Kiez auf Kulinarisch

Knüppel in Karlshorst

Letzter Teil der Serie, in denen Redakteure der Morgenpost Restaurants in ihrem Bezirk vorstellen. Heute: Karlshorst

„Zehn Knüppel scharf.“ Als ich diese Bestellung zum ersten Mal hörte, merkte ich, dass zwölf Kilometer vom Alex nicht zwölf Kilometer vom Alex entfernt sind. Damals, 1993, als wir uns von Wilmersdorf nach Karlhorst wagten und die blühenden Landschaften noch auf sich warten ließen. Noch heute gibt es diese Orte, in denen man jene Ahnung von jener Zeit noch schmecken kann. Deswegen, und weil es dort nicht nur Alaska-Wildlachs an Zucchinipuffer gibt, verzichte ich gern auf den S-Bahn-Trip zum Hackeschen Markt, sondern bestelle in unserer Kleinstadt im Osten mein Bier.

Start am Ort der Hoffnung

Natürlich in der Wernesgrüner Bierstube. 1993 eröffnete die Eckkneipe und wurde umgehend zum Paradies für Pioniere und Alteingesessene. Ein Ort der Hoffnung war das Wernesgrüner immer schon, stand sein tradierter Name doch zumindest für die Chance, hier ein Spitzenbier zu bekommen, das die DDR-Führung sonst für Devisen im Billigsegment West-Berliner Supermärkte verramschte. Seit 1993 kann man hier ein halbes Dutzend gepflegter Marken vom Fass bekommen, dazu eine Berliner Küche, die sämtliche Erinnerungen an einst getilgt hat. Ich weiß nicht, wie oft ich den Boulettenschmaus mit eingelegten Gurken und Schmalztöpfchen gegessen habe? Oder die heißgeräucherte Schweinehaxe? Eine Sanierung weiter gibt es sie noch immer im Wernesgrüner, und dafür bin ich dankbar.

Schusterjungs mit Sauerteig

Karlshorst ist eine Art Kolonistengesellschaft. Die Leute arbeiten viel, bringen ihre Kinder zur Arbeit und zahlen ihre Hypotheken für sanierte Villen im Prinzenviertel oder die Neubauten an der Trabrennbahn ab. Frühstückskneipen gibt es nicht, aber dafür die Feinbäckerei Hollschewski. Dort gibt es immer noch Knüppel (auf Wunsch auch scharf gebacken), Schrippen, Semmeln und Schusterjungs mit Sauerteig oder Hefe. Dazu Kuchen frei von Halbfertigprodukten, die mich an Familienbesuche in den Spreewald in den 70er-Jahren erinnern. Am Sonnabend zieht sich die Schlange der Kunden bis weit auf das Trottoir.

Als man mich nach meinen lukullischen Neigungen in Karlshorst fragte, musste ich erst mal zählen. Ich kam tatsächlich auf mehr als zwei Dutzend Lokale, von der Raucher- und Trinkerkneipe bis zum Inder, Vietnamesen und Kubaner. Keine von diesen multikulturellen Angeboten hat unser Familienleben aber derart beeinflusst wie Gino. Erst übernahm er einen ehemaligen Inder, dann setzte er mit der Trattoria Il Gattopardo (Ehrenfelsstr. 3) im ehemaligen Offizierskasino der Roten Armee ein Zeichen. Und mittlerweile bietet er im Gino (Rheinsteinstraße 1) gehobene Küche für Menschen ohne Kinder an – deswegen waren wir da noch nie.

Mediterraner Hauch auf der Platia

In seiner Trattoria hingegen kennen wir jede Nuance seiner Speisekarte. Die ist für einen Kiez-Italiener mit ziemlich levantinischen Wurzeln solide und überschaubar. Aber der mangelnde Experimentiersinn wird durch erstklassiges Eis, flexible Speisefolgen und die Sympathie der Kinder ausgeglichen, die zumal im Sommer gern auf die breite Platia wechseln, die die dem neu gestalteten Zentrum von Karlshorst einen mediterranen Hauch verleiht.

Erst vor einigen Monaten haben wir einen weiteren dieser lebenswerten Orte ausgemacht. Schon die Adresse, „Zur Alten Flussbadeanstalt 5“, macht die Hafenküche an der Spree zu einem Refugium, das drei Kilometer Radfahren lohnt. Dort ist eine kleine Marina entstanden, über der eine Terrasse mit italienischer Aura thront, dahinter liegt das Restaurant. Die italienisch angehauchte Küche bietet wenig Schnickschnack sowie ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Fünf Vorspeisen und fünf Hauptspeisen gibt es sowie zwei Tagesgerichte zum Kantinenpreis. Die sensationellen Extras hoffen wir nach dem Ende der Eiszeit ausprobieren zu können: Die Hafenküche bietet Boote an, auf denen sich bis zu zwölf Gäste über Picknickkörbe oder Grillpakete hermachen können. Das gilt auch für den hauseigenen Grillplatz. Wer hätte je gedacht, dass die Spree einmal solche Erlebnisse bereit halten würde?