Porträt

„Ich stehe zu dem, was ich getan habe“

Irene B. hat fünf Menschen getötet. Es waren Patienten, die ihr als Krankenschwester in der Charité anvertraut waren. 2007 wurde sie zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Medien bezeichneten sie als „Todesengel“ und „Schwester Tod“. Fühlt sie heute Schuld oder Reue? Ein Besuch im Gefängnis

Irene B. bindet sich eine Schürze um. Geht dann los, durchquert die Werkstatt und hebt einen Computer ohne Rückenverkleidung auf den Tisch. Sie steht davor und betrachtet sein Innenleben. Dann greift sie mit beiden Händen hinein. Sie stöpselt kleine Kabel ab. Sie hat flinke, sichere Hände. Hände, die genau wissen, was sie tun.

Die 60-Jährige arbeitet in den Werkstätten des Frauengefängnisses in Pankow. Seit sieben Jahren ist sie inhaftiert. Das Berliner Landgericht hat sie zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Denn Irene B., so sagen es die Richter, ist eine Mörderin. Fünf Menschen hat sie nachweislich getötet, indem sie ihnen Überdosen eines Blutdrucksenkers spritzte. Patienten, die ihr als Krankenschwester auf der Station 104i der Charité anvertraut waren. Sie hat „ihr Sterben verkürzt“, wie sie es nennt. Und ihr Leben, so sagen es die Richter.

In den Medien bekam sie die Beinamen „Todesengel“ und „Schwester Tod“. Wie lebt Irene B. heute, empfindet sie Schuld, Reue?

Irene B. kümmert sich um die Computerwerkstatt im Gefängnis. Die Regale, die bis unter die Decke reichen, sind mit großen und kleinen Kisten gefüllt, jede akkurat beschriftet und nach einem System geordnet. Die erste sommerliche Luft dieses Jahres strömt durch das Fenster hinein. Regelmäßig sind Flugzeuge im Landeanflug zu hören. Sie selbst hat dünnes, rötliches Haar und trägt ein grünes T-Shirt mit Kragen, knitterfrei und gepflegt. Durch eine Brille mit dünnem Rand beobachten ihre Augen ihr Gegenüber.

2021. Am Anfang konnte sie die Zahl nicht aussprechen. Wenn sie entlassen wird, ist sie um die 70. „Es hat Jahre gedauert, bis es mir möglich war, 2021 zu sagen, ohne sofort zu weinen.“ Dass sie von nun an in einer Haftanstalt leben würde, war für sie kurz nach ihrer Verurteilung im Jahr 2007 nicht zu begreifen. Mittlerweile hat sie sich arrangiert, hält sich an dem Gedanken fest, dass es absehbar ist, bis sie wieder hinaus darf. Sie lenkt sich ab, geht in die Computerwerkstatt und beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit Kunst.

Täglich arbeitet sie von sieben bis 15.15 Uhr, freitags bis 13 Uhr. Jeder ihrer Tage im Gefängnis folgt einer festen Struktur. Das ganze Jahr über und noch weitere sieben Jahre lang. Struktur und Hierarchie, das kennt sie vom Schichtdienst, den sie im Krankenhaus leistete, 35 Jahre lang. Sie galt als gut ausgebildete, erfahrene Pflegekraft. Jetzt geht sie zu einem Schreibtisch, schaltet dort einen intakten Rechner ein. Denn Irene B. hat sich auch in der Haft fortgebildet. Sie zeigt, wie gut sie das Computerprogramm Windows 8 beherrscht. Mit der Maus fährt sie über den Bildschirm, sie öffnet das Grafikprogramm, damit würde sie häufig gestalten, zum Beispiel Einladungen für den Gefängnisgottesdienst.

Sie erzählt davon, dass sie fast zwei Jahrzehnte im Jüdischen Krankenhaus arbeitete, Verantwortung übernahm und sich auch früher schon erfolgreich fortbildete. Denn sie hatte ein Ziel. „Es war immer mein Traum, an der Charité zu arbeiten“, sagt sie. Sie bewarb sich, wurde eingestellt und blieb zehn Jahre an der Universitätsklinik. Bis zu ihrer Verhaftung am 4. Oktober 2006.

Irene B. ist zurück am Reparaturtisch. Sie hebt eine Platine an und prüft mit dem Finger eine gelötete Verbindung zu einem kleinen Draht. „In einen Computer hineinschauen zu können, das fasziniert mich“, sagt sie. „Ich kann da stundenlang rumfummeln und probieren. Und wenn die Möglichkeiten ausgeschöpft sind, dann geht es eben nicht. Ich entsorge auch, was nicht mehr gebraucht wird.“

Sie spricht mit Eifer und klingt dabei etwas stolz. „Es gibt strenge Vorgaben bei uns, wie zu arbeiten ist.“ Auch ihr Chef lobt ihre Effizienz, auch Disziplin ist ihr extrem wichtig. „In ihrem kleinen Arbeitsraum, in dem sie täglich mit einer anderen Inhaftierten sitzt, hat sie auf jeden Fall das Sagen“, sagt Werkstattleiter Uwe Kehl.

Sie komme jeden Tag pünktlich zur Arbeit, sei nie krank, immer fleißig. Helfe überall mit, sei sich für nichts zu schade. Auch wenn sie gut Computer reparieren und aufrüsten könne, Festplatten lösche, neue Betriebssysteme aufspiele, „putzt sie ebenso Mäuse und Tastaturen“, sagt Kehl.

Aber nicht immer folge sie allen Anweisungen, wisse sogar einiges besser als die Werkstattleitung. „Manchmal arbeitet sie an etwas anderem als an dem, was ihr aufgetragen wurde. Das haben wir hier nicht so gerne.“ Es käme auch vor, dass sie bis zur Erschöpfung ackere, erzählt er. Im Kräutergarten, in dem sie dieses Jahr wieder mithelfen will, wurde unter Anleitung des Gefängnispersonals der Boden bearbeitet. Wenn die anderen sich ausruhten, machte Irene B. kaum Pause. Einmal, so erzählt Kehl, habe sie zu ihm gesagt: „Man müsse so arbeiten, dass man seine Glieder spüre. Dass man am Ende des Tages merke, dass man etwas getan habe.“

Verbindung zum Internet gibt es in der PC-Werkstatt nicht. Irene B. entwirft alle zwei Wochen die Gottesdiensteinladungen für die anderen Insassen. Dazu braucht sie Bilder, die Uwe Kehl für sie aus dem Netz zieht. Die Programme beherrscht sie inzwischen, sie kennt jede Funktion, Zehn-Finger-Schreiben hat sie auch gelernt. „Das ist alles wichtig für die geistige Fitness“, sagt sie. „Wer sein Leben lang aktiv ist, bleibt auch im Alter geistig fit.“ Fit bleiben für die Zeit im Gefängnis und danach. Irene B. macht eine Pause. Sie setzt sich an einen Tisch und verschränkt die Arme. Die 60-Jährige möchte darüber sprechen, wie es ist, im Gefängnis älter zu werden. Das ist ihr ein wichtiges Anliegen.

Sie liest viel, hört Kulturradiosender, sieht sich Dokumentationen im Fernsehen an. Die ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“ hat sie im vergangenen November aufmerksam verfolgt. 2009 hat sie das Fernstudium „Kunst erweitern und verstehen“ abgeschlossen. Seit einiger Zeit formt sie in den Kunsträumen der Haftanstalt Skulpturen, zeigt stolz ein Fotoalbum davon. Weiße, menschliche Gesichter und Körper in verschiedenen Haltungen. Ein Gesicht hat sie liegend fotografiert, es hat einen entspannt geöffneten Mund. „Dieser Mund hat sich so ergeben, als ich die Form von dem Material gelöst habe. Das sieht aus wie das Gesicht eines Toten, finde ich.“

Einmal pro Woche probt sie mit anderen Inhaftierten Theaterstücke. Zurzeit ein Stück über eine Gruppe von Frauen mit unterschiedlichen Lebensmodellen, die auf einem Schiff sind und von sich erzählen. „Als wir einmal mit der Theatergruppe außerhalb der Haftanstalt aufgetreten sind, war das etwas sehr Schönes“, sagt sie. „Dass wir als Randgruppe von der Gesellschaft anerkannt wurden.“ Aufgeführt wurden Dostojewskis „Schuld und Sühne“, „Der Fremde“ von Albert Camus und eine Variation von „Einer flog über das Kuckucksnest“. Sie macht Yoga und Tae Bo. Für das Projekt „Eco PC“ zerlegt und recycelt sie seit 2009 Computer, setzt sie neu zusammen und rüstet sie auf, damit sie an gemeinnützige Organisationen gespendet werden, die nächste Ladung geht an ein Frauengefängnis in Tunesien.

Irene B. ist im Gefängnis eine Einzelgängerin und hat nur wenig Kontakt zu den anderen Insassen. Aber viele hätten ihr geschrieben. Sie habe wertvolle Freunde kennengelernt. Es gäbe sechs Menschen, mit denen sie regelmäßig Kontakt habe. Manchmal bekommt sie auch Besuch. „Das ist mein Blick zur Außenwelt. Es sind ältere Menschen, und dadurch, dass ich ja auch älter werde, sind diese Kontakte eine Bereicherung für mich. So weiß ich, wie alte Menschen außerhalb des Gefängnisses leben.“

Rund 50 Insassen hat das Frauengefängnis in Pankow, unterschiedlich schwere Delikte haben sie hierher gebracht. Irene B.s Zelle ist auf Station B, wo die schweren Fälle untergebracht sind. Frauen, die jemanden getötet haben, zum Beispiel. „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals solche Leute kennenlerne“, sagt Irene B., als ob sie nicht dazugehören würde.

Während sie spricht, geht ihr Blick immer wieder aus dem offenen Fenster oder geradeaus an die Wand. Immer wieder fixiert sie ihr Gegenüber. Und dann beginnt sie davon zu erzählen, von den Ereignissen, die sie ins Gefängnis gebracht haben, alles, was schließlich zu dem Urteil geführt hat. Dann spricht sie langsam und mit bedeutungsschweren Worten. Sie überlegt lange, bevor sie etwas sagt, scheint jeden Satz abzuwägen. Wie viel davon ist Erlerntes aus jahrelanger Psychotherapie und wie viel eigene Reflexion? Ihr Blick geht wieder aus dem Fenster. „Ich fühle mich nicht unschuldig“, sagt sie. „Mir war in diesem Moment nicht klar, dass ich eine Straftat begehe. Wenn ich gewusst hätte, dass ich dafür ins Gefängnis gehe, hätte ich es nicht getan.“

Wer sich mit Irene B.s Fall befasst und die Berichte aus der Zeit des Prozesses liest, stößt immer wieder auf die Frage der Reue. So, wie sie spricht, zeigt sie sie bis heute nicht. „Dass die Toten im Nachhinein noch einmal exhumiert werden mussten. Mit anschließender zweiter Beerdigung. Das ist doch schrecklich.“ Es klingt aufrichtig, wie sie das sagt. Die Angehörigen, die tun ihr leid. Sie sagt: „Diese Konsequenz habe ich überhaupt nicht gesehen.“

Über das, was noch davor war, das Motiv für ihre Morde, spricht sie nicht direkt. Bei Fragen dazu holt sie weit aus, erzählt davon, dass das alles Unsinn war, was über sie geschrieben wurde, zum Beispiel, dass Gott ihr die Taten befohlen habe. Sie schweift ab und weicht aus. Sie analysiert ihr Inneres. „Ich muss in meinem Leben an einen Punkt gekommen sein, wo sich etwas verändert hat“, sagt Irene B. „Denn Sterbende habe ich die ganze Zeit in meinem Leben gesehen. Was ich getan habe, stand unter meinem Einfluss, aber es muss sich im Unterbewusstsein etwas abgespielt haben, was nach vorne gedrungen ist. Ich kann es mir selbst nicht erklären.“ Ihre Sprache wird noch langsamer als vorher, ihre Stimme wirkt rauer. „Ich habe in diesem Moment nichts gedacht, schon gar nicht an diese Konsequenz. Es geschah spontan.“ Schließlich sagt sie diesen Satz: „Meine Motivation war, diesem Leid ein Ende zu setzen.“ Die Worte klingen, als hätte sie sie schon oft gesagt. Auch in dieser Situation wirkt es, als wolle sie Erwartungen erfüllen.

Sie gießt Mineralwasser in einen weißen Pappbecher. Ihr Blick bleibt am Tisch hängen. Ihre Erklärungsversuche über das Geschehene wirken unverhältnismäßig angesichts des Leides, das sie bei den Angehörigen verursacht hat. Ihre Sinnsuche bei sich selbst wirkt verstörend beim Gedanken an die Opfer.

Irene B.s Vater, Jahrgang 1890, starb pflegebedürftig im Paul-Gerhardt-Stift, als Irene B. zwölf war. „Man hatte ihn ins Bad geschoben, weil man sonst keinen Platz für ihn hatte“, erzählt sie. Ihre Mutter, die 25 Jahre jünger war, starb ebenfalls in einem Pflegeheim, als Irene B. Anfang dreißig war. Den Umgang mit ihren Eltern empfand sie als nicht würdevoll. Vielleicht waren die Umstände, unter denen ihr Vater starb, unterbewusst prägend, mutmaßt sie. Sie empört sich über die Umstände, unter denen heute Palliativmedizin betrieben wird. „Wenn in einer Klinik in Brandenburg, wie ich hörte, Personal entlassen werden muss, um die Kosten für die Patienten decken zu können, dann muss da noch sehr daran gearbeitet werden.“

Wollte Irene B. den Menschen wirklich helfen? Sie tötete die Patienten aus eigener Motivation heraus, nahm ihnen das Leben, ohne sie zu fragen. Mit Sterbehilfe hat das nichts zu tun. Einer 48-jährigen Patientin setzte sie im Beisein ihres Ehemannes eine vielfach erhöhte Dosis eines Blutdrucksenkmittels, sodass sie wenige Momente darauf starb. Die Frau wollte zu Hause im Kreis ihrer Familie sterben, ihr Mann wollte sie abholen. Einen anderen Patienten tötete sie mit einer Spritze, während die Ärzte versuchten, ihn zu reanimieren. Viele der Angehörigen, die ihr so leid tun, hätten sich gerne von den Sterbenden verabschiedet und konnten es nicht mehr.

Später zeigte man ihr Bilder von den Obduktionen. „Es gab Momente, da war ich fassungslos, wie so etwas möglich ist. Nach jahrelanger guter Arbeit“, sagt sie mit lauter werdender Stimme und schüttelt den Kopf. „Wie kommt es zu solchen Momenten?“ Als habe sie bloß bei der Arbeit versagt, ihre berufliche Verantwortung nicht erfüllt. Wieder geht ihr Blick an die Wand gegenüber, als sie leise sagt: „Ich stehe zu dem, was ich getan habe.“

Auf die Frage, ob sie die Patienten willkürlich ausgesucht hat, sagt sie entrüstet: „Ja, das würde einem Serienmörder entsprechen.“ Im Hinblick auf einen möglichen Auslöser und die Gespräche mit der Psychologin, der sie sehr dankbar sei, meint sie: „Wir sind noch lange nicht fertig. Ich meine, sechzig Jahre Leben, da kommt vieles zusammen.“ Was bringt einen Menschen dazu, der offenkundig bei Nachbarn und Freunden beliebt ist, als hilfsbereit und sozial gilt, so etwas zu tun?

Irene B. versucht, sich zu erklären. Dabei fällt auf, dass sie häufig „privat“ sagt, wenn sie über sich selbst spricht, als wollte sie damit zwei Seelen ausdrücken, eine, die beruflich handelte und eine privat. Es ist eine akkurate, professionelle Ausdrucksweise. Sie habe immer versucht, Berufliches und Privates zu trennen. Irgendwann sei das aber nicht mehr so leicht gewesen. Vor allem ihre Scheidung 2006 habe sie mehr aus der Bahn geworfen, als sie dachte. Auch wenn sie schon länger getrennt war von ihrem Mann, nun sei ihr bewusst geworden, dass eine „Art roter Faden“ für immer abgeschnitten war.

Sie habe sich allein gefühlt, sagt sie: „Ich bin auf einmal mit mir privat selbst nicht mehr zurechtgekommen. Es war die Angst, wie wird alles privat weitergehen. Jetzt bist du allein.“ Sie habe die Gedanken daran verdrängt. „Ich konnte mir selbst nicht helfen, aber anderen habe ich geholfen. Denen, die im finalen Stadium waren.“ Woher sie wüsste, dass es das finale Stadium war? „Was ist schon hundertprozentig im Leben?“

Vor Gericht schwieg sie

Das Urteil des Berliner Landgerichts am 29. Juni 2007 ist in ihrer Erinnerung sehr präsent. „Der Richter hat den Prozess gut geführt. Am Ende hätte ich mich gerne bei ihm bedankt. Er stand nach der Urteilsverkündung an einem Tisch hinter mir ganz in der Nähe.“

Niedere Beweggründe und Heimtücke sind Mordmerkmale, denen das Berliner Landgericht folgte, als es Sterbehilfe ausschloss. „Ich bin froh, dass man im Prozess nicht die Anknüpfung an die Nazizeit gemacht hat, an die Euthanasie. Hätte ja durchaus sein können“, sagt Irene B. Den Prozess habe sie wie einen Film, wie einen Traum erlebt. „Mir wurde gesagt: ,Frau B., sagen Sie lieber nichts.‘ Das bereue ich heute. Vor allem nachdem ich die Aussagen meiner ehemaligen Kollegen gehört hatte. Ich hätte sagen sollen, wie es wirklich gewesen ist.“ Auf die Frage, was sie denn gesagt hätte, antwortet sie nicht. Stattdessen: „Was hätte mir denn schon passieren können? An dem Gerichtsurteil hätte sich nichts geändert. Aber an dem Urteil der Menschen.“

Ehemalige Kollegen hatten vor Gericht ausgesagt, sie hätten Irene B. bereits in der Zeit vor den Morden beobachtet, wie sie mit Patienten ruppig umgegangen sei, sie zum Teil sogar geschlagen hätte. Auch habe sie mal ein notwendiges Sauerstoffgerät nicht aufgedreht, mal gefragt, ob sie bei einem sterbenden Patienten das Beatmungsgerät abschalten dürfe. Die Aussagen der Kollegen hätten nur teilweise zugetroffen, sagt Irene B. Sie sei entsetzt darüber gewesen, was alles behauptet worden war. „Es hat vieles einfach nicht gestimmt. Ich weiß, was passiert ist. Ich kann mich an alles sehr genau erinnern.“ Aber sie habe die Charité und ihren Ruf beschädigt, das wüsste sie heute.

„Ich bin nicht falsch beurteilt worden von den Gutachtern. Aber Gutachter haben auch Schubladen, und in so eine bin ich gesteckt worden. Es gibt Täterprofile, und in die passt man schon irgendwie rein.“ Es sei ja schon viel geschrieben worden über Pflegepersonal, das so etwas tut. Bei der Urteilsverkündigung habe sie nichts gedacht. „Ich glaube, ich habe aus dem Fenster gesehen, und es war, als ob alles nur so an mir vorbeischallte. Ich habe dreimal geschluckt, und dann wurde der Raum leer geräumt.“ Dann kam sie in die Räume unter dem Gerichtsgebäude. „Ich saß da unten und hörte nicht auf zu weinen. Ich begriff plötzlich das Ausmaß meiner Strafe.“

1952 wurde Irene B. in Hermsdorf geboren. Sie spielte als Kind oft mit einem Rotkreuzkoffer, den sie geschenkt bekommen hatte. Darin waren Mullbinden, Heftpflaster und ein Stethoskop. Sie interessierte sich für medizinische Themen wie Knochenaufbau, Stoffwechsel und Hirnfunktionen. Nach der Schule arbeitete sie freiwillig im Dominikus-Krankenhaus in Hermsdorf, in dem sie geboren worden war. Das war ihr erster Kontakt mit dem Pflegeberuf, sie half beim Füttern der Kranken. Nachdem sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen hatte, arbeitete sie zwei Jahre dort. Sie mochte die christliche Gemeinschaft und das Verständnis von Ethik und Moral. Sie hatte ihren Beruf gefunden.

Später heiratete sie einen Mann, mit dem sie viel gemeinsam hatte, eine Lebensphilosophie und vor allem das Reisen in ferne Länder. Sie mochte ihre Arbeit im Jüdischen Krankenhaus, blieb dort fast zwei Jahrzehnte und arbeitete auf der kardiologischen Intensivstation. Rückblickend habe sie sich mit der Klinik und der jüdischen Geschichte des Hauses identifiziert. Sie machte Fortbildungen, absolvierte den Kurs „Fachschwester für Intensivpflege und Anästhesie“ im Deutschen Herzzentrum. Nach Zerwürfnissen am Arbeitsplatz wechselte sie die Klinik. Mit 44 Jahren begann sie, an der Charité zu arbeiten.

Sie feierte die erfolgreiche Bewerbung mit einem festlichen Essen an der Spree, fühlte sich jung und dynamisch, wie sie sagt, und prostete sich selbst zu. Im Hintergrund leuchtete die Schrift des großen Hochhauses der Charité. Mehr als zehn Jahre arbeitete sie auf der kardiologischen Station mit Einsätzen in der Dialyse und im Herzkathederlabor. Als ihre Beziehung zerbrochen und 2006 die Scheidung gefolgt sei, habe sie ihre Arbeit und ihren Sport gehabt. Und ihre Laube, die sie nun in Pankow pachtete. Sie wurde in der Laubenpiepergemeinschaft aufgenommen und verbrachte ihre Freizeit im Garten, gerne in der Hängematte.

Sie nennt es einen „Lebensfehler“, der ihre Zeit an der Charité beendete. „Ich danke meinem Gott, dass er mir die Kraft und den Glauben gegeben hat, diesen Beruf mit Freude und mit Mitgefühl gut und professionell auszuführen. Ich sah Menschen sterben, aber viele sind auch genesen.“

Mit weicherer Stimme als zuvor erzählt Irene B. von den Familienmitgliedern der Patienten, die sie in ihrem langen Berufsleben kennengelernt hatte. „Ich habe mir immer viel Zeit genommen für die Angehörigen der Patienten, die ich betreute.“ Die Angehörigen hätten ihr als Krankenschwester im Dienst viel aus ihrem Leben erzählt. „Meine jungen Kollegen hatten meist andere Interessen. Ich hatte ein gutes Zeitmanagement. Dann muss man eben ein wenig schneller arbeiten.“ Immer wieder die Angehörigen, immer wieder die Kollegen.

Das Entsetzen in der Öffentlichkeit hielt über Wochen an. Auf der einen Seite die pflegende, erfahrene Krankenschwester, auf der anderen Seite die mordende Frau im Schwesternkittel. Dieses Bild prägte sich den Menschen ein. Angehörige riefen in der Charité an, um zu erfragen, ob ihr Familienmitglied zu Irene B.s Schichtzeit gestorben war. Das Misstrauen von Patienten war unmittelbar nach den Geschehnissen groß, das Gefühl, dem Pflegenden „ausgeliefert“ zu sein, unheimlich. Die Titel wie „Todesengel“ oder „Schwester Tod“, die Irene B. bekam, verstand sie nicht. „Ich konnte das am Anfang nicht nachvollziehen. Es kamen Wut und Trauer. Heute, im Nachhinein, verstehe ich es.“

Auf dem Weg in ihre Zelle kommt sie an vielen schweren Türen mit großen Schlössern vorbei, einige sind geöffnet, und die gefangenen Frauen blicken aus ihrer Zelle heraus, um zu schauen, wer draußen vorbeigeht. Andere sind verschlossen. Ab und zu wartet Irene B., bis ihr ein Beamter den Durchgang zum nächsten Bereich aufschließt. Ihre Zelle ist auf Station B. Irene B. betritt ihre Zelle, breitet ihre Arme aus und sagt: „Das ist mein Stübchen.“ Ihr Bett ist mit blaukarierter Bettwäsche bezogen, eine Vase mit Osterglocken steht vor dem vergitterten Fenster. Abends viertel vor zehn ist Einschluss. „Zu Beginn meiner Haft dachte ich: Die Nachtwache in der Klinik beginnt jetzt“, sagt Irene B. Es gibt in der Haftanstalt fast nur Einzelzellen. „Einzelzimmer“, wie sie es nennt. Am Anfang habe sie gedacht: „Wo bin ich hier gelandet, das ist ja furchtbar. Inzwischen kann ich damit gut leben. Ich bin jetzt über 60 Jahre. Ich muss niemandem etwas beweisen. Nichts.“

Nachdem Irene B.s Anwälte in Revision gegangen waren, bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil des Berliner Landgerichts, änderte aber den Schuldspruch in dreifachen Mord und zweifachen Totschlag. An der Strafe änderte sich damit für Irene B. nichts. In einem Zeitraum von sechs Monaten hat Irene B. sechs Stunden Freigang, begleitet von einem Justizvollzugsbeamten. „Als ich einmal Freigang hatte, bin ich ins Bauhausarchiv gegangen. Das nächste Mal möchte ich ins Bröhan- und ins Berggruen-Museum.“ Das sei das Wichtigste, wenn sie wieder rauskäme, in Museen gehen.

Ihre Traumvorstellung

Sie erzählt von einem Fall, von dem sie hörte, bei dem ein Mann sogar gerichtlich dafür kämpfte, seiner Frau helfen zu dürfen, sich das Leben zu nehmen. „Sie war so schwer gestürzt, dass sie sich nicht mehr erholte. Sie bat irgendwann ihren Mann, ihr zu helfen, ihr Leben zu beenden. Wenn sie das möchte, warum kann man ihr den Wunsch nicht erfüllen? Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle selbstständige Menschen sind.“ Noch einmal konfrontiert damit, dass die Patienten, die sie tötete, keine Wahl hatten, gibt Irene B. wieder keine direkte Antwort. Sie wartet. Auf die Frage, ob es etwas mit „Macht“ zu tun gehabt habe, antwortet sie: „Das Wort Macht klingt schrecklich, eigentlich brutal. Natürlich, wenn sich jemand nicht selbst helfen kann und ein anderer tut etwas, dann sieht es natürlich so aus, als ob er eine Macht ausspielen will. Das kann man so sehen, aber das ist nicht meine Sichtweise.“ Irene B. verschränkt ihre Arme. An diesem Punkt geht es nicht weiter, geht sie nicht weiter. Über ihre „Sichtweise“ schweigt sie.

Dafür liest sie etwas vor. Eine „Traumvorstellung“, wie Irene B. sagt. Sie hat sich dazu Notizen auf Zetteln gemacht. Mit langsamer Stimme trägt sie ihre Gedanken vor. Der Inhalt: Seit einigen Jahren arbeitet sie an der Nordseeküste in einer Klinik in Bremen, die mit dem Tropeninstitut zusammenarbeitet. Sie nehmen erkrankte Personen von Übersee und Containerschiffen auf. Eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit für sie als Krankenschwester, mit Menschen und am Menschen mit einem kleinen Blick auf die Weltmeere. Aber sie wird ruhelos und weiß nicht, ob sie dieses Dasein bis zum Rentenalter bewältigt. Die Perspektive hat sich verändert, sie fühlt sich fast ein wenig heimatlos. Wenn es ihr gelingt, möchte sie sich einer Senioren-WG anschließen, am liebsten mit Menschen, die sich nicht altersgerecht verhalten.

Als sie ihren Vortrag beendet hat, hält sie inne. „Dieses Bild macht mich immer wieder nachdenklich, aber es tut gut. Es liegt alles in meinen Händen.“