Berliner helfen

Mit Paten den Horizont erweitern

Verein „Hand in Hand“ vermittelt Ehrenamtliche, die Kinder begleiten und fördern

Mehr als 150.000 alleinerziehende Mütter und Väter leben in Berlin. Vielen von ihnen vermissen Verwandte und Freunde, die in der Nachbarschaft leben. Denn für die Kinder fehlt dadurch oft eine zweite Bezugsperson, ein Großvater oder eine Tante, bei der sie ihr Herz ausschütten und sich Rat holen können. „Jedes Kind braucht so eine Insel“ findet Ricarda Weller. In ihrer Kindheit war das eine nette alte Dame, die im selben Haus wohnte wie sie. „Es muss ja kein Verwandter sein, nur eine verlässliche Vertrauensperson“, sagt die 57jährige, die selbst zwei Kinder großgezogen hat.

Nach ihrem Wegzug aus dem idyllischen Schlachtensee hat sich die Online-Journalistin in einem Kindertreff in Charlottenburg Nord engagiert. Dort erklärte ihr ein Mädchen auf die Frage, was sie werden wolle: Tierarzthelferin. „Sie hatte sehr gute Noten. Ich fragte sie, warum denn nicht Tierärztin? Ja, geht das denn? war die erstaunte Antwort“, erinnert sich Ricarda Weller. Sie beschloss, Kontaktpersonen für die Kinder zu suchen, die ihnen Berufsbilder aufzeigen könnten: Rechtsanwälte, Personaltrainer und Journalisten machten mit, luden die Kinder in ihre Büros und Firmen ein und vermittelten eine Vorstellung, welchen Weg sie wählen könnten. Gemeinsam mit sieben engagierten Frauen gründete sie daraufhin 2007 den Verein „Hand in Hand Patenschaft - Zukunft mit Perspektive“. Der Verein mit Sitz in Mitte vermittelt „Wahlverwandtschaften“ für Kinder, denen eine zweite erwachsene Bezugsperson fehlt. „Die Eltern kommen zu uns, weil sie spüren, dass sie ihrem Kind das gut tun würde“, sagt Ricarda Weller. So wie Heike Götze sich an den Verein wandte, nachdem ihr Mann gestorben war. „Meine damals 6-jährige Tochter brauchte nach dem Verlust des Vaters jemanden, der nur für sie da war. Ich musste mich noch um das Baby kümmern“, erzählt die 46jährige. Das ist inzwischen vier Jahre her und die Patin ihrer Tochter Pauline ist auch für sie eine gute Freundin geworden.

„Im Idealfall wird aus der Patenschaft eine Freundschaft fürs Leben“ sagt Ricarda Weller. 70 Patenschaften bestehen zu Zeit, zwischen Kindern ab 5 Jahren und zumeist gut ausgebildeten Berufstätigen und Akademikern, von denen die meisten keine eigenen Kinder haben. Von den Paten wird vor allem Verlässlichkeit verlangt. Sie müssen langfristig in Berlin bleiben wollen, an den Wochenenden zwei bis vier Stunden Zeit haben und den Kindern auf Augenhöhe begegnen.

Großen Wert legt der Verein auf die Prävention von Kindesmissbrauch. Die Bewerber müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und werden ausführlich interviewt. „Wenn dann einer zu mir sagt, er könne ohne Kinder nicht leben, schrillen die Alarmglocken“, sagt Ricarda Weller. Sie ist Mitgründerin des Berliner Patenschaftsnetzwerks in dem Richtlinien für den Kinderschutz erarbeitet werden. Bei „Hand in Hand“ erhalten die Paten Schulungen zu den Themen Kinderschutz, Förderung der Resilienz und zum kreativen Streiten. Die Paten-Paarungen werden nach Wohnortnähe und Interessen, wie Gitarre spielen oder Sport zusammengestellt. Es gibt auch ein Lern-Programm, bei dem mit einer Therapeutin Methoden entwickelt werden, um Kindern das lernen zu erleichtern.

„Die Paten müssen tolerant sein und in den Familien akzeptiert werden. Sie sollen eine Brücke in die Gesellschaft sein“, sagt Ricarda Weller. So funktioniert auch das Tandem mit dem Betriebswirt Oliver Stark und dem zwölfjährigen Gabriel. Seine alleinerziehende portugiesische Mutter hat noch ein Baby zu versorgen und möchte nicht, dass ihr Sohn zu kurz kommt. Die beiden unternehmen viel gemeinsam, gehen Fußball spielen, zum Bowling, ins Museum oder ins Kino. Auch Ricarda Weller hat ein Mädchen seit dem 13. Lebensjahr begleitet: Özge ist inzwischen 20 Jahre alt und Arzthelferin.

Stolz ist die Vereinsvorsitzende auch auf Patenkind Zal, der unbedingt Hoteldirektor werden wollte. Der Verein vermittelte einen Probetag im Hotel, seit kurzem ist er der erste Lehrling ohne Abitur im Regent am Gendarmenmarkt. Das Luxushotel gehört zu den langjährigen Sponsoren von „Hand in Hand“, finanziert die Sommerfeste und lädt die Kinder zu Hotelbesuchen oder in die Weihnachtsbäckerei ein.

Am heutigen Sonnabend findet für die Paten-Tandems ein Knigge Kurs im Regent Hotel statt. Anschließend wird der erlernte Umgang mit Besteck, Gläsern und Serviette bei einem Drei-Gänge-Menü umgesetzt. „Die Hotelangestellten kümmern sich immer sehr liebevoll um unsere Kinder. Selbst die Lehrlinge haben für uns gesammelt“, sagt Ricarda Weller.