Zwölf Stunden

Eine Berliner Schatztruhe

Musikmaschinen in Schrankgröße, unverwüstliche Standuhren und Interieur aus Marlene Dietrichs Stammlokal: Die Ehrenamtlichen im Mahlsdorfer Gründerzeitmuseum hüten ein großes Erbe

09:20 Monika Kurt ist allgegenwärtig. „Ich mache hier von allem ein bisschen“, sagt sie. „Von der Gästebetreuung bis zum Schneeschippen im Winter.“ Genau wie ihre Kollegen ist sie nur von einem beseelt: den Geist der 2002 verstorbenen Charlotte von Mahlsdorf und das von ihr gegründete Museum zu bewahren. Der weltweit berühmte Transvestit, mit bürgerlichem Namen Lothar Berfelde, war der ehemalige Besitzer des Gutshauses. Charlotte von Mahlsdorf zog zu DDR-Zeiten in die Ruine ein und trug darin Europas größte Gründerzeitsammlung zusammen.

10:10 Beim ersten Rundgang macht Monika Schulz-Pusch ihre Gäste auf die Bordüren in den Räumen aufmerksam und lobt die Restauratorin für ihre Akkuratesse. Wenn sie Besucher willkommen heißt, zeigt sich die Geschäftsführerin so begeistert von dem Domizil wie am ersten Tag. Seit 16 Jahren leitet sie den Förderverein Gutshaus Mahlsdorf. „Als Charlotte nach einem Neonazi-Überfall Mitte der 90er-Jahre nach Schweden auswanderte, habe ich hier mit einer Matratze übernachtet, um das Haus zu bewachen“, sagt sie. Bis heute gestalten sich Finanzierung und Sanierung schwierig. „Hier haben sich ein paar Verrückte zusammengetan, um das Museum zu retten.“

11:00 Mit elf gemütlichen Gongschlägen kündigt die reich verzierte Standuhr im zentralen Gartensaal die volle Stunde an. Zeit für die nächste Besucherführung. „Als die Uhr vor über 100 Jahren gebaut wurde, gab man 50 Jahre Garantie“, erklärt Gästeführerin Sylvia Pulow. „Sie funktioniert allerdings immer noch. Das war noch echte deutsche Wertarbeit.“ Der Gartensaal wird häufig für Eheschließungen und Lebenspartnerschafts-Eintragungen genutzt, die stimmungsvollen Events zwischen edlen Holzmöbeln und vergoldeten Trumeau-Spiegeln haben ein ganz eigenes Flair. „Wenn die Kerzen vor den Spiegeln angesteckt werden und dazu der Hochzeitsmarsch aus dem Trichter einer alten Spieldose erschallt, habe ich schon gesehen, wie manchem gestandenen Mann Tränen der Rührung kamen“, sagt Pulow.

12:25 Horst Riesebeck hat gerade den Stahltonkamm des Polyphons justiert, setzt die eiserne Notenscheibe wieder auf und klappt den Andruckarm hoch. Die schrankgroße Spieluhr mit Geldeinwurf ist nur eine der vielen Musikmaschinen, die Charlotte von Mahlsdorf gesammelt hat. „Grammophone gehörten zur Standardausstattung gutbürgerlicher Haushalte, daneben gab es große und kleine Plattenspieldosen und selbstspielende Pianolas, elektrisch ausgeführt oder als Treter“, erklärt Riesebeck. Die Vorführung des großen Kneipen-Orchestrions ist der Höhepunkt jeder Führung und sorgt besonders bei Kindern für Begeisterung. Riesebeck ist Restaurator mechanischer Musikapparate und betreut fast alle entsprechenden Sammlungen in Berlin, ebenso weitere in ganz Europa. Wie fast alle von Charlotte von Mahlsdorfs Geist beseelten Enthusiasten arbeitet er für das Gründerzeitmuseum ehrenamtlich.

13:50 Der Berliner Alpenverein ist für eine Führung angerückt. „Früher sind wir mehr geklettert, heute machen wir häufiger Kultur“, sagt Kurt Hauer aus Steglitz, bei dem angesichts der dekorierten Möbelpracht Erinnerungen wach werden. „In den 60er-Jahren hatte ich die Aufgabe, genau solche Möbel reihenweise auf den Müll zu bringen! Was habe ich damals herumgefragt. Aber keiner wollte das haben, es hieß immer nur: ,Ach, lass mal.‘“

15:05 Nach den Museumsführungen werden Kaffee und Kuchen serviert. Schülerin Friederike Csutor, Tochter einer Mitarbeiterin, die sich eben noch im Kinderzimmer umgesehen hatte, bedient mit. Wer sich im Souterrain zu Diana Wüsthoff an den Tisch setzt, atmet ganz besondere Berliner Luft, denn die junge Wirtin schenkt ihre Getränke an einem historisch äußerst interessanten Tresen aus: Das Interieur rettete Charlotte von Mahlsdorf in den 60er-Jahren aus der „Mulackritze“ in Mitte, früher eine der meistfrequentierten Schwulen-, Lesben- und Künstlerkneipen Berlins. Neben zahllosen anderen Künstlern zählten unter anderem Marlene Dietrich, Claire Waldoff und Gustaf Gründgens zu den Stammgästen. Außerdem galt die Kneipe als Ganoventreffpunkt. Selbst Berlins berühmteste Geldschrankknacker, die Gebrüder Sass, tranken dort ihr Bier. Bedient man als Wirtin den Zapfhahn da besonders erfürchtig? „Ich denke gar nicht mehr darüber nach“, sagt Diana Wüsthoff. „Ich bin seit Anfang dabei, das ist hier fast schon mein Zuhause.“

16:30 Frank Uelze kommt für ein Brainstorming mit der Vereinsleiterin herein. Wichtige Entscheidungen stehen an, denn bisher gehört dem Verein zwar das Haus, Grund und Boden müssen aber erst noch gekauft werden. Uelze ist beratendes Mitglied und zählte wie viele der Vereinsmitglieder zu den Freunden von Charlotte von Mahlsdorf. „Wir wollen ihr Vermächtnis weiterführen“, sagt er. „Ihre Idee war es, dass eine gutbürgerliche Gründerzeitfamilie hier jederzeit sofort einziehen könnte. Das ist das Besondere an unserem Haus, alles ist erlebbar, alles funktioniert, ob Uhren, Musikmaschinen oder Himmelbetten.“

17:55 Vorstandsmitglied Klaus Tessmann öffnet die Tür zur „Hurenstube“. Uralte Siebenstriemer, Teppichklopfer und Reitpeitschen finden sich in einem Köfferchen, ein Waschgeschirr steht an der Wand, und auf dem altersschwachen Holzbett liegt Reizwäsche aus Urgroßmutters Zeiten. „Die Dachkammer über der Mulackritze war seit jeher von einer Prostituierten bewohnt. Stammgast Heinrich Zille wird seine ‚Hurengespräche‘ vor allem in der Mulackritze erlauscht haben.“ An der Wand hängen folgerichtig explizite Zeichnungen des Künstlers. Hauptberuflich ist Tessmann Journalist, im Museum macht er die Pressearbeit.

19:50 Das Licht geht aus in der Rumpelkammer neben der Bühne im ersten Stock. Bevor in zehn Minuten sein Auftritt kommt, sitzt Schauspieler Sebastian Korff jetzt im Dunkeln. Durch das Milchglas der Seitentür würde sonst Licht in den improvisierten Theatersaal dringen und die Atmosphäre zerstören. Korff spielt ein Stück über Charlotte von Mahlsdorfs Leben und schlüpft dazu in insgesamt 36 verschiedene Rollen.

21:40 Nach dem Theater trifft sich alles auf ein Glas Wein in der Mulackritze, zwei Treppen tiefer. Solei, Rollmops und Sülze lagen schon zu Zilles Zeiten im gläsernen „Hungerturm“, der seinen Namen bekam, weil nicht jeder sich leisten konnte, was drinnen lag. Zille fand just an dieser Theke die Inspiration zu einem Großteil der Kneipenszenen, die im großen Zillebuch verewigt sind. Und wer genau hinschaut, findet vielleicht die Delle, wo sich seine große Tochter den Zahn ausgeschlagen haben soll.