Berliner Perlen

Bei den Knabberfischen

Bei „Fußfetifisch“ in Prenzlauer Berg entfernen nicht Hobel und Bimsstein die Hornhaut, sondern Saugbarben. Für sie sind die abgestorbenen Hautzellen eine Art Leckerli

Fast hätte es dieses Geschäft nur zwei Tage lang gegeben. Kaum hatte Vanessa Hopf im Juli 2011 den ersten Fish-Spa in Berlin eröffnet, kam ein Anruf vom Veterinäramt Pankow mit der Aufforderung, den Laden sofort wieder zu schließen. Pediküre mit Doktorfischen: Das war der Behörde suspekt. War das überhaupt mit Hygienebestimmungen und Tierschutz vereinbar? Die Beamten runzelten die Stirn, als Vanessa Hopf und ihr Freund, mit dem sie den Laden anfangs gemeinsam betrieb, vor ihnen saßen. Erst als zwei Monate später in Charlottenburg ein weiterer Fish-Spa eröffnete, den das dortige Veterinäramt genehmigte, und nachdem Vanessa Hopf eine Fortbildung in Aquaristik-Sachkunde gemacht hatte, durfte „Fußfetifisch“ ein zweites Mal im Oktober 2011 eröffnen. Seitdem knabbern die Rötlichen Saugbarben oder Garra Rufas, so der Fachbegriff für die Knabberfische, an Berliner Füßen.

Eine einheitliche Regelung gibt es allerdings bis heute nicht in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen und Hessen zum Beispiel sind Fish Spas verboten. Die Idee kommt ursprünglich aus Asien. Vanessa Hopf hat den ersten Fish Spa in Großbritannien entdeckt, wo sie zwei Semester Business-Management studiert hat. „Ich war davon gleich so begeistert, dass ich sofort im Internet geschaut habe, ob es so etwas in Berlin gibt.“ Gab es aber nicht. Den Freund konnte sie mit ihrer Begeisterung schnell anstecken und schon war die Idee eines eigenen Geschäfts geboren. Anfang Juni 2011 hatte sie ihren Bachelor. Sechs Wochen später eröffnete sie den Laden in Prenzlauer Berg.

Pflegende und heilende Wirkung

„Mit Fischen hatte ich bis dahin nie etwas zu tun gehabt“, sagt Vanessa Hopf. Und auf einmal hatte sie gleich 600 Garra Rufas. Sie leben eigentlich in Thermalbächen in der Kangalregion in der Türkei. Ihrer Herkunft nach werden sie deshalb auch Kangalfische genannt. Neben der pflegenden wird ihnen auch eine heilende Wirkung nachgesagt: Sie sollen die Durchblutung verbessern und Hautkrankheiten wie Neurodermitis lindern.

Deshalb stehen die Fische in der Türkei unter Naturschutz und dürfen nicht exportiert werden. Ihre Garra Rufas bezieht Vanessa Hopf von einem Züchter in Tempelhof. Etwa ein Jahr sind sie bei ihr, dann, wenn sie größer als drei Zentimeter werden, tauscht sie sie beim Züchter gegen jüngere und kleinere aus. Hautkrankheiten darf sie mit ihnen allerdings nicht therapieren, ihre Fischchen dienen ausschließlich der kosmetischen Behandlung.

In jedem der acht Becken, die in dem Ladengeschäft an der Danziger Straße stehen, schwimmen jeweils 60 Fische. 60 mal 60 mal 60 cm Platz und 180 Liter Wasser mit einer Temperatur von 32 Grad stehen ihnen pro Becken zur Verfügung. Die Vorgaben würden den Tierschutz-Richtlinien entsprechen, versichert Vanessa Hopf. Ebenfalls vom Tierschutz vorgegeben sind die Arbeitszeiten der Fische – aus menschlicher Sicht traumhafte Bedingungen: Pro Tag dürfen in jedes Becken nur vier Paar frisch gewaschene Füße gehalten werden. Und nach jedem Paar haben die Fische erst einmal eine Stunde Pause.

Satt werden die Tierchen nicht davon. „Die abgestorbenen Hautzellen sind für die Tiere eine zusätzliche Proteinquelle, eine Art Leckerli“, erklärt Vanessa Hopf. Als Hauptmahlzeit bekommen sie morgens und abends normales Fischfutter.

Trotzdem machen die Knabberfische einen recht hungrigen Eindruck, als die ersten beiden Kundinnen an diesem Tag, Yvonne Köcknitz und Katja Lohse, ihre Füße ins Wasser halten. Schon nach wenigen Sekunden hängt der ganze Schwarm an den Füßen und macht sich an die Arbeit. „Es prickelt ein bisschen“, sagt Yvonne Köcknitz über das Gefühl. „Es ist so, als würde sich im Wasser eine Brausetablette auflösen“, sagt Vanessa Hopf. So wie kitzeln? „Nicht ganz, viele Menschen, die von sich behaupten, sie seien kitzelig, macht das hier gar nichts aus.“ Wer sich einmal auf die Knabberei eingelassen hat, der entspanne sehr schnell, hat die 28-Jährige beobachtet. „Manche Kunden schlafen sogar ein“, erzählt sie, wozu sicher auch das gleichmäßige Blubbern aus den acht Aquarien beiträgt.

Mischung aus Spa und Spaß

Zu Vanessa Hopf kommen vor allem Menschen, die mal etwas anderes erleben wollen. „Es ist eine Mischung aus Spa und Spaß“, sagt sie. Etwa drei Viertel der Kundschaft sind Frauen. Manche kommen auch, weil sie zuvor durch die große Fensterfront dem Fischetreiben zugeschaut haben. „Am Anfang haben sich regelrecht Menschentrauben auf der Straße gebildet“, erinnert sie sich. Wer sich beknabbern lassen will, sollte unbedingt reservieren.

Fußfetifisch Danziger Straße 26, Prenzlauer Berg., Mo.–Sbd. 12–20 Uhr, Tel. 54 59 89 57, fussfetifisch.de, 15, 30 oder 45 Minuten für 12/15/20 Euro