Unglück

10.30 Uhr: Ein lauter Knall, dann Schreie

Aus einer Übung wird tödliche Realität. Die Berliner Morgenpost dokumentiert den Ablauf der Katastrophe

Zwei Helikopter kollidieren während einer Großübung der Bundespolizei auf dem Maifeld am Olympiastadion – der schwerste Hubschrauberunfall in der jüngeren Berliner Geschichte.

9 Uhr Rund um das Olympiastadion haben sich mehr als 400 Beamte der Bundespolizei zu einer Großübung versammelt. Simuliert werden soll ein Großeinsatz gegen Fußball-Hooligans. Beteiligt sind Einsatzhundertschaften, Spezialkräfte, logistische und technische Unterstützungseinheiten sowie Hubschrauber der in Blumberg, östlich von Berlin, stationierten Fliegerstaffel Ost.

10 Uhr Die Übung ist in vollem Gange, Einheiten sind ständig unterwegs zwischen dem Stadion, dem Maifeld und dem nahe gelegenen S-Bahnhof Olympiastadion. Die Polizeiführung ist mit dem bisherigen Verlauf der Großübung zufrieden, wird ein Beamter später sagen.

10.15 Uhr Ungeachtet ihrer ernsten Notwendigkeit gibt es bei derartigen Übungen auch immer einen gewissen Spaßfaktor. Zumindest für die Beamten, die einmal die Seiten wechseln und in die Rolle der Chaoten und Randalierer schlüpfen dürfen. Bei den ersten Zusammentreffen mit den Kollegen ahnt noch niemand der höchst engagiert zu Werke gehenden „Hooligans“, wie abrupt ihr Spaß an diesem Tag beendet sein wird.

10.27 Uhr Drei Transporthubschrauber befinden sich von Westen kommend im Landeanflug auf das Maifeld. Ihre Aufgabe ist es an diesem Tag, Einheiten zwischen den einzelnen Einsatzorten hin- und herzufliegen. Der erste der anfliegenden Hubschrauber kann nach dem Überfliegen der Tribüne und dem Glockenturm problemlos landen.

10.29 Uhr Auch der zweite Hubschrauber ist gelandet. Die dritte, unmittelbar folgende Maschine des Typs Super Puma können Beobachter am Rande des Maifelds und Beteiligte der Übung im dichten Schneegestöber nur schemenhaft sehen.

10.30 Uhr Durch die Landungen wird noch mehr Schnee aufgewirbelt, von den Helikoptern ist jetzt gar nichts mehr zu sehen. Dafür hören die Anwesenden plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall. Ein Journalist wird später von einer Explosion sprechen. Metallteile fliegen durch die Luft, es sind Schreie zu hören.

10.31 Uhr Nach einem kurzen Moment des Schocks bietet sich den Beamten ein entsetzliches Bild. Beide Hubschrauber liegen schwer beschädigt auf dem Boden. Sofort wird klar: Der dritte Helikopter ist auf den kurz vor ihm gelandeten Eurocopter gestürzt. Einige Insassen der Hubschrauber können noch selbstständig aus den Maschinen klettern, andere werden von ihren Kollegen, darunter sind auch Sanitäter, herausgezogen und in Sicherheit gebracht. Die Lage ist unübersichtlich, noch erfassen nur wenige, was für ein schwerer Unfall da soeben passiert ist.

10.33 Uhr Bei der Berliner Feuerwehr geht der Notruf ein. Rettungskräfte und Notärzte machen sich mit anderen Spezialisten sofort auf den Weg zum Unglücksort. Insgesamt sind 100 Feuerwehrleute im Einsatz.

10.38 Uhr Die Einsatzkräfte der Feuerwehr treffen ein und beginnen mit der Versorgung der Verletzten. Es wird klar, dass mindestens vier Beamte schwere Verletzungen davongetragen haben. Für den Piloten der Eurocopter-Maschine kommt jede Hilfe zu spät. Trotz aller Bemühungen der Rettungskräfte erliegt er noch auf dem Maifeld seinen Verletzungen.

10.45 Uhr Zwei schwer und zwei „mittelschwer“ (ein Polizeisprecher) verletzte Beamte werden von der Feuerwehr in Begleitung von Notärzten in verschiedene Kliniken gefahren. Andere Rettungskräfte kümmern sich vor Ort um weitere leicht verletzte Beamte.

11 Uhr Spezialkräfte der Feuerwehr müssen die Unfallstelle sichern. Aus einem der völlig zerstörten Hubschrauber tritt Kerosin aus, es besteht Explosionsgefahr. Die Unfallstelle ist inzwischen weiträumig abgesperrt worden.

11.10 Uhr Inzwischen haben alle der in einem weiten Radius agierenden Einsatzkräfte der Bundespolizei Kenntnis von dem tragischen Unfall und seinem tödlichen Ausgang für einen Kollegen. Die Beamten sind geschockt und fassungslos, die Übung ist inzwischen abgebrochen worden.

11.20 Uhr Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist am Unglücksort eingetroffen. Er verschafft sich einen ersten Überblick und erklärt, seine Gedanken seien nun zuallererst bei den Angehörigen des getöteten Piloten. Der Minister kündigt eine umfassende Untersuchung zu den Ursachen des Unfalls an.

11.35 Uhr Inzwischen ist – wie bei allen Flugunfällen – das Luftfahrtbundesamt eingeschaltet worden. Die Experten aus Braunschweig machen sich auf den Weg nach Berlin. Auch Beamte der 7. Mordkommission treffen am Olympiastadion ein. Sie übernehmen seitens der Berliner Polizei die Ermittlungen zu dem Geschehen.

11.45 Uhr Die Meldung über das Unglück läuft inzwischen über alle Agenturen, Fernsehsender und Onlineportale der Zeitungen. Gleichzeitig werden erste kritische Fragen zum Ablauf des Geschehens laut. Insbesondere wird die Entscheidung, trotz des dichten Schneegestöbers Helikopter starten und landen zu lassen, kritisch hinterfragt.

12.15 Uhr Clemens-Alexander Tönnies, Pressesprecher der Berliner Polizei, ist ebenfalls vor Ort. Gemeinsam mit einem Kollegen der Bundespolizei bestätigt er offiziell den Tod eines Piloten.

12.30 Uhr Inzwischen ist auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) eingetroffen. Er äußert sich betroffen über die Tragödie und spricht den Angehörigen des toten Beamten ebenfalls sein Mitgefühl aus. Gleichzeitig überfliegt ein weiterer Hubschrauber der Bundespolizei das Maifeld. Von der Maschine aus werden Luftaufnahmen gemacht, die das Geschehen dokumentieren und zur Aufklärung beitragen sollen.

12.50 Uhr Spezialisten der Bundespolizei haben mit ihren Untersuchungen zur Unfallursache begonnen. Mit einem endgültigen Ergebnis ist nach Angaben eines Polizeisprechers aber erst in einigen Tagen zu rechnen. Der Sprecher erwähnt auch aufgekommene Kritik an Flugmanövern bei widrigen Wetterbedingungen. Das werde ebenfalls Gegenstand der Untersuchungen sein, die Bundespolizei beteilige sich aber nicht an Spekulationen und voreiligen Schuldzuweisungen.

13.30 Uhr Spezialisten haben sich an die genaue Untersuchung der beiden betroffenen Helikopter gemacht. Die Maschinen sind offiziell beschlagnahmt worden und sollen so schnell wie möglich zu weiteren eingehenden Untersuchungen abtransportiert werden. Mitarbeiter des Luftfahrtbundesamtes sind inzwischen auch vor Ort und nehmen ihre Arbeit auf.

14 Uhr Im weiteren Umfeld der Absturzstelle ist inzwischen mit Aufräumarbeiten begonnen worden. Die Arbeiten werden überaus vorsichtig ausgeführt. Jedes kleinste Metallteil muss gesichert werden und kann für die weitere Aufklärung entscheidend sein.

15.30 Uhr Der getötete Pilot wird abtransportiert. Die Angehörigen sind längst informiert worden, hohe Polizeiführer haben ihnen persönlich kondoliert und jede Unterstützung zugesagt.