Berliner helfen

Sprechstunde in Myanmar

Zahnarzt aus Westend behandelt als „Schwimmender Doktor“ ehrenamtlich Dorfbewohner im Delta des Irrawaddy

Der Glücksbringer ist immer dabei: Zawgy - gesprochen Zotschi - der Zauberer, eine kleine rotbemalte Statue ist mit Dieter Buhtz zurückgekehrt in seine große Wohnung in Westend. Gemeinsam haben sie ein lange Reise hinter sich. Der pensionierte Zahnarzt und der kleine Zauberer sind drei Wochen lang auf einem alten ehemaligen Reisfrachter durch das Delta des Irrawaddy, Myanmars (Birmas) größten Fluss, gefahren, der sich südlich von Yangon in viele kleine Nebenarme verzweigt. Das Schwemmland mit seinen kleinen Dörfern ist das Einsatzgebiet der „Swimming Doctors“ - ein Team aus acht bis zehn birmanischen Krankenschwestern und Ärzten, noch einmal so viel Crew-Mitgliedern - und dem 64jährigen Zahnarzt aus Berlin. Vor zwei Jahren hat er seine Praxis in Neu-Westend, die er von seinem Vater übernommen hat, an einen Nachfolger übergeben. „Da war ich frei und wollte noch etwas Befriedigendes zu tun.“ Kurz darauf ist er mit den Zahnärzten ohne Grenzen und seiner ehemaligen Assistentin in die Mongolei gereist. „Aber als ich dann die Anzeige für die „Swimming Doctors“ gesehen habe, wusste ich, das ist das Richtige für mich“, sagt Dieter Buhtz. Gegründet wurde die schwimmende Arztpraxis von der Stiftung Life, die in Myanmar auch den Bau von Schulen und die Anschaffung von Solarlampen für Dorfbewohner in Asien und Afrika finanziert. Seit 2011 ist das Schiff im Einsatz, dank der Unterstützung durch die Reederei Hapag Lloyd und den Spenden der Passagiere der MS Europa.

Im November und Dezember vergangenen Jahres war Dieter Buhtz zum ersten Mal Im Einsatz als „Swimming Doctor“. 21 Tage lang ist er auf dem alten Reisfrachter durch das Delta gefahren, alle zwei Tage legt das Schiff in einem anderen Dorf an. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was dann los ist. Wir sind die einzige medizinische Versorgung dort“, erzählt er. „Wird ein Dorfbewohner behandelt, kommt die ganze Familie an Bord und guckt zu“, berichtet er. Behandelt wird aber nicht kostenlos: Jeder Patient muss 1000 Kyat bezahlen, etwa ein Euro. Die Kosten für eine Behandlung liegen bei 9 Euro, den Rest übernimmt die Stiftung. „Wer nicht zahlen kann, bringt Bananenstauden oder einen Eimer voller Tigerprawns“; sagt Dieter Buhtz. Er findet das Prinzip richtig „Wenn’s was umsonst gibt, ist es nichts wert.“ Seine Aufgabe bestand auch darin, den jungen birmanischen Zahnarzt an Bord zu coachen, der bisher hauptsächlich Zähne zieht. „Ich habe ihm gezeigt, wie man mit Füllungen und anderen Methoden Zähne noch ein paar Jahre erhalten kann“, sagt der erfahrene Mediziner, der in Berlin als Hygiene-Experte mit dem Robert-Koch-Institut Richtlinien für Zahnarztpraxen entwickelt hat. Von denen ist man bei den „Swimming Doctors“ weit entfernt. „Da staunt man, was die Menschen alles aushalten“, findet Dieter Buhtz. Die Krankenschwestern auf dem Schiff machen überwiegend Ultraschall-Untersuchungen an Schwangeren, im klimatisierten Operationssaal werden Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. „Und wenn das Schiff nach einigen Monaten wieder in dem Dorf anlegt, kommt die ganze Familie, um das Kind zu zeigen“, erzählt der Arzt.

Zum Team an Bord gehören neben dem Zahnarzt ein ehemaliger birmanischer Militärarzt und ein junger Mediziner aus Köln. Das einheimische Personal wird von der Stiftung bezahlt, die Deutschen arbeiten ehrenamtlich, bezahlen ihre Anreise selbst und bringen Material und Geräte auf eigene Kosten mit. „Leider sind die Desinfektionsmittel auf dem Münchner Flughafen hängen geblieben, trotz gut sichtbarer Erklärung“, seufzt Dieter Buhtz. Etwas konnte noch vor Ort beschafft werde, ansonsten musste es ohne gehen. Oft auch ohne Klimaanlage, was die Behandlung bei 35 Grad im Schatten nicht einfacher macht. Wegen der Enge an Bord schläft die Crew meist auf dem Oberdeck, es gibt weder Handy-Empfang noch Internet. „Man wird bescheiden“, sagt Buhtz. Einziger Luxus an Bord: die einzige Toilette im ganzen Delta mit europäischem Standard und einer Dusche.

Stolz zeigt Dieter Buhtz die vielen Fotos, die er während seines Einsatzes gemacht hat: Bilder von „Zahnruinen“, aber vor allem von strahlend lächelnden Gesichtern, neugeborenen Babys und fröhlichen Kindern. „Es sind tolle Menschen, die hart arbeiten“. In diesem Jahr, vielleicht schon während der Regenzeit im Sommer, wird der Berliner wieder mit den „Swimming Doctors“ auf Mission gehen, mit Zawgyi dem Zauberer am Bug des Schiffes. Zawgyi ist auch der Name des Schiffes und bedeutet auf Deutsch „Vieltausendfacher Glücksbringer“.