Justiz

Das Schweigen der Angeklagten

Mord aus Habgier: Prozess um den Tod der Pferdewirtin Christin R. aus Lübars beginnt

Christin R. war erst 21 Jahre alt und sie war verliebt. Sie hoffte auf ein Leben mit ihrem Freund. Doch sie musste sterben, weil ihre Mörder etwas anderes planten. Sie wollten das Geld aus den Lebensversicherungen der jungen Frau. Davon geht zumindest die Berliner Staatsanwaltschaft aus. Nach intensiven Ermittlungen hat sie Anklage gegen drei Männer und zwei Frauen erhoben. Vier von ihnen wird gemeinschaftlicher heimtückischer Mord aus Habgier vorgeworfen, dem fünften Angeklagten Anstiftung zum Mord. Seit Donnerstag muss sich das Quintett vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Moabit verantworten.

Rückblick: Am 21. Juni 2012 wird nahe einem Parkplatz vor dem Freibad Lübars die Leiche von Christin R. gefunden. Die Pferdewirtin wurde in der Nacht zuvor mit einem Seil erdrosselt. Schnell gerät Robin H., der Ex-Freund des Opfers, in Verdacht. Er wird noch am selben Tag festgenommen. Die Ermittler der Mordkommission gehen zunächst von einer Beziehungstat aus. Doch innerhalb von nur einer Woche gelingt es den Beamten, ein ganzes Komplott aufzudecken, an dem noch vier weitere Personen beteiligt gewesen sein sollen.

Die drei Männer und zwei Frauen sollen in unterschiedlichen Rollen an dem kaltblütigen Verbrechen beteiligt gewesen sein. Da ist Robin H. Zweimal ist der 24-Jährige in den vergangenen zwei Jahren mit seinem Traum vom eigenen Reiterhof gescheitert. Daher soll er im Herbst 2011 gemeinsam mit seiner Mutter den Plan entwickelt haben, hohe Lebensversicherungen auf seine Freundin Christin R. abzuschließen und sie dann zu töten, um an das benötige Kapital zu gelangen.

Acht Risikolebensversicherungen über insgesamt 2,4 Millionen Euro wurden in der Folgezeit zum Teil ohne deren Wissen auf Christin R. abgeschlossen. Mutter Cornelia H., 55, eine Frau, die offenbar stets bereit war, ihren Sohn bei der Verwirklichung seiner hohen Ziele zu unterstützen, soll die treibende Kraft hinter dem Mordplan gewesen sein und einen ersten Mordversuch an der jungen Frau selbst verübt haben. Im April 2012 stach sie von hinten mit einem Messer auf Christin R. ein, angeblich in einem Anfall von Verwirrung, wie sie später glauben machen wollte.

Frühere Mordversuche

Dritte Angeklagte ist Tanja L., 27, eine alte Bekannte von Robin H. Sie soll eingeweiht worden sein und den zweiten Mordversuch an Christin R., die sich nach dem ersten Anschlag von Robin H. getrennt hatte, ausgeführt haben. Im Mai traf sie sich mit ihr – nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft – unter dem Vorwand, ein Pferd kaufen zu wollen. Der Plan, ihr dabei heimlich Gift in ein Getränk zu mischen, scheiterte. Christin R. wurde zwar übel, aber sie überlebte.

Daraufhin soll Tanja L. über ihren Bruder Sven, 24, Kontakt zu dem 22-jährigen Steven Mc A. aufgenommen haben, der sich der Anklage zufolge schließlich bereit erklärt hat, den Mord auszuführen. Für 500 Euro. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni vergangenen Jahres trafen sich Robin H. und Tanja L. ein weiteres Mal unter einem Vorwand mit Christin R. auf dem Parkplatz in Lübars. Im Gebüsch soll Mc A. gewartet und im geeigneten Moment das Opfer erdrosselt haben. Schon zwei Tage später soll Cornelia H. bei den Versicherungen im Namen ihres Sohnes dessen Ansprüche angemeldet haben.

Es bedarf schon einer verschworenen Gemeinschaft, um ein solch skrupelloses wie auch riskantes Komplott auszuhecken und umzusetzen. Von der ist bei Prozessbeginn am Donnerstag allerdings nichts mehr zu spüren. Die Angeklagten sitzen so weit auseinander, wie es die beiden mit schusssicherem Glas verkleideten Kabinen im großen Schwurgerichtssaal 500 zulassen. Und würdigen sich keines Blickes. Bis auf den 22-jährigen wegen Anstiftung angeklagten Sven L., dessen Blicke mitunter nervös im Saal umherschweifen, verfolgen alle Angeklagten die Ausführungen von Richtern und Staatsanwalt regungslos und mit starrem Blick.

Auf entsprechende Fragen des Vorsitzenden lassen schließlich vier Angeklagte ihre Verteidiger mitteilen, dass sie sich zu den Vorwürfen vorerst nicht äußern werden. Nur Tanja L. kündigt für den nächsten Verhandlungstag umfassende Aussagen an. Die 27-Jährige hat sich bereits in den polizeilichen Vernehmungen umfassend geäußert. Auf ihren Aussagen basiert im Wesentlichen die Anklage. Was Tanja L. zu sagen hat, wird daher besonders von den beiden Vertretern der Staatsanwaltschaft mit Spannung erwartet. Offen ist, ob Steven Mc A., der Mann, der den Mord letztlich ausgeführt haben soll, in der Verhandlung sein Schweigen noch brechen wird. Bei der Polizei hatte er die Tat bestritten und stattdessen mehrfach Robin H. beschuldigt, Christin R. erdrosselt zu haben.

Familie und Freunde sind da

Die Tat sorgte angesichts ihrer Brutalität und der skrupellosen Motive der mutmaßlichen Täter im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen. Jetzt, zum Prozessauftakt, ist das Interesse erneut riesengroß. Der Verhandlungssaal 500 hat Platz für bis zu 30 Pressevertreter. Dennoch ist es am Donnerstag schwierig und es dauert einige Zeit, bis alle erschienenen Journalisten einen Platz gefunden haben. Nahezu alle Fernsehsender und zahlreiche überregionale Zeitungen haben neben den Berliner Medien ihre Vertreter entsandt.

Auch die Bänke für die Zuhörer hinten im Saal sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Aus Lübars, dem nördlichsten Berliner Stadtteil mit fast dörflichem Charakter, sind viele Freunde, Bekannte und Nachbarn von Christin R. und ihrer Familie gekommen. Die Familie des Opfers, Eltern und zwei Brüder, tritt als Nebenkläger auf. Die Angehörigen sitzen, flankiert von ihren Anwälten, vorne mitten im Saal. Hinter sich haben sie die drei männlichen Angeklagten, vor sich auf der gegenüberliegenden Seite die beiden Frauen. Die Mutter des Opfers richtet ihren Blick unentwegt auf Cornelia H. und Tanja L. Eine Regung in deren Gesichtern kann sie dabei nicht entdecken.

Insgesamt 26 Verhandlungstage hat die 35. Große Strafkammer für das Verfahren angesetzt. Dabei sollen auch zwei Sachverständige zur Wort kommen, die die Angeklagten begutachtet haben. Der Prozess wird am 8. April fortgesetzt. Das Urteil ist für Mitte August geplant.