Immobilie

Vitanas kündigt 100 Pflegebedürftigen

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Helga Labenski

Betreiber sieht grobe Sicherheitsmängel im Spandauer Heim Birkenhof

Die Bewohner des Seniorenpflegeheims „Birkenhof“ im Spandauer Ortsteil Staaken und ihre Angehörigen sind in heller Aufregung. Am Mittwoch hat der Betreiber Vitanas ihnen mitgeteilt, dass alle Bewohner der Einrichtung an der Spandauer Straße 22 bis zum 31. Juli ausgezogen sein müssen. „Baulicherseits nicht mehr verantwortbare Zustände für die Bewohner und Mitarbeiter zwingen uns dazu“, heißt es in dem Schreiben der Vitanas GmbH & Co KGaA, das dieser Zeitung vorliegt. Nach Unternehmensangaben ist das Rohrleitungssystem im Haus so marode, dass die erforderliche Trinkwasserqualität nicht mehr gewährleistet werden kann. Wegen veralteter Brandschutzanlagen sei zudem die Sicherheit der Heimbewohner nicht mehr gegeben. Den rund 100 Heimbewohnern und den 80 Mitarbeitern bietet das bundesweit tätige Pflegeunternehmen Plätze in einem der zehn anderen Vitanas-Zentren in Berlin an. Die Umzugskosten würden übernommen, auch bei einem Wechsel zu anderen Trägern werde man behilflich sein.

Für Ingolf Weber ist das Umzugsangebot in Vitanas-Einrichtungen anderer Bezirke völlig inakzeptabel. Seiner 93-jährigen Schwiegermutter sei ein Ortsteilwechsel kaum noch zuzumuten. Vor allem aber könnten seine Frau und er die alte Dame in einem weiter entfernten Haus nicht mehr täglich besuchen. „Wir gehen jetzt fünf Minuten zum Heim. Meine Frau ist jeden Tag zwei-, dreimal da“, sagt Weber. Besonders empört ist Ingolf Weber darüber, dass die schriftliche Kündigung den teils schwer kranken, teils auch dementen Patienten ohne jede Vorwarnung übergeben wurde. „Die haben den Zettel meiner Schwiegermutter einfach auf den Tisch gelegt. Zum Glück hat sie das gar nicht gesehen“, sagt der Staakener.

Auch Jochen Wonlinki, der im Birkenhof die Frau eines verstorbenen Bekannten betreut, ist entsetzt über die kurzfristige Kündigung. Die 80-Jährige sei erst im August 2012 nach dem Tod ihres Mannes in den Birkenhof gezogen. „Jetzt sitzt sie da und weint“, sagt Wolinki. Beinahe täglich besucht der 70 Jahre alte Mann aus Staaken die Alleinstehende. „Die nächste Vitanas-Einrichtung ist in Frohnau. Da könnte ich nicht so oft hin“, sagt Wolinki. Die Schließung kommt für den Rentner überraschend. Das Haus sei erst kürzlich renoviert worden. Allerdings ist auch Wolinki bekannt, dass es im Birkenhof ein Problem mit Legionellen in den Wasserleitungen gegeben haben soll.

Die Heimbewohner sind offenbar Opfer von Streitigkeiten zwischen Vitanas und der Immobilien-Gruppe Corpus Sireo. „Weil der Vermieter Corpus Sireo sich trotz entsprechender gesetzlicher Pflicht weigert, für eine Sanierung zu sorgen, und die Vitanas-Gruppe ihre Fürsorgepflicht gegenüber Bewohnern und Mitarbeitern ernst nimmt“, habe Vitanas den Mietvertrag aus wichtigem Grund gekündigt, teilt Vitanas mit. Das Kölner Immobilien-Unternehmen reagiert allerdings mit Unverständnis auf die Vorwürfe. Laut geltendem Mietvertrag sei Vitanas selbst für die Instandsetzungsmaßnahmen verantwortlich. 2006 habe das Unternehmen den Birkenhof an einen Corpus-Sireo-Fonds verkauft. Der Instandsetzungsbedarf sei Vitanas bekannt gewesen, so Corpus-Sireo-Sprecherin Yvonne Hoberg. „Der Fonds hat diesen Aufwand damals durch einen deutlichen Aufschlag auf den Kaufpreis kompensiert.“ Vitanas-Sprecherin Angela Koschies beruft sich hingegen darauf, dass der Verkauf an den Fonds nicht durch Vitanas selbst, sondern durch die inzwischen aufgelöste Birkenhof KG erfolgt sei. Gestritten wird nun darüber, ob Vitanas Rechtsnachfolger der Birkenhof KG ist oder nicht.

Spandaus Sozialstadtrat Jürgen Vogt (CDU) hat kein Verständnis für das Vorgehen der Vitanas-Gruppe. Möglicherweise würden hier geschäftliche Interessen auf dem Rücken von pflegebedürftigen Senioren ausgetragen. Der Betreiber hätte viel früher mit der Stadt in Dialog treten müssen, kritisiert Vogt. Die Bewohner des Birkenhofs seien unsensibel behandelt worden, beklagt er. „Das ist keine Art, wie man mit Menschen umgehen sollte. Schon gar nicht, wenn sie alt und pflegebedürftig sind“. Viele Angehörige hätten sich bereits Hilfe suchend an ihn und seine Mitarbeiter gewandt. „Sie sind in Panik und klappern nun systematisch die Pflegeeinrichtungen im Bezirk ab“. Der Bezirk werde bei der Vermittlung helfen. Nach Vogts Angaben sind in den anderen 14 Pflegeeinrichtungen des Bezirks noch rund 65 Plätze frei, allerdings, anders als im Birkenhof, zumeist in Mehrbett-Zimmern.