Literatur

Mit Humor und Mentholsalbe

Stress im Sekundentakt – zwei Pfleger in der Notaufnahme haben ein Buch geschrieben

Krankenhausserien wie „Grey’s Anatomy“ oder früher „Emergency Room“ gehören zu den beliebtesten Fernsehformaten. Auch Anna Delegra und Tim Benit schauen sich die Folgen gern an. Vieles erkennen sie wieder, oft wundern sie sich aber auch darüber, wie viel Zeit das Krankenhauspersonal dort für die Patienten hat. Die Wirklichkeit sieht anders aus, das wissen beide aus eigener Erfahrung.

Die 26-Jährige und der 30-Jährige sind Kranken- und Gesundheitspfleger und arbeiten seit vier Jahren zusammen in einer Notaufnahme einer großen Klinik. Den Namen des Krankenhauses dürfen sie nicht nennen, nicht einmal die Stadt. Das haben sie mit ihrem Arbeitgeber so vereinbart, erklären sie, als sie ihr Buch in Berlin vorstellen. Die beiden heißen tatsächlich auch anders. Aber sie zeigen ihr Gesicht, und auch die Geschichten, die sie jeden Tag erleben, sind echt.

Da ist die 97-jährige Dame, die mit einer großen Platzwunde am Kopf und mehreren Brüchen von der Feuerwehr eingeliefert wird. Sie ist gestürzt und nun zum ersten Mal in ihrem Leben im Krankenhaus. Doch sie will trotz ihrer schweren Verletzungen nicht bleiben, weil sonst der Kater zu Hause unversorgt wäre.

Verweildauer immer kürzer

Da ist der Mann, der nach exzessivem Jogging mit Muskelkater in die Notaufnahme kommt und sich darüber aufregt, dass seine Beschwerden nicht mit höchster Priorität behandelt werden. Da ist die Frau, die mit heftigen Unterleibsbeschwerden von ihrem Freund in die Notaufnahme begleitet wird und dort zur Überraschung aller kurz darauf einen Sohn gebärt. Oder da ist der 17-Jährige, der nach einem Verkehrsunfall in einem lebensbedrohlichen Zustand mit dem Rettungswagen gebracht wird.

Anna Delegra und Tim Benit haben nur wenige Minuten, manchmal Sekunden, um sich auf einen neuen Patienten einzustellen. In 24 Stunden landen etwa 200 bis 300 Patienten in ihrer Notaufnahme, im Jahr sind es bis zu 90.000. Es werden immer mehr, so die Beobachtung von Tim Benit, das liege auch an dem Drehtüreffekt: Weil die Patienten immer kürzer in der Klinik verweilen, kämen viele bald wieder. Und er kennt die Rush Hours: am frühen Abend, wenn die Arztpraxen schließen, oder das Wochenende beginnt.

Im Schnitt betreuen die beiden Gesundheits- und Krankenpfleger, so die moderne Bezeichnung des klassischen Berufsbildes der Krankenschwester beziehungsweise des Krankenpflegers, in einer Schicht etwa 30 Patienten. Wenn sie in der Zentrale sitzen, müssen sie die Dringlichkeit der Beschwerden einschätzen, sie bringen die Patienten vom Warteraum in die Behandlungszimmer, assistieren bei den Untersuchungen, müssen Menschen beruhigen, die vielleicht schon Stunden auf eine Behandlung warten, und sie sind für alle pflegerischen Maßnahmen zuständig.

Dazu zählt auch die Begleitung zur Toilette. „Warum müssen eigentlich alle Patienten immer gleichzeitig und unbedingt sofort auf die Toilette?“, fragt sich Tim Benit oft, wenn er das Gefühl hat, sich vierteilen zu müssen, um allen Patienten und Aufgaben gerecht zu werden.

Dieses Gefühl ist für ihn Normalzustand in seinem Arbeitsalltag. „Was mich belastet, ist nicht die Arbeit, die anfällt, sondern die Folgen des Personalmangels. Man hat oft das Gefühl, nicht genug Zeit für die Patienten zu haben“, sagt Tim Benit. Besonders in einer Notfallsituation erlebt er dieses Defizit sehr stark.

Im Buch beschreibt er einen Fall, als ein schwer verletzter junger Mann auf der Trage verzweifelt fragt, ob er wieder gesund werden würde. „Etliche Hände hantieren wieselflink am Kopf des Patienten herum. Nur auf seine Frage antwortet niemand. Dabei müssten sie eigentlich alle gehört haben, laut genug gestellt hat er sie jedenfalls. Aber alle bleiben stumm.“ Für den jungen Krankenpfleger eine fast unerträgliche Situation. Auch die Angehörigen würden oft ohne Information zurückgelassen, weil kein Personal da ist, um sie aufzufangen. In ihrer Funktion dürfen die Krankenpfleger zwar keine Auskunft über den Gesundheitszustand des Patienten geben, aber Anna Delegra versucht dann wenigstens zu erklären, was konkret passiert. „Das nimmt den Angehörigen schon ein wenig die Ungewissheit, wenn sie wissen, dass der Patient jetzt untersucht wird oder beim Röntgen ist“, so ihre Erfahrung. Stress resultiert für die beiden Pflegekräfte auch aus der emotionalen Belastung. „Es gibt viele Situationen, die einem sehr nahe gehen“, erklärt Anna Delegra, zum Beispiel wenn Kinder schwer verletzt eingeliefert werden oder wenn ein junger Mensch eine Krebsdiagnose erhält. Manchmal hilft Humor, um solche Schicksale auf Abstand zu halten, sagt sie, daher klingen viele Episoden aus dem Buch auch leichter und lustiger, als sie in der Realität sind. „Es ist immer wieder eine Gratwanderung zwischen Professionalität und Menschlichkeit“, ergänzt Tim Benit.

Stressresistenz, Flexibilität, Sensibilität und auch Humor – das sind wichtige Eigenschaften, die Pflegekräfte mitbringen müssen. Aber das ist noch nicht alles, sagt Anna Delegra. Auch eine gute Blase brauche man. Es gibt Tage, an denen es Stunden dauern kann, bis sie auf die Toilette kommt. Und ein dickes Fell habe sie sich inzwischen zugelegt. Das brauche sie zum Beispiel, wenn sie einen nicht gerade frisch geduschten Patienten betreut. Am Anfang war das für sie kaum auszuhalten, aber inzwischen hat sie immer eine Mentholsalbe im Kittel, die sie sich unter die Nase schmiert, wenn es mal zu arg wird. Trotz aller Widrigkeiten arbeiten Anna Delegra und Tim Benit gern in ihren Beruf, vor allem, weil er so abwechslungsreich ist.

Für eine Studie der Fachhochschule Münster wurde 2010 das Krankenhauspersonal zu seiner Zufriedenheit befragt. Danach identifizieren sich 80 Prozent mit ihrem Beruf, allerdings nur 50 Prozent mit ihrem Arbeitsplatz, und nur ein Drittel würde den eigenen Beruf weiterempfehlen.

Anna Delegra nickt, mehr Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen würde sie sich auch in den Krankenhäusern wünschen. „Es wird schließlich immer mehr Leistung bei geringeren Bezügen gefordert“, sagt sie. In Berlin verdienen Krankenschwestern und Pfleger im Durchschnitt knapp 2000 Euro brutto. „Und bei einer Vollzeitstelle verbringt man zwei bis drei Wochenenden im Monat auf der Arbeit“, sagt sie. Fürs Sozialleben bleibt wenig Raum. Dabei ist gerade das so wichtig, um neue Kraft für die Anforderungen in ihrem Beruf zu tanken.

Anna Delegra und Tim Benit: „Ich bin aber auch ein Notfall!“, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro.