Gedenken

Eine Party gegen Gewalt

Jonny K. wäre am Sonntag 21 Jahre alt geworden. Seine Schwester hat zur Geburtstagsfeier in den Admiralspalast geladen

Es gibt viele Menschen in Berlin, die zu anonymen Opfern von Gewalt werden. Jonny K. blieb nicht anonym. Seine Schwester Tina K. ging in die Öffentlichkeit. Wühlte die Menschen auf. Sprach und spricht für ihren Bruder, der es selbst nicht mehr kann, weil er nahe dem Alexanderplatz zu Tode geprügelt worden war. Das war am 14. Oktober 2012, am gestrigen Sonntag wäre Jonny K. 21 Jahre alt geworden. Im Admiralspalast fand deshalb ein Benefizkonzert für ihn statt – mit Tanzgruppen, Bands wie den Seeed Vocalists, Glasperlenspiel oder die Blue Man Group. Unter dem Motto „Stimmen für unseren Bruder“ sangen sie für den jungen Berliner, der im Oktober vergangenen Jahres nahe des Alexanderplatzes totgeprügelt wurde. Er wollte einem Freund zu Hilfe eilen. Seitdem engagiert sich seine Schwester Tina K. mit dem von ihr gegründeten Verein „I am Jonny“ gegen Gewalt und für mehr Toleranz. „Es ist Zeit aufzustehen“, sagt sie.

Luftküsse an die Eltern

Neben der Familie von Jonny und Tina K. sind knapp tausend Menschen gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Unter ihnen sind Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU), der Fernsehmoderator Patrice Bouédibéla und die Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi. Tina K. ist überwältigt von der Anteilnahme. „Bis zum Schluss hab ich mich gefragt: ‚Was ist, wenn keiner kommt?’“, sagt sie. „Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen.“ Zu Beginn der Show schickt Tina K. von der Bühne aus Luftküsse zu ihren Eltern in die oberen Reihen des Saals: „Mama, Papa, ich liebe Euch!“ Im Vorverkauf gingen bereits 650 Karten weg. Der Erlös des Benefizkonzerts soll in Jugendprojekte des Vereins fließen.

Tina K. hat die Veranstaltung als „eine Geburtstagsparty für Jonny mit allem, was dazu gehört“ angekündigt. Trotz des ernsten Hintergrunds dürften „gute Laune, Luftballons, eine Torte und Kerzen“ nicht fehlen. So ist die Stimmung auch ausgelassen. Und dennoch: Man spürt den mehr als ernsten Anlass des Konzerts. Viele Künstler verarbeiten in ihren Auftritten die schreckliche Tat von vor knapp sechs Monaten. So tanzt eine Mädchengruppe vom Jugendclub „Centre Talma Dance“ zu einem Musik-Mix aus Lied- und Tonsequenzen, der aus Nachrichten über den Fall Jonny K. zusammengesetzt ist. In ihrer Choreografie imitieren sie eine Schlägerei. Auch Kaze, der langjährige Freund von Tina K., steht auf der Bühne. Mit einem selbst geschriebenen Lied über Jonny K. Er war in der Tatnacht dabei. Tina K. ist gerührt: „Besonders emotional wird es für mich, wenn mein Freund für Jonny singt.“

Auch die Gäste des Abends sind tief bewegt. Die 32-jährigen Berlinerinnen Nele und Marlene Gnielka haben selbst Kinder. Sie können sich diesen Verlust kaum vorstellen. „Das Konzert ist für uns ein Symbol gegen Gewalt.“ Auch die 20-jährigen Sheila Schatz und Lars Schwarzkopf wollen Tina K. und ihre Familie unterstützen. Sheila bewundert Jonnys große Schwester: „Ich habe echt Respekt vor dem, was Tina K. schon geschafft hat. Sie ist so bemüht, was zu ändern und macht das auf eine sehr erwachsene Art und Weise.“

Eine der Berliner Tanzgruppen, die für Jonny K. tanzen, ist „Surprassing Skillz“. „Für uns ist dieser Auftritt eine Geste der Verbundenheit, auch Jonny war Tänzer – wir hätten in der gleichen Situation sein können“, sagt der 20 Jahre alte Choreograf Chris Marc Phung. Viele der Tänzer sind ebenfalls asiatischer Herkunft. „Mein Bruder hat mich direkt angerufen, als er von der Tat am Alex gehört hat, da unser Tanzstudio da in der Nähe ist und auch ich mit vielen Asiaten rumhänge“, sagt der Berliner Ricardo Schlieske. Das Mitgefühl wird bei allen Gästen deutlich – ob Eltern, große Geschwister, Freunde asiatischer Herkunft oder Tänzer, wie Jonny K. einer war. Auch wenn sie nicht direkt mit dem Fall zu tun haben, sehen sich viele dazu ermutigt, gegen Gewalt in der Stadt zu kämpfen – und ein Zeichen zu setzen.

Entsetzen und Bestürzung

Jonny K. war am 14. Oktober vergangenen Jahres mit Freunden unterwegs, als die Gruppe von mehreren jungen Männern am Alexanderplatz angegriffen wurde. Jonny K. wollte sich mit Worten, so heißt es, für einen belästigten Freund einsetzen. Daraufhin wurde er so brutal verprügelt, dass er am nächsten Tag im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen starb. Die Tat löste bundesweit Entsetzen und Bestürzung aus. Zur Trauerfeier kamen knapp 600 Menschen.

Bisher haben sich erst fünf der sechs Verdächtigen gestellt. Der als Haupttäter geltende Onur U. hat sich in die Türkei abgesetzt. Eine Auslieferung kam nicht zustande, weil der Beschuldigte neben der deutschen auch über eine türkische Staatsangehörigkeit verfügt. Doch nun hat die türkische Staatsanwaltschaft eigene Ermittlungen wegen vorsätzlichen Mordes und vorsätzlicher Körperverletzung eingeleitet.

Als Reaktion auf die Gewalttat hat die Berliner Polizei unter anderem eine mobile Wache am Alexanderplatz eingerichtet.