlungen in Kristall-Therme vor den Toren Berlins. Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen

Die Kristall-Therme in Ludwigsfelde ist ein Dorado für Menschen, die baden und sich entspannen wollen – rund 640.000 Besucher kommen jährlich in die Therme im Landkreis Teltow-Fläming, viele davon aus Berlin. Was das Freizeitbad von anderen Wellness-Oasen unterscheidet, sind die bei Anhängern der Freikörperkultur beliebten Nacktbadetage, fünf pro Woche.

Nun steht fest: In der Therme ist es offenbar in mehreren Fällen zu Sexualstraftaten gekommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Potsdam wurden im Zeitraum zwischen Januar 2012 und Mitte Mai 2013 insgesamt acht Ermittlungsverfahren eingeleitet, die Taten sollen laut Polizei überwiegend an den Nacktbadetagen begangen worden sein. Ermittelt wird unter anderem in drei Fällen wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch, in einer Sache wegen der Herstellung kinderpornografischer Schriften und in einem anderen Fall wegen Exhibitionismus. „In einem Fall des schweren sexuellen Missbrauchs wurden die Ermittlungen bereits eingestellt mangels hinreichenden Tatverdachts“, sagte Sarah Kress, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Potsdam, der Berliner Morgenpost.

Der Betreiber der Therme, die Kristall Bäder AG, räumte die Vorfälle ein. Deren Chef Heinz Steinhart will nun mit präventiven Maßnahmen, Wachschutz und Sicherheitskameras künftige sexuelle Übergriffe verhindern. „Wir haben Videokameras installiert und arbeiten eng mit der Polizei zusammen.“ Die Videokameras seien aber nur in Bereichen angebracht worden, in denen sie nicht die Intimsphäre der Besucher verletzen, also nicht in Umkleidekabinen. Die Aufnahmen könne auch nur die Polizei ansehen und auswerten. Steinhart: „Mir ist kein Aufwand zu groß, um derartige Übergriffe zu vermeiden.“ In dieser Häufigkeit seien ihm solche Fälle aus anderen Anlagen nicht bekannt.

Dass die Straftaten im Zusammenhang mit dem FKK-Angebot stünden, bestreitet der Chef der Kristall-Gruppe jedoch vehement. Straftaten mit sexuellem Bezug gebe es auch in anderen Schwimmbädern: „Alle Bäder sind bevorzugte Anlaufpunkte für Pädophile“, meint Steinhart. „Kinder werden mit Versprechungen in die Umkleidekabinen gelockt.“ Andere Bäder würden diese Fälle jedoch oft vertuschen: „Die Betreiber meinen, es fiele ein Schatten auf ihr Haus. Wir denken das Gegenteil und gehen offensiv damit um, das ist doch die einzige Möglichkeit, das Vertrauen der Besucher wiederzugewinnen.“ Als die ersten Missbrauchs-Verdachtsfälle bekannt wurden, habe sich die Kristall-Therme der Aktion „Kein Raum für Missbrauch“ angeschlossen, an der auch Kitas und Schulen teilnehmen.

Laut Steinhart ist es zu keinen weiteren Übergriffen gekommen, seit die Kameras installiert worden sind. Einem Bademeister, der eine Frau belästigt habe, sei zudem fristlos gekündigt worden. Dieser Schritt sei gerichtlich bestätigt worden. In den aktuellen Fällen gingen die Übergriffe allerdings immer von Besuchern aus. Nun wurden zudem Info-Zettel ausgehängt, die über Einschränkungen des Nacktbadebetriebs informieren. Vorgeschrieben ist nun, dass Jugendliche bis 16 Jahre nur noch in Begleitung eines Erwachsenen in den Thermenbereich gelassen werden und Kinder bis zwölf Jahre Badebekleidung tragen sollen, auch an FKK-Tagen. Die Eltern sollen sich nicht aus der Pflicht genommen fühlen, ihre Kinder im Auge zu behalten: „Mütter und Väter dürfen ihre Kinder in der Kristall-Therme nicht alleine lassen“, sagt Steinhart. „Wir können nicht garantieren, dass die Pädophilen alle draußen bleiben. Auffällig gewordene Personen hätten aber Hausverbot, das gelte für alle Bäder im Land.

Den Landtagsabgeordneten Sven Petke (CDU) überzeugen die Präventionsmaßnahmen der Kristall-Therme indes nicht. In einer Anfrage hat er den brandenburgischen Justizminister Volkmar Schöneburg (Linke) um Auskunft zur Kristall-Therme gebeten. In seiner Antwort bestätigte Schöneburg, dass die Straftaten vor allem an Nacktbadetagen passiert sein sollen. „Ich war über die Zahl der Ermittlungsverfahren sehr erstaunt“, sagte Petke, der in Teltow-Fläming seinen Wahlkreis hat, der Berliner Morgenpost. Er stehe dem Modell der Kristall-Therme, dass Nacktschwimmer und Besucher mit Badekleidung gemeinsam baden, äußerst skeptisch gegenüber. „Dieses Modell ist offenbar kritisch.“ Die hohen Besucherzahlen seien allerdings ein Beleg dafür, dass Steinharts Konzept des Nacktbadens, mit dem der Betreiber ausdrücklich Werbung für die Therme mache, auch aufginge. „Es zieht aber Leute an, die da nicht hingehören. Der Betreiber hat das nicht im Griff.“ Steinhart selbst habe in einem Interview zugegeben, dass er und seine Mitarbeiter nicht überall sein könnten.

Eröffnet wurde die Ludwigsfelder Thermen- und Saunalandschaft im Jahr 2006. Der mittelfränkische Unternehmer und Bäder-König Heinz Steinhart wollte sich mit seinem Konzept des textilfreien Badens von anderen Freizeitbädern in Brandenburg absetzen und sich ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. Mit seinem FKK-Angebot schließt er an die ostdeutsche Tradition des Nacktbadens an. Die meisten Gäste kommen aus Berlin und Potsdam. Die Bäder-Gruppe mit rund 850 Mitarbeitern betreibt zwölf Einrichtungen in Deutschland.

Nach Polizeiangaben kommt es landesweit statistisch betrachtet in Hallen- und Freibädern nicht verstärkt zu sexuellen Übergriffen. Demnach gab es im vergangenen Jahr zwölf abgeschlossene Verfahren. 2011 und 2010 waren es je elf. In mehr als der Hälfte der Fälle seien Kinder betroffen gewesen, sagte ein Polizeisprecher. In anderen Verfahren sei es etwa um Exhibitionismus gegangen.