Gastronomie

Straßenküchen der Welt

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Julia Friese

Beim Streetfood-Markt in Kreuzberg verkaufen Hobby-Köche und Existenzgründer Spezialitäten aus ihrer Heimat

Zwischen den grünen Gusseisensäulen brummt es. An unzähligen kleinen Ständen klappern Deckel und Töpfe. Eltern sitzen auf Holzbänken und trinken Wein, während ihre Kinder im Trubel Fangen spielen. Hinter dem Stand von „Fräulein Kimchi“ bereitet eine amerikanische Opernsängerin koreanisch-mexikanisch-bayrische Gerichte zu. Schräg gegenüber kocht eine Marketingberaterin mit tamilischen Wurzeln die Rezepte ihrer Mutter nach, während ein sizilianischer Koch Reisbällchen mit Orange präsentiert. Alle haben eins gemeinsam: Sie wohnen in Berlin und vermissen die Küche ihrer Eltern, Heimatländer oder ehemaligen Wohnorte. Der neue Kreuzberger Streetfood-Markt mit Essen, das sonst an der Straße zum Sofortverzehr zubereitet wird, bringt sie zusammen. Jeden Donnerstagabend.

Anwohner gründen Initiative

2005 hatten Textil- und Lebensmitteldiscounter den Marktbetrieb aus der 122 Jahre alten Kreuzberger Eisenbahnmarkthalle vollständig verdrängt. Fünf Jahre später kündigte die städtische Markthallen-Gesellschaft an, das bis dahin landeseigene Gebäude verkaufen zu wollen. „Aus der denkmalgeschützten Markthalle Neun sollte plötzlich ein Supermarkt werden“, sagt der Schöneberger Nikolaus Driessen. Er schloss sich einer Anwohnerinitiative an, die einen vielseitigeren Verwendungszweck der historischen Hallen forderte. Die Markthalle sollte wieder ein Treffpunkt werden.

Das Geschäftsmodell Driessens und seiner Kollegen, der Gastronomen Bernd Maier und Florian Biedermeier aus Prenzlauer Berg, konnte schließlich überzeugen. Im Oktober 2011 eröffneten sie die Halle erneut – klassisch als Markthalle im Wochenendbetrieb, mit regionalem Lebensmittelproduzenten. „Was vor anderthalb Jahren begann, haben wir jetzt ausgeweitet“, sagt Driessen: „Bis vor Kurzem stand hier noch eine Schlecker-Filiale, die haben wir jetzt abgerissen.“ Aber nicht nur räumlich hat sich der Kreuzberger Markt ausgeweitet. Zusätzlich zum regionalen Wochenendmarkt, gibt es seit Mitte April nun auch einen Internationalen Streetfood-Markt, auf dem Berliner Hobbyköche und Existenzgründer ihr Können präsentieren können.

Lauren Lee kam nach Berlin, um zu singen. „Deutschland hat eine sehr ausgeprägte Opernkultur, und ich bin ausgebildete Opernsängerin“, sagt die Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln. Nun kocht sie in Kreuzberg. Im hellblauen Dirndl bereitet sie auf dem Streetfood-Markt mexikanisch-koreanisch-bayrische Fusionküche zu. „In den USA ist mexikanisches und koreanisches Essen weit verbreitet. In Berlin hingegen nicht, das Scharfe hat mir gefehlt“, sagt sie. Sie begann, für Freunde zu kochen. „Meine erste Berliner Mitbewohnerin war Bayerin und hat ständig Käsespätzle gekocht, einmal haben wir die dann mit koreanischem Kimchi, also scharfem Kohl, gemixt und es schmeckte hervorragend.“ Als Fräulein Kimchi gibt Lee nun Kochkurse und lässt sich über die Online-Plattform Kitchensurfing.com als Köchin in fremde Küchen buchen. Mexikanische Tacos mit koreanischem Rindfleisch und selbst erfundenen Saucen und Pasten bietet sie auf dem Streetfood-Markt. Die Schlange vor ihrem Stand spricht für sie. „Mein Traum ist es, nun mein Produkt zu einer Marke zu machen“, sagt Lee.

„Es entspricht momentan dem Zeitgeist, sich für Kochen zu interessieren und auch noch mal ein neues Leben anzufangen“, sagt Driessen, der für die Europäische Zentralbank im Microfinancing-Bereich gearbeitet hat, bevor er mit seinen Kollegen die Markthalle neu aufzog.

Auch bei Mara Sandasekaram wurde aus einer Leidenschaft eine Einnahmequelle. Die 27-Jährige ist eigentlich Marketingberaterin. Beim Streetfood-Markt bereitet sie nun aber Frühstück zum aus der Hand essen zu. „Idli wird in Indien eigentlich morgens und mit Chutney serviert“, sagt Sandeskaram am Abend in Kreuzberg. „Hier servieren wir es aber mit Hühnchen und Mango.“

„Kaum einer weiß was Idli ist“, sagt sie, klärt dann aber auf: „Es sind in Wasser gegorene Linsen, zu Teig püriert und dann zum Fladen gebacken.“ Die Rezepte stammen von ihrer Mutter. „Ich habe Wurzeln in Singapur und Sri Lanka. Das Kochen von indischen und tamalischen Speisen war immer mein Hobby.“ Ihre Freunde hätten sie dann darauf gebracht, sich über das Internet als Koch buchen zu lassen: „15 bis 18 Euro nehme ich bei größeren Gruppen pro Person“, sagt die Marketingberaterin.

Gegenüber einem Spätzle-Wagen steht Maren Weise mit einem Lastenrad. Sie verkauft Apple Crumble: gekochte Elster-Äpfel mit Milchkaramel und Streuseln. Auch sie ist ein „Eigentlich-Koch“. Einer, der „eigentlich“ etwas anderes macht. Weise ist Erzieherin. „Das Lastenfahrrad mit dem Verkaufsanhänger stammt ursprünglich von einem Friedrichshainer, der damit immer auf Kinderspielplätzen unterwegs war. Er wollte aufhören. Ich habe es ihm abgekauft.“Außer den Kreuzberger Markthallen will sie künftig auch das Maybachufer mit ihren duftenden Süßspeisen besuchen. Michael Wickert, ein Fischereiwissenschaftler, der auf dem Straßenessen-Markt geräucherten Fisch verkauft, ist sich angesichts der vielen Besucher des Marktes aber sicher: „Eines Tages wird es wieder täglich Markt in Kreuzberg geben.“

Streetfood Thursday, jeden Donnerstagabend, 17 bis 22 Uhr, Markthalle Neun, Eisenbahnstr. 42/43, Kreuzberg