Zwischenzeugnis

Der Tag nach den Ferien

Frau Freitag arbeitet in Berlin an einer Sekundarschule und berichtet aus ihrem Alltag

„Neben so manchem anderen sondern die Menschen auch Gesprochenes ab. Man muss das gar nicht so ernst nehmen“, lese ich in der U-Bahn im Berliner Fenster. Kurt Tucholsky hat gut reden … der war ja auch nicht Lehrer und hat deshalb auch nie unter dem Ende der unterrichtsfreien Zeit gelitten.

Der letzte Ferientag ist immer einer der traurigsten im ganzen Jahr. Und dieses Jahr ist es besonders schlimm, denn es mischt sich noch eine nicht enden wollende Winterdepression dazu, die optisch durch den Splitt auf den Gehwegen dargestellt wird. Es kann ja auch kein Frühling werden, wenn niemand diesen Splitt wegmacht. Es wird jetzt nicht mehr schneien, und deshalb werden die Straßen auch nicht mehr glatt. Ich bin kurz davor, mit dem Besen nach unten zu gehen und selbst Hand anzulegen. Aber nicht am letzten Ferientag.

Sonntagabend sagt mein Freund: „Die Kinder freuen sich bestimmt schon auf die Schule.“ Ich sage: „Die Kinder werden bereits vergessen haben, dass sie jemals in die Schule gegangen sind. Sie werden sich lediglich für den genauen Beginn der Sommerferien interessieren.“

Am Montagmorgen bin ich eine der Ersten im Lehrerzimmer. Ich war schon sehr früh wach, denn zu der Ferienenddepression am letzten Tag mogelt sich nachts auch immer ein sehr unruhiger Schlaf mit unangenehmen Wachphasen, in denen ich unproduktiv und ergebnisoffen meine Berufswahl hinterfrage. Dementsprechend müde bin ich dann morgens. Nicht gut!

Es ist noch dunkel im Lehrerzimmer. Aber nicht, weil die Sonne noch nicht aufgegangen ist, sondern weil noch niemand das Licht eingeschaltet hat. Ich tue das auch nicht. Beim ersten Klingeln fühle ich mich so, als hätte ich bereits sechs Stunden am Stück unterrichtet. Das liegt an der Bocklosigkeit, die sich pünktlich zehn Minuten nach dem Mord im „Tatort“ eingestellt hat.

Diese verschwindet allerdings sofort mit dem Eintreffen meiner Schüler. Einige lächeln, andere starren apathisch vor sich hin. Die meisten sehen sehr müde aus. „Guten Morgen, ihr Lieben, ich hoffe, ihr hattet schöne Ferien.“ Tayfun sagt: „Ja, war schön.“ Hamid: „Ja, aber zu kurz.“ Niemand erzählt von aufregenden Auslandsurlauben oder sonstigen Erlebnissen. Rosa, Gülistan und Chanel sitzen direkt vor mir.

„Na, Rosa, wie waren denn deine Ferien? Was hast du so erlebt? Oder hast du dich zwei Wochen lang gelangweilt?“, frage ich.

„Oha, nein! Ich war immer draußen.“

„Draußen. Aha. Und was war draußen? Was hast du da gemacht?“

„Na, ich war so draußen eben.“

„Wie? Hast du dich draußen auf die Straße gestellt und gewartet, bis die Zeit vergeht?“ Rosa rollt mit den Augen: „Mann, Frau Freitag! So eben.“

„Also ich hab viel gemacht, Frau Freitag. Ich war immer so Geburtstag und Hochzeit mit meine Familie“, erzählt Chanel und fummelt an ihrem Smartphone herum.

„Hier, Frau Freitag, wollen Sie Fotos sehen?“ Und dann gucke ich mir 1000 Fotos von tülligen Glitzerkleidern in allen erdenklichen Pastelltönen an.

„Chanel, ich hoffe, du lädst uns später auch zu deiner Hochzeit ein.“

Chanel strahlt: „Natürlich! Aber ich will nicht so früh heiraten. Erst mit 21.“

So vergeht die erste Stunde nach den Osterferien. Wir machen noch ein bisschen Englisch, und ich versuche, mich nicht darüber aufzuregen, dass die Hälfte meiner Klasse keine Englischbücher mitgebracht hat. Zehn Minuten vorm Klingeln kommt Günther. An den hatte ich gar nicht mehr gedacht. „Günther, wo kommst du denn jetzt her?“, frage ich streng. Günther guckt seine Mitschüler an, dann wieder zu mir.

„Ich, na, ich dachte, die Schule fängt erst nächste Woche wieder an.“