Bebauungsplanung

Anpassung an die Realität

Senatsbaudirektorin will die bisherige Planung für den Alexanderplatz kippen

20 Jahre Stillstand sollen genug sein: Senatsbaudirektorin Regula Lüscher will die bisherige Planung für die Bebauung am Alexanderplatz kippen. „Dort, wo wir Bestandsgebäude haben, wo eine Realisierung aus der Erfahrung der letzten Jahre schwierig scheint, dort muss man sich der Frage einer Neuordnung stellen“, begründete sie am Donnerstag ihren Vorstoß. Der bisher geltende Masterplan, den der Architekt Hans Kollhoff 1993 entwickelt hatte, sieht den Abriss zahlreicher Gebäude aus DDR-Zeiten vor – um Platz zu schaffen für zehn bis zu 150 Meter hohe Türme. „Ich glaube, es ist eine Chance, nach fast 20 Jahren noch mal mit einer anderen Brille an die Aufgabe ranzugehen, ohne den Hochhausstandort als solchen infrage zu stellen“, sagte Lüscher.

Die Bebauungsplanung für den Alexanderplatz sei weiter verbindlich, ergänzte die Senatsbaudirektorin. Jedoch sei der Zeitpunkt günstig, jetzt über eine Neuausrichtung nachzudenken. Die Investoren hätten nach Ablauf der Sieben-Jahres-Frist zumeist keinen Anspruch mehr auf Schadenersatz. „Deswegen gibt es jetzt einen historischen Moment, in dem sich das Land Berlin überlegen kann, ob es eine Umplanung vornimmt, die sich stärker an den bestehenden Gebäuden orientiert“, sagte sie. Ob Berlin diese Chance nutzen wolle, müsse jetzt im Abgeordnetenhaus diskutiert werden.

Gerade diese Orientierung am Bestand ist unter Stadtplanern umstritten. Während Lüscher die Abkehr von den kollhoffschen Hochhausplänen mit der Anpassung an die Realität begründet, werfen Kritiker wie der Berliner Architekt und Mitverfasser des Planwerks Innenstadt, Bernd Albers, der Baudirektorin vor, durch diese „Bestandslogik“ Mängel zu zementieren, die noch aus dem DDR-Städtebau herrührten. „Den Alexanderplatz kann man nicht isoliert betrachten, er muss zusammen mit dem angrenzenden Rathausforum, dem alten Marienviertel, betrachtet werden“, sagte Albers.

Auch beim Koalitionspartner CDU stößt Lüschers Vorstoß nicht auf Gegenliebe. In der Union ist man verärgert, dass die Senatsbaudirektorin mit unabgesprochenen Plänen an die Öffentlichkeit geht. Inhaltlich sehe man die Zukunft des Alexanderplatzes jedenfalls deutlich anders, als von Lüscher kommuniziert, so der baupolitische Sprecher der CDU, Stefan Evers. „Der Alexanderplatz ist und bleibt der prädestinierte innerstädtische Ort für eine Hochhausbebauung“, sagte Evers. „Wir werden jeder Anpassung der bestehenden Bebauungspläne zustimmen, die die Realisierungschancen für die Umsetzung der städtebaulichen Leitziele des Masterplans erhöht“, so Evers weiter. Dazu sei es notwendig, auf den heutigen Bestand zu reagieren und die Parzellen möglicher Hochhausstandorte gegebenenfalls zu verändern. „Umgekehrt werden wir keiner Planung zustimmen, die die bauliche Banalisierung dieses wichtigen innerstädtischen Platzes verfestigt“, sagte Evers weiter.

Von der Opposition gab es dagegen am Donnerstag überwiegend Zustimmung für die von Lüscher angeregte Neuausrichtung der städtebaulichen Ziele. „Wir waren schon immer gegen den Masterplan“, sagte Katrin Lompscher, Bauexpertin der Linksfraktion. Inzwischen habe wohl auch die Senatsverwaltung erkannt, dass „der Fernsehturm zu Berlin gehört“. Diesen hätte zwar auch die kollhoffsche Planung stehen lassen, wie Lompscher einräumt. Aber das Haus des Lehrers, die Berliner Kongresshalle und das „Park Inn“-Hotel, allesamt aufwendig saniert, hätten nach dem kollhoffschen Plan „rabiat hinweggefegt“ werden sollen. Die Grünen sichern der Senatsbaudirektorin ihre „konstruktive Unterstützung“ zu. Es sei „total richtig, neue Pläne zu entwickeln“, sagte die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, Antje Kapek.

Auslöser für die erneute Debatte über die Gestaltung des Alexanderplatzes war die Ankündigung des Investors Hines, das Hochhaus direkt am Geschäftshauswürfel „Die Mitte“ errichten zu wollen.