Gesundheit

„Burn-out ist keine Volkskrankheit“

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Christina Brüning

Das Syndrom ist immer noch selten. Häufig versteckt sich hinter der Diagnose eine Depression

Kai Treichel kann sich vor Arbeit kaum retten. Monatelange Wartezeiten gebe es für Therapiesitzungen, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Friedrichshain und schickt ein etwas schiefes Bild hinterher: „Wir werden überrannt von psychischen Erkrankungen.“ Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Arbeitsfehltage wegen seelischer Leiden in Berlin um 24 Prozent zugenommen, wie der Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK ergeben hat.

Dass die Zahl der Fehltage so hoch ist, führt Treichel auch darauf zurück, dass psychische Erkrankungen lange andauern. „Die kann man nicht einfach mit Medikamenten verkürzen“, sagt er. Bis beispielsweise ein Antidepressivum zu wirken beginne, vergingen vier bis fünf Wochen. Depressionen sind bei den seelischen Leiden noch immer die häufigste Diagnose – und eine Diagnose, die viele Patienten nicht so schnell wieder loswerden. Nur rund ein Drittel der depressiven Patienten ist nach einer überschaubaren Zeit gesund, so Treichel. Ein weiteres Drittel der Patienten erhole sich nach mehr als einem Jahr, und ungefähr ein Drittel leide an wiederkehrenden Depressionen. „Je früher eine Therapie ansetzt, desto besser“, sagt Treichel.

Das Krankheitsbild Burn-out-Syndrom spielt nach den Untersuchungen der Krankenkasse bei den Diagnosen nur eine untergeordnete Rolle. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sei das Burn-out-Syndrom keine Volkskrankheit, erklärte DAK-Regionalchefin Astrid Fricke am Mittwoch. Zwar gebe es diese Diagnose immer häufiger, weil das Syndrom vor Jahren noch unbekannt gewesen sei. Doch die Auswertung der Patientendaten habe ergeben, dass nur jeder 440. Mann und jede 220. Frau in Berlin im vergangenen Jahr wegen dieses Krankheitsbildes arbeitsunfähig geschrieben worden seien.

„Wir haben es in der Praxis oft mit dem Burn-out-Syndrom zu tun, das sich dann doch als Depression entpuppt“, sagt der Psychiater Treichel. Treichel nennt Beispiele aus seinem Arbeitsalltag. „Von 40Menschen, die sich mir in letzter Zeit mit der Diagnose Burn-out vorgestellt haben, hatten am Ende nur sechs Leute wirklich Burn-out.“ Stattdessen stellte das Leiden sich meist als Depression heraus, aber auch als Angsstörung und im Einzelfall sogar als Schizophrenie. „Das Burn-out ist gerade eine Mode-Diagnose, die andere psychische Krankheiten oft verschleiert“, ist Treichel überzeugt. „Wenn das nicht erkannt wird, verlängert sich der Krankheitsverlauf womöglich unnötig, weil die falsche Therapie angesetzt wird.“

Auch Karin-Maria Hoffmann von der psychiatrischen Klinik der Charité unterstützt diesen Eindruck. Ein weiteres Problem bei psychischen Erkrankungen sei der lange Zeitraum, der verstreiche zwischen den ersten Anzeichen der Krankheit und dem Beginn der Behandlung. Hoffmann arbeitet deshalb an der Charité mit der „Psychiatrischen Initiative Berlin-Brandenburg“ an einem Behandlungsmodell, das die Patienten gezielter zur richtigen Therapie bringen soll.

Hoffmann und Treichel glauben beide, dass gerade bei seelischen Problemen, die mit Belastungen am Arbeitsplatz entstehen, häufiger auch der Arbeitgeber aktiv in den Heilungsprozess einbezogen werden sollte – solange der Patient dies möchte. Krankenkasse und Fachärzte sehen bei Arbeitgebern großen Handlungsbedarf, auf das Phänomen psychischer Erkrankungen einzugehen. „Das Thema muss mehr als bisher aus der Tabuzone geholt werden“, so DAK-Chefin Fricke.