Bildung

Ein gepflegtes Problem

Altenpflege-Azubis müssen für ihre Ausbildung zahlen. Der Gesundheitssenator will das jetzt abschaffen – doch das Geld fehlt

Klaus Schulze hat schon viele Mitarbeiter im Haus kommen und gehen sehen. Seit fünf Jahren lebt der heute 70-Jährige im St.-Elisabeth-Stift an der Eberswalder Straße. Das Pflegepersonal wechsle leider öfter, erzählt Schulze, gerade an den Wochenenden seien häufig fremde Arbeitskräfte da, die kaum bekannt sind bei den Bewohnern des Hauses. Das sei, soweit er wisse, bei den meisten Pflegeheimen der Fall, sagt Schulze. „Es gibt zu wenig Personal, die Leute werden schlecht bezahlt, und dann sind sie irgendwann kaputt gespielt“, sagt er – entsprechend hoch sei die Fluktuation.

Das Problem ist lange bekannt. Schon nach fünf Jahren arbeitet die Hälfte aller Absolventen einer Altenpflegeausbildung nicht mehr in dem erlernten Beruf, schreibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Studie von 2012. Die Gründe: Überbelastung, geringes Einkommen, wenig Entwicklungsperspektiven. Was nicht in so einer Studie steht, kann Klaus Schulze berichten: „Es ist nicht so angenehm, immer wieder von neuen Leuten gepflegt zu werden.“ Schließlich berühre das die Intimsphäre. Und Zeit, mal jemandem „nett die Hand auf die Schulter zu legen“ bleibe auch wenig, so sehr sich die Mitarbeiter auch bemühen würden.

Am Donnerstag hatte Schulze, der sich im Heimbeirat des Stifts engagiert, einmal Gelegenheit, ein paar Entscheidungsträgern die Sorgen der Bewohner zu schildern. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), Berlins Ärztekammerpräsident Günther Jonitz und Martin Matz, der Chef des hiesigen Diakonischen Werks, das auch das St.-Elisabeth-Stift betreibt, waren zu Gast. Sie machten eine Tour durch das Heim, diskutierten auch mit Angestellten und unterzeichneten schließlich vor den Kameras die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“.

Die Unterzeichnung der Charta – deutschlandweit initiiert von Hospiz- und Palliativverbänden und Bundesärztekammer – solle öffentlich deutlich machen, dass die Begleitung sterbender Menschen ein wichtiges Thema sei, betonen Czaja, Matz und Jonitz. Berlin sei in Sachen Palliativmedizin und Hospizdienste schon gut aufgestellt, aber gerade bei der Vernetzung der Angebote gebe es Nachholbedarf. Nun verpflichtet sich Berlin, die Strukturen zu verbessern und Sterbenden würdigere Bedingungen zu schaffen. Und die Qualität der Ausbildung in der Pflege zu verbessern.

Letzteres ist Martin Matz’ Stichwort. „In der Pflege zu arbeiten muss auskömmlich bezahlt werden“, sagt Matz und fordert zudem: „Das Schulgeld, das für die Altenpflegeausbildung aufgebracht werden muss, gehört endlich abgeschafft.“ Man dürfe nicht über mehr Wertschätzung für Pflegekräfte einerseits reden und auf der anderen Seite den Geldbeutel zuschnüren.

Die Situation ist paradox: Laut einer Studie von Pricewaterhouse Coopers (PWC) werden in Berlin im Jahr 2030 etwa 170.000 Pflegebedürftige leben, aktuell sind es rund 110.000. Gleichzeitig werde sich eine eklatante Lücke bei der Versorgung dieser Menschen auftun. Laut PWC werden 45 Prozent der notwendigen Pflegekräfte im Jahr 2030 fehlen. Die Politik geht das Problem an und startet Ausbildungsoffensiven sowie Werbekampagnen, außerdem hat die Bundesregierung ein Abkommen mit den Philippinen unterzeichnet, um dort Fachpersonal für die Pflege abzuwerben. Zugleich ist in Berlin für Schüler die Ausbildung für Altenpflege an den Fachschulen größtenteils kostenpflichtig.

400.000 Euro Kosten monatlich

Damit werde „die Attraktivität der Altenpflege nicht eben erhöht“, heißt es in einem Brief, den Matz als Vorsitzender des Landespflegeausschusses an die für die Fachschulen zuständige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geschrieben hat. Er fordert darin, den Landeszuschuss an die Schulen so zu erhöhen, dass dadurch nicht nur – wie bisher – Personalkosten gedeckt würden, sondern auch das Schulgeld wegfallen könne. Ein Beispiel dafür sei Niedersachsen.

In Berlin gibt es laut Bildungsverwaltung 32 Fachschulen privater Träger und eine in öffentlicher Trägerschaft. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind 19 Schulen hinzugekommen. Entsprechend ist die Zahl der Altenpflegeschüler von 1567 Pflegeschülern im Jahr 2008 auf 2376 im vergangenen Jahr gestiegen.

Die Antwort von Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) auf Matz’ Schreiben ist nüchtern. Man sehe den Fachkräftebedarf, aber für eine Erhöhung der Zuschüsse „sehe ich derzeit angesichts der allgemein angespannten Haushaltslage“ Berlins „keinen politischen Spielraum“, heißt es in dem Brief von Ende April, der dieser Zeitung vorliegt. Außerdem verbiete das Schulgesetz eine Übernahme von Schulgeldern bei privater Trägerschaft. Der Schulsenat verweist zudem an die Arbeitsagentur, die Umschulungen zur Altenpflege fördere.

Eine „Schutzbehauptung“ nennt Matz die Sache mit dem Schulgesetz. „Das könnte man schnell ändern.“ Unterstützung für seine Forderung gibt es vom Berufsverband der Pflegeberufe DBfK, deren Regionalchefin Anja Kistler nicht nur eine Abschaffung des Schulgelds fordert, sondern die Strategie der Politik kritisiert, schnell „Menschen mit wenig Bildung“ in Pflegeberufe zu bringen, statt die Qualität zu verbessern.

Auch Gesundheitssenator Czaja pflichtet Matz bei. Es würde den Haushalt monatlich etwa 400.000 Euro kosten, wenn das Land das Schulgeld quasi übernehmen würde, rechnet er am Donnerstag vor. „Ich würde Frau Scheeres wahnsinnig gern darin unterstützen, das Geld beim Finanzsenator auszuhandeln“, sagt Czaja und grinst. Es seien schließlich gerade Haushaltsberatungen im Senat.