Medizin

Nur ein Labor für alle Krankenhäuser

Charité und Vivantes lassen im neuen, europaweit größten Analyse-Betrieb20 Millionen Proben untersuchen

Manche Röhrchen kommen in grauen Thermo-Kisten per LKW, andere rauschen in Glaszylindern per Rohrpost herein. Was in Berlins öffentlichen Krankenhäusern den Patienten an Blut und anderen Körperflüssigkeiten zur Analyse entnommen wird, landet künftig im Erdgeschoss eines Neubaus am Rande des Campus Virchow der Charité in Wedding. Das 13 Millionen Euro teure Gebäude der Labor Berlin GmbH ist Europas größtes Kliniklabor und ein sichtbares Beispiel der Kooperation der beiden landeseigenen Krankenhauskonzerne Charité und Vivantes. Vor knapp anderthalb Jahren ging das Gemeinschaftsunternehmen an den Start, jetzt sind die Mitarbeiter dabei, den mit High Tech vollgestopften Viergeschosser an der Sylter Straße zu beziehen.

365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag werden hier nun die Proben mit Hilfe der modernsten Maschinen ausgewertet. Alles, was nicht in Notfällen schnell in den zwölf verbleibenden Labors der einzelnen Krankenhäuser analysiert werden muss, landet im Zentrallabor. 120 Mitarbeiter bilden die Belegschaft während der Spitzenzeiten, insgesamt arbeiten 550 Menschen für die Labor-Firma von Charité und Vivantes. Mehr als 20 Millionen Proben untersuchen die Mitarbeiter pro Jahr. Die Kühlkammer im Erdgeschoss, wo die Reagenzgläschen nach der ersten Runde durch die drei von der Industrie geleasten Hightech-Analysestraßen aufbewahrt werden, ist groß wie eine Laubenpieperhütte und dennoch mit einer Kapazität von 27.000 Röhrchen schon zu klein. Denn das Geschäft der Labor Berlin läuft besser als erwartet. Zunehmend lassen andere Krankenhäuser und Arztpraxen ihre Proben bei den landeseigenen Experten checken. 3,5 Millionen Euro sollte Geschäftsführer Florian Kainzinger laut Plan 2013 von Kunden erlösen, die nicht zur Charité oder zu Vivantes gehören. Es werden wohl mehr als sechs Millionen Euro werden.

Im zweiten Stock zieht Gabriela Sahm im Fachbereich Endokrinologie und Stoffwechsel Plastikbeutel mit Reagenzgläsern und roten Papierblättern aus dem Lasten-Aufzug. Hierher schicken die Kliniken ihre Proben, wenn sie den Hormonhaushalt ihrer Patienten untersuchen wollen. Jedes Gläschen trägt den Namen und einen Barcode mit schwarzen Strichen. Der findet sich auch auf dem dazu gehörigen Anforderungszettel, auf dem die Ärzte die gewünschten Untersuchungen vermerken. Wird nie eine Probe verwechselt? „Da machen sie sich mal keine Sorgen. Das ist das A und O unserer Arbeit“, sagt Laborleiterin Zahm, die vor einer Woche aus den alten Labors des Virchow-Klinikums in den Neubau gezogen ist. Viele Proben müssen noch per Hand dem richtigen Analyseverfahren zugeordnet werden. In vielen Fällen erledigen das aber auch Scanner und Greifarme. Im Kontakt mit der Charité nutzt das Zentrallabor die papierlose Zuordnung, wenn die Ärzte die Wünsche ans Labor direkt in den Computer eingeben und die Experten dort diese Anliegen aus dem eigenen Rechner ziehen. Das werde die Zukunft sein, sagen sie bei Labor Berlin. Noch sind nicht alle „Einsender“ derartig vernetzt.

Eigentlich hat sich das Laborunternehmen zum Ziel gesetzt, im Notfall Analysen innerhalb von 30 Minuten zu liefern. Das kann lebensrettend sein, wenn beispielsweise ein Herzinfarkt derartig schnell zuverlässig diagnostiziert werden kann. Aber in den Wirren des Umzugs sei dieses Ziel nicht immer erreicht worden, räumte Geschäftsführer Kainzinger beim Festakt zur Eröffnung des Neubaus am Montag ein und bat die anwesenden Ärzte um Entschuldigung. Aber es sei eine echte Herausforderung, bei laufendem Betrieb einen Großteil der Labore zu verlagern.

Für Berlins Politik und ihre beiden in den vergangenen Jahren eher weniger kooperativ agierenden Krankenhaus-Giganten ist die Labor-Fusion nach vielen Anlaufschwierigkeiten und einer drei Jahre währenden Diskussion inzwischen eine echte Erfolgsstory. Auch der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Heiko Thomas, hat im Namen der Opposition nichts zu kritisieren. „Es ist schön, dass es in Berlin Projekte gibt, die pünktlich fertig werden und auch noch im Kostenrahmen bleiben“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

Charité-Vorstand und Vivantes Geschäftsführung hatten sich hinter das gemeinsame Projekt geklemmt, nachdem der Senat 2008 die von vielen in der Fachwelt als schwierig bewertete Laborfusion beschlossen hatte. Die Charité musste ein altes Schwesternwohnheim abreißen, um Platz für den Neubau zu schaffen, der mit einer Brücke direkt ans Forschungsgebäude angebunden ist. Charité-Vorstand Karl Max Einhäupl ging mehrfach Kaffee trinken, um die beiden letzten Mieterinnen zum Auszug zu überreden. Erst danach konnte innerhalb von 15 Monaten der Neubau hochgezogen werden.

Angesichts der guten Zusammenarbeit beim Labor sind Charité und Vivantes auf den sanften Druck der Politik beim nächsten Projekt. Am Vivantes Klinikum Friedrichshain soll ein gemeinsames Zentrum für Strahlentherapie entstehen.