Pflegefamilien

„Sie sind angekommen“

Joachim Hack ist seit 20 Jahren Pflegevater. Menschen, die bereit sind, ein Kind aufzunehmen, werden dringend gesucht

Fünf Namen stehen an der Eingangstür des Reihenhauses in Lankwitz. Sie gehören alle zu einer Familie. Joachim Hack wohnt hier mit Sam, 7, und Leo, 3. Es sind zwei seiner vier Pflegekinder. Die zwei anderen sind längst aus dem Haus. Außerdem hat der 50-Jährige zwei leibliche, inzwischen erwachsene Söhne. Aber ob Pflegekind oder leibliches Kind – für den schwulen Informatiker macht das keinen Unterschied. Jedes Kind hat einen wichtigen Platz in seinem Leben.

Menschen wie Joachim Hack werden in Berlin gesucht. Ende 2012 lebten nach Angaben der Senatsverwaltung für Jugend 2648 Kinder und Jugendliche in Berlin in einer Pflegefamilie. Es könnten mehr sein, wenn es mehr Plätze gäbe. Nach Schätzungen des Senats werden jedes Jahr 500 Pflegeeltern neu gesucht. Hans Thelen vom Arbeitskreis „Familien für Kinder“ geht davon aus, dass etwa 200 Kinder zwischen null und sechs Jahren, die derzeit in einem Heim untergebracht sind, besser in Pflegefamilien aufgehoben wären.

Treffen mit den leiblichen Eltern

Ende 2012 lebten in Berlin insgesamt 6223 Berliner Kinder und Jugendliche in Heimen oder sonstigen Wohnformen der Jugendhilfe. Der Bedarf an Plätzen in einer Pflegefamilie steigt auch, weil Jugendämter heute früher eingreifen, wenn in der Herkunftsfamilie etwas falsch läuft. Während in Berlin 2010 noch 1243 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen wurden, gab es ein Jahr später 1768 Fälle.

Um mehr Menschen Mut zu machen, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen, hat „Familien für Kinder“ jetzt eine neue Kampagne gestartet. Als Pflegeeltern geeignet sind zunächst einmal alle Menschen, die finanziell abgesichert sind und genug Raum für ein Kind haben. Außerdem müssen sie ein polizeiliches Führungszeugnis nachweisen. Bevor sie Pflegeeltern werden, werden sie erst einmal geschult, und es findet eine genaue Abstimmung zwischen ihren Vorstellungen und den Bedürfnissen der Kinder statt.

Gesucht werden Menschen, die entweder ein Kind dauerhaft bei sich aufnehmen oder aber für nur wenige Monate in einer Krisensituation. Gerade hier ist eine hohe Flexibilität gefragt, weil die Pflegeeltern oft nur wenige Stunden Zeit haben, um sich auf das Kind einzustellen – und sie müssen es später auch wieder loslassen können. Eine Kurzzeitpflege kam für Joachim Hack nicht infrage. „Ich hätte mich nicht gleich wieder trennen können“, sagt er. Wenn schon, dann wollte er sich richtig auf ein Kind einlassen. Allerdings haben Pflegeeltern auch bei der Dauerpflege nicht die Gewähr, dass die Kinder bis zur Volljährigkeit bei ihnen bleiben. Es besteht immer das Risiko, dass sie wieder zu den leiblichen Eltern zurückkehren. Tatsächlich passiere das aber nur in etwa fünf Prozent der Fälle, sagt Angelika Nitzsche von „Familien für Kinder“.

Kinder waren Joachim Hack schon immer sehr wichtig. Vielleicht liegt es daran, dass er selbst acht Geschwister hat. Weit breitet er seine Arme aus, als er Sam und Leo aus dem Kinderladen abholt. Ein Strahlen geht über die Gesichter der Jungen, als sie ihrem Pflegevater in die Arme laufen und dabei laut „Papa“ rufen. Er umfängt sie fest und begrüßt sie mit kräftiger Stimme. Es ist diese Kraft, die für die Jungen so wichtig ist. Die ihnen Halt gibt, den sie in ihrem Leben bisher nicht hatten.

Beide Jungen wissen, dass sie auch eine andere Familie haben, es gibt Fotoalben, die sie anschauen können, und es gibt zumindest für Sam regelmäßig Treffen mit seiner Mutter. Trotzdem ist Joachim Hack für sie ganz selbstverständlich der „Papa“ und die wichtigste Bezugsperson. „Die Uhr kann ich nicht zurückdrehen, und ich kann keine heile Welt für die Jungs schaffen“, sagt er, „aber ich gebe ihnen einen Raum, um sich zu entwickeln und vor allem Entwicklungen nachzuholen.“

Viele Pflegekinder haben Traumatisches erlebt: Trennungen, Misshandlungen, Vernachlässigungen. Manche haben gesehen, wie Drogen zubereitet werden, aber noch nie, wie Essen am Herd gekocht wird. Viele Kinder fragen nicht, wenn sie etwas wollen, sondern klettern in halsbrecherischer Weise auf einen Schrank, um sich das Gewünschte zu holen. „Manch einer hält das für pfiffig“, sagt Joachim Hack, er sieht darin die Not eines Kindes, das nicht die helfende Hand einer Mutter oder eines Vaters kennt. Pflegekinder müssen erst einmal lernen, Bindungen aufzubauen. Auch Sam und Leo haben viel nachzuholen. Sam lebt inzwischen seit fast vier Jahren bei Joachim Hack, aber wenn er in seinem Zimmer spielt, ruft er spätestens nach einer halben Stunde: „Papa, wo bist du?“ Er muss sich immer vergewissern, dass sein Pflegevater in der Nähe ist.

Kind wie ein Möbelstück überreicht

Hack ist vor 20 Jahren fast zufällig Pflegevater geworden. Die Mutter seines Sohnes und dessen Halbbruders wollte ausreisen, aber zunächst ohne ihre Kinder. Da die Jungen mehr bei ihm als bei ihr waren, fiel die Entscheidung dem Jugendamt nicht schwer, den Vater des einen Kindes zugleich zum Pflegevater des Halbbruders zu machen. Dabei war ein schwuler Pflegevater 1993 ein Novum – und ist bis heute selten. Pflegefamilien sind meist klassische Vater-Mutter-Kind-Konstellationen, aber Bedingung ist das nicht. Auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Alleinerziehende oder Singles können heute Pflegeeltern werden. Hack sieht als alleinstehender Mann auch einen Vorteil gegenüber Pflegemüttern: „Die leiblichen Mütter sehen in mir weniger Konkurrenz.“ Das erleichtert ihm oft den Umgang mit ihnen – und der sei wichtig. „Wenn man versucht, die Herkunftsfamilie auszublenden, hat man verloren“, sagt er.

Die leiblichen Eltern gehören zum Leben der Kinder. Selbst wenn Hack sieht, wie die Kinder gelitten haben, selbst wenn eine Mutter ihr Kind dem Pflegevater wie ein lästiges Möbelstück überreicht hat. Wenn die leiblichen Eltern später Kontakt zu ihrem Kind haben wollen, dann könne man das nicht verhindern, auch wenn es schwerfalle. Der Kontakt läuft in den meisten Fällen über das zuständige Jugendamt oder den Träger, der die Pflegefamilien nach der Vermittlung begleitet. Eine enge Zusammenarbeit ist wichtig, nicht zuletzt, um auch mögliche Missstände in Pflegefamilien früh zu erkennen.

Pflegekinder brauchen viel Aufmerksamkeit. Um sie Sam und Leo zu geben, ist Joachim Hack vor zwei Jahren von einer Vollzeitstelle in Elternzeit gegangen und arbeitet jetzt 50 Prozent. Ein wenig Zeit für sich schafft er sich aber trotzdem. Regelmäßig geht er zum Sport und trifft sich mit seinem jetzigen Lebenspartner. Die Jungen weiß er dann von einer Babysitterin gut betreut. Und wenn er mal mit seinem Freund für ein verlängertes Wochenende wegfährt, kümmern sich die Oma seines zweiten Sohnes und Freunde, die selbst Pflegeeltern sind, um die Jungen. „Gerade als Alleinstehender geht es nicht ohne ein verlässliches Netzwerk“, sagt er, „die vielen Freunde auf Facebook nützen einem da gar nichts.“

Sam mag es nicht, wenn sein „Papa“ wegfährt. Aber Hack weiß, dass es wichtig für ihn und seine Partnerschaft ist. Und er tankt dabei neue Kraft. Noch mehr Kraft aber geben ihm die Kinder selbst. „Was man den Kindern gibt, bekommt man 100.000-fach zurück“, sagt er. Wenn Sam und Leo nach seiner Hand greifen, aber auch wenn sie gegen ihn aufbegehren, weiß er: „Sie sind angekommen, sie haben die Gewissheit, dass ich sie nicht wegschicke, selbst wenn sie mal bockig sind.“

Wegschicken – was für eine absurde Vorstellung für Joachim Hack. Ein Leben ohne seine Pflegekinder könnte er sich gar nicht mehr vorstellen. Eher würde er noch ein weiteres Pflegekind aufnehmen. Nicht sofort, erst will er genug Zeit für Sam haben, wenn der im Sommer in die Schule kommt. Aber vielleicht danach. Ob Mädchen oder Junge, das ist Hack egal. Aber bei sechs Söhnen wäre es jetzt wohl mal Zeit für ein Mädchen in der Familie.