1.-Mai-Bündnis

Revolution im beigefarbenen Leihhemd

Zeitgleich mit der Pressekonferenz der Polizei bitten die Autonomen zum Gespräch

Der junge Mann mit den Dread-Locks zieht seinen hellen Pullover aus. Es ist warm im Flüchtlingscamp am Oranienplatz. „Mist, jetzt bin ich ja doch schwarz“, sagt er und deutet auf sein dunkles T-Shirt. Dabei wollten die Organisatoren der so genannten „Revolutionären 1. Mai-Demo“ Anklänge an den schwarzen Block vermeiden. Schließlich sitzt er im beigefarbenen Leih-Hemd auf der Pressekonferenz.

Dass die Linksradikalen und ihr Bündnis von 30 Gruppen und Grüppchen das kapitalistische System abschaffen wollen, daraus machen sie kein Geheimnis. Aber zumindest in der Präsentation ihrer Demo geben sie sich ein bürgerliches Ansehen. Sprecher ist ein fast 61 Jahre alter Herr namens Michael Prütz, der seit Jahrzehnten in der linken Kreuzberger Szene unterwegs ist. Er betreibt eine Versicherungsagentur, trinkt Coca Cola zero und sitzt gerne mal auf seiner Terrasse. Früher war er in der Linkspartei, ehe die ihm zu staatstragend wurde. Jetzt hofft Prütz, dass die Krise in Südeuropa, die steigenden Mieten in Berlin und der Protest der Flüchtlinge der Bewegung neue Sympathisanten bescheren. Eine Delegation griechischer Gewerkschafter soll an der Spitze marschieren.

All diese Gruppen eint die Überzeugung, dass die „Revolution die einzige Lösung“ sei, sagt Jonas Schiesser, ein junger Mensch mit Basecap auf dem Lockenhaar und abgelatschten Adidas-Schuhen. Ein türkischer Flüchtling doziert mit erhobenem Zeigefinger, die Analyse von Karl Marx über den Kapitalismus in der Krise habe sich eben doch als richtig erwiesen. Als die jüngeren von der 25-jährigen Tradition der revolutionären Maidemo schwärmen, greifen die Veteranen ein. Die erste revolutionäre Demonstration habe am 1.Mai 1968 stattgefunden, sagt Prütz: „Da war ich 16, und das Leben ist seither nicht schöner geworden.“ Ein Mann mit grauem Bart und Baskenmütze, der sich Detlef K. nennt, spricht über den Widerstandsgeist der von Verdrängung bedrohten Mieter. Der Druck steigender Mieten treffe inzwischen nicht mehr nur die Unterschicht, sondern habe das Kleinbürgertum erreicht, liest Herr K. vom Blatt.

Um mit ihrem Protest die richtigen Adressaten zu treffen, wollen die Demonstranten von Kreuzberg ins Regierungsviertel marschieren, „ins Herz der Bestie“, so Aktivist Schiesser. Vom Spreewaldplatz soll der für 10.000 Teilnehmer angemeldete Zug vorbei am Finanzministerium zur Repräsentanz der EU-Kommission am Pariser Platz führen. Jedoch befürchten sie, die Polizei werde den Zug schon vorher stoppen. „Die wollen die Demo in Kreuzberg halten“, sagt Schiesser.