Tariferhöhung

Bus und Bahn werden teurer – Warum eigentlich?

Gelegenheitsfahrgäste werden stark belastet. Fahrgastverbände kritisieren die Preiserhöhung als „unangemessen“

Schlechte Nachrichten für die Fahrgäste von Bussen und Bahnen. Am 1. August – und damit genau ein Jahr nach der letzten Tariferhöhung – steigen die Ticketpreise nun doch um durchschnittlich 2,8 Prozent. Noch vor vier Wochen hatte der Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes seine Entscheidung vertagt. Der Streit zwischen der Berliner S-Bahn, der Bahntochter DB Regio, den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und den Ländern über die künftige Aufteilung der Ticketeinnahmen ist aber inzwischen beigelegt. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zur Tariferhöhung.

Wer hat die Erhöhung beschlossen?

Verantwortlich ist der Aufsichtsrat des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). In dem Gremium sitzen Vertreter der Länder Berlin und Brandenburg sowie der brandenburgischen Landkreise und kreisfreien Städte. Den Vorsitz im Aufsichtsrat hat seit Mitte März Kathrin Schneider, Staatssekretärin im Potsdamer Infrastrukturministerium. Erster Stellvertreter ist der Berliner Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler, zweiter Stellvertreter der Landrat des Landkreises Oder-Spree, Manfred Zalenga.

Wer ist betroffen?

Täglich nutzen in der Region mehr als 3,5Millionen Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel. Berlin hat nach VBB-Angaben die bundesweit höchste Nutzerquote. 66 Prozent der Berliner fahren mehr oder weniger regelmäßig Bus und Bahn.

Werden alle Fahrgäste gleich belastet?

Nein. Besonders hart trifft es Nutzer von Einzeltickets in Berlin. Der Preis für eine Fahrt im Stadtgebiet (Tarifzone AB) steigt um 8,3 Prozent von 2,40 auf 2,60 Euro. Nutzer von Monats-, Jahres- oder Abokarten werden in Berlin weit weniger stark zur Kasse gebeten. Einige Ticketpreise werden gar nicht erhöht, beispielsweise für das Berliner Sozialticket, den Anschlussfahrschein für die Tarifzonen A oder C sowie für Einzelfahrscheine in den kreisfreien Städten in Brandenburg. Stabil bleibt auch der Preis für das 2009 eingeführte Berlin-Stettin-Ticket. Es kostet weiterhin zehn Euro.

Ist der Preisanstieg im Nahverkehr insgesamt gerechtfertigt?

Ja, sagen die 40 Verkehrsunternehmen, die dem gemeinsamen VBB-Tarif unterliegen. Sie verweisen vor allem auf gestiegene Energie-, Treibstoff- und Personalkosten. Die Tariferhöhung liegt aber erstmals seit Jahren über der Inflationsrate, die 2012 in Berlin nach Angaben des statistischen Landesamtes bei 2,4 Prozent lag. Allerdings stiegen die für die Verkehrsunternehmen besonders wichtigen Energiekosten im Jahresdurchschnitt um 5,8 Prozent. Nach VBB-Angaben erhöhen sich die Personalausgaben in Brandenburg aufgrund aktueller Tarifabschlüsse in den kommenden zwei Jahren um fast acht Prozent. VBB-Chef Hans-Werner Franz spricht von einem „insgesamt moderaten“ Anstieg. Angesichts steigender Einwohner- und Fahrgastzahlen müsse der Nahverkehr vor allem in Berlin künftig noch ausgebaut werden, sagt Franz. Dafür müssten die Unternehmen auch mit den entsprechenden finanziellen Möglichkeiten ausgestattet werden. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf – in der Region jährlich mehr als eine Milliarde Euro – decken knapp die Hälfte der Kosten. Den Rest zahlen Bund und Länder.

Welche Argumente haben Kritiker der Preiserhöhung?

Linke und Grüne im Abgeordnetenhaus sowie die großen Fahrgastverbände verweisen vor allem auf das immer noch eingeschränkte Angebot bei der Berliner S-Bahn. „Der Senat erhöht die Fahrpreise, behält aber wegen der S-Bahn-Krise über zehn Millionen Euro ein“, kritisiert Grünen-Verkehrsexperte Stefan Gelbhaar. „Warum die Fahrgäste ihr Portemonnaie öffnen sollen, ist unverständlich.“ Jens Wieseke, Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb, bezeichnet die Tariferhöhung aber noch aus anderen Gründen als unnötig. Sowohl S-Bahn als auch BVG könnten allein durch die stetig steigenden Fahrgastzahlen höhere Einnahmen erzielen. Außerdem, so Wieseke, seien im Nahverkehr noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Attraktivität und damit auch die Nutzerzahlen weiter zu steigern. Vor allem die Beschleunigung des Straßenbahn- und Busverkehrs – etwa durch Bevorzugung an Ampelkreuzungen – bleibe noch hinter den Planungen zurück. Stefan Kothe, Sprecher des Verkehrsclubs VCD Nordost, kritisiert außerdem den fehlenden Mut zu einer grundlegenden Reform der Tarifstruktur. Auch fehlten neue, attraktive Angebote, um zusätzliche Fahrgäste anzulocken.

Welche Ideen gibt es?

Der Verkehrsclub VCD Nordost verweist auf den großen Erfolg des Seniorentickets „Abo65plus“. Analog dazu könnten nach Ansicht des VCD weitere neue Flatrate-Angebote für Fahrgastgewinne sorgen, etwa ein Familienticket für zwei Erwachsene und unbegrenzt viele Kinder oder ein Radfahrer-Abo mit Monatsmarken im Winter und Fahrradmonatsmarken im Sommer.

Gibt es gar keine neuen Ticketangebote?

Doch. Neu im VBB-Tarif ist eine Vier-Fahrten-Karte für die Kurzstrecke in Berlin. Sie kostet 5,60 Euro, die einzelne Fahrt damit 1,40 Euro. Eine weitere neue Regelung betrifft die kostenlose Mitnahme weiterer Fahrgäste auf Zeitkarten. Sie ist an zwei weiteren Tagen im Jahr möglich: Künftig gelten Heiligabend und Silvester im VBB-Tarif als Feiertage.

Fällt die Anhebung der Ticketpreise im bundesweiten Vergleich hoch aus?

Nach Angaben des VBB nicht. Laut einer am Donnerstag veröffentlichten Statistik stiegen etwa in Hamburg die Ticketpreise zuletzt um durchschnittlich 3,5 Prozent, in München um 3,8 Prozent, in Köln und im Großraum Rhein-Ruhr sogar um 3,9 Prozent. Nur Leipzig lag mit der jüngsten Verteuerung um 2,1 Prozent zum 1. August 2012 unter dem aktuellen VBB-Niveau.

Wann droht die nächste Preiserhöhung?

Offizielle Aussagen gibt es dazu nicht. Berlins Verkehrssenator Michael Müller (SPD) hatte im vergangenen Jahr eine sogenannte Indexlösung vorgeschlagen, wonach die Ticketpreise jährlich an die Teuerungsraten in bestimmten Bereichen wie Energie und Treibstoff angepasst werden sollten. Einen entsprechenden Beschluss gibt es aber noch nicht. Turnusmäßig könnte also im Frühjahr 2014 erneut über die Preise verhandelt werden, die dann ab August kommenden Jahres gelten könnten. In der Vergangenheit fielen beantragte Tariferhöhungen bisweilen aber aus politischem Kalkül aus, weil sich Regierungsparteien in Wahljahren nicht bei den Fahrgästen unbeliebt machen wollten. Und 2014 wird in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt.