Nahverkehr

Deutsche Bahn will um S-Bahn-Auftrag kämpfen

Streit mit Fahrzeuglieferant Bombardier spitzt sich weiter zu

Die Deutsche Bahn (DB) will ihre Position im Nahverkehr der deutschen Hauptstadt nicht kampflos räumen. „Wir stehen zur Berliner S-Bahn, da gibt es kein Zurück“, sagte Bahnchef Rüdiger Grube am Donnerstag bei der Vorstellung der Unternehmensbilanz in Berlin. Der S-Bahn-Betrieb sei schließlich Kerngeschäft der Bahn. Grube verwies darauf, dass die Berliner S-Bahn mit zuletzt fast 400 Millionen Fahrgästen im Jahr 36 Millionen Passagiere mehr befördere als die Schweizer Bundesbahn SBB in ihrem gesamten Netz. Zudem habe der Bahnkonzern insgesamt mehr als 400 Millionen Euro in die Hand genommen, um die vielfältigen Probleme bei ihrer Berliner S-Bahn-Tochter zu beheben.

Der Bahnchef reagierte damit auf die große Resonanz aus dem Ausland auf die vom Berliner Senat und der brandenburgischen Landesregierung im Vorjahr auf den Weg gebrachten europaweiten Ausschreibung eines ersten Teils des S-Bahn-Verkehrs. Bislang sollen acht Firmen oder Konsortien ihr Interesse am Betrieb der ab 2017 ausgeschriebenen Ringbahn-Linien sowie drei weiterer Strecken bekundet haben, darunter neben den Bahntöchtern S-Bahn Berlin GmbH und DB Regio auch mehrere Unternehmen aus dem Ausland.

„Wir werden um den Erhalt des S-Bahn-Systems kämpfen“, kündigte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr im DB-Konzern, an. Schon aus betrieblicher Sicht sei es problematisch, wenn auf einem hochbelasteten Netz zwei Wettbewerber parallel fahren würden. Besonders verärgert reagierte Homburg auf die tags zuvor vorgestellten Pläne des Pariser Metro-Betreibers RATP für die Berliner S-Bahn. Europarechtswidrig erhalte die staatliche RATP im eigenen Land Betriebsverträge über 35 Jahre, versuche aber gleichzeitig im liberalisierten deutschen Markt Fuß zu fassen. Es sei zudem vermessen von der RATP, ohne genaue Kenntnis des Systems zu behaupten, es besser zu können. Die RATP hatte am Dienstag angekündigt, sich mit einem eigenen Angebot an der unmittelbar bevorstehenden zweiten Stufe der Ausschreibung des Netzes „Ringbahn“ beteiligen zu wollen. Um ihrer Bewerbung Nachdruck zu verleihen, verwiesen die Franzosen auf die hohe Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit auf den von ihnen in Paris betriebenen Metro- und Expresszug-Linien.

Neben der RATP haben auch die in Hongkong ansässige Mass Transit Railway (MTR), die U-Bahnen in Asien und Skandinavien betreibt, sowie der britische Nahverkehrskonzern National Express ihr Interesse an dem zunächst auf 15 Jahre befristeten Betriebsauftrag angemeldet. Zudem wollen die großen Schienenfahrzeughersteller wie Bombardier, Siemens und Stadler auch direkt um den Milliardenauftrag kämpfen. Unter dem Motto „Alles aus einer Hand“ wollen sie die dringend benötigten 400 neuen S-Bahn-Wagen (Auftragsvolumen mindestens 600 Millionen Euro) nicht nur bauen, sondern auch warten und mit Hilfe eines Eisenbahnverkehrsunternehmens auch fahren.

Speziell die Offerte von Bombardier dürfte die Bahn zusätzlich treffen – hat sie doch erst zu Monatsbeginn den kanadischen Konzern, der einer ihrer wichtigsten Fahrzeug-Lieferanten ist, wegen schwerer Mängel an den Zügen der Berliner S-Bahn auf Schadenersatz in Höhe von 350 Millionen Euro verklagt. Weil die Räder und Radsatzwellen mangelhaft waren, mussten diese bei 500 Viertelzügen der wichtigsten S-Bahn-Baureihe 481/482 mit hohem finanziellen Aufwand durch eine Neukonstruktion ersetzt werden.

Bombardier wies die Anschuldigungen der Deutschen Bahn als „unbegründet und rufschädigend“ zurück. Die Gewährleistungspflicht für die Baureihe 481 sei „im gegenseitigen Einvernehmen“ im Jahr 2007 ausgelaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt seien die Wagen regelmäßig zu mehr als 98 Prozent einsatzbereit gewesen. Die Berliner S-Bahn sei von Beginn an für die Wartung und Instandhaltung der Fahrzeuge allein verantwortlich gewesen. Bombardier habe „keinerlei vertragliche Verpflichtungen zur Wartung und Reparatur der 481-Reihe“.