Petition

Auch in Tegel wächst der Protest gegen den Fluglärm

In einer öffentlichen Petition fordert eine Bürgerinitiative, Flüge nach Schönefeld zu verlagern

Nun verlieren auch die ersten Tegel-Anwohner langsam die Geduld. Eigentlich sollte der innerstädtische Airport längst geschlossen sein, doch wegen des Baudesasters am neuen Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld wird Tegel möglicherweise noch jahrelang in Betrieb bleiben. Doch damit nicht genug: Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) will den in die Jahre gekommenen Landeplatz mit dem Kürzel TXL sogar noch für rund 20 Millionen Euro ertüchtigen. Ein Ausbau der Kapazitäten bedeutet jedoch noch mehr Starts und Landungen und damit auch noch mehr Fluglärm über den Dächern. Dagegen wächst nun der Widerstand der Anwohner. Die Interessengemeinschaft BI-Fluglärm hat aufgerufen, am 13. März um 16.45 Uhr vor dem Reinickendorfer Rathaus gegen die zunehmende Lärmbelastung in Tegel zu demonstrieren. „Mit dem Fluglärm in Tegel muss Schluss sein“, so ihre Forderung.

In einer öffentlichen Petition an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) fordert die Bürgerinitiative „in der neuen Situation komplett neue Lösungen“. Ihre Hauptforderung: Um den Lärm im Norden Berlins zu reduzieren, müsste die Hälfte der derzeitigen Flugbewegungen von Tegel an den deutlich geringer ausgelasteten Flughafen in Schönefeld verlagert werden. Zumindest alle Flüge, die nach dem 3. Juni 2012 – dem ursprünglich geplanten Eröffnungstermin für den BER – am Flughafen Tegel zusätzlich genehmigt wurden, sollten nach Schönefeld verlagert werden, verlangen die Anwohner. „Die derzeitige Auslastung der beiden Berliner Flughäfen weist gravierende Unterschiede aus“, so Monika Matalik, Sprecherin der BI Fluglärm-Tegel. „Schönefeld ist zu etwa 35 Prozent, Tegel hingegen zu 300 Prozent ausgelastet“, heißt es in dem Schreiben an den Bundestagspräsidenten.

Mehr Flüge, mehr Krach

Hintergrund der Proteste ist das stark gestiegene Flugverkehrsaufkommen in Tegel. Nach Angaben der Flughafengesellschaft hat es dort im vergangenen Jahr 171.114 Flugbewegungen gegeben, fast 2000 mehr als 2011. Noch deutlicher fällt der Zuwachs aber bei den Passagierzahlen aus. 2012 wurden am TXL 18,2 Millionen Fluggäste abgefertigt, 7,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Zum Vergleich: Am alten Flughafen Schönefeld (SXF) wurden 2012 lediglich 7,1 Millionen Passagiere abgefertigt, die Anzahl der Flugbewegungen hat sich gegenüber 2011 sogar um zwei Prozent auf 71.758 verringert.

Die Tegel-Anwohner fordern: Bis der neue Hauptstadtflughafen BER an den Start gehen kann, müsste der alte Flughafen in Schönefeld zur Entlastung von Tegel zu 100 Prozent genutzt werden. Um die Kapazitäten am alten Flughafen in Schönefeld zu erhöhen, fordern die Tegel-Lärmgegner, dass die für den BER bereits gebaute, aber noch gesperrte Südbahn in Betrieb genommen wird. Die neue, vier Kilometer lange Start- und Landebahn ist mit einer Ausnahmegenehmigung bereits während der Luftverkehrsschau ILA im September 2012 genutzt worden. Auch gebe es in Schönefeld neben dem alten Flughafengebäude ein intaktes zweites Terminal, in dem bis vor Kurzem Germanwings Passagiere abgefertigt hat. Die Maschinen starten seit Dezember in Tegel. Angesichts des wachsenden Flugaufkommens fordern die TXL-Anwohner, dass „kein weiterer Ausbau Tegels zugelassen wird“.

Die Anwohner fordern zudem, dass das am Flughafen Tegel bestehende Nachtflugverbot für die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr eingehalten wird. Die „Aufweichung“ der Nachtrandzeiten zwischen 23 und 24 Uhr muss rückgängig gemacht werden, heißt es in der Petition weiter. Auf Antrag der Airlines hat die Luftverkehrsbehörde des Senats in dieser eigentlich bereits der Nachtruhe unterliegenden Zeit mehrere planmäßige Landungen erlaubt. Auch sei es sofort notwendig, in den Einflugschneisen und im unmittelbaren Umfeld des Flughafens Tegel mithilfe mobiler Lärm- und Schadstoff-Messstationen die aktuellen Umweltbelastungen zu erfassen und die Ergebnisse zu veröffentlichen. „Wir fordern, die Lärmschutzbereiche auf den aktuellen Stand von 2013 festzulegen.“

„Die Grundrechte der Bürger von Reinickendorf, Spandau, Pankow und Wedding müssen auch während der Interimslösung gewährleistet sein“, unterstreicht die Bürgerinitiative. In diesen Stadtgebieten würden wesentlich mehr Menschen auf dichterem Raum wohnen als im Südosten rund um den Flughafen Schönefeld. „Der gesundheitliche Schaden durch den Lärm und die extreme Schadstoffbelastung ist immens, zumal die Flugzeuge in Tegel flach über die Häuser und den Tegeler See starten und landen.“ Während der Startphase werde eine enorme Menge an Kerosin verbraucht. Die Belastung „kann nicht länger hingenommen werden, nicht für mehr als ein paar Monate, ein paar Jahre, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“.

In der Hoka-Siedlung nahe dem Flughafen Tegel steht das Einfamilienhaus von Kati Lüttke und ihrem Ehemann. Das Haus liegt in der westlichen Einflugschneise. Bei jedem Flugzeug, das ihr Haus in rund 80 Meter Höhe überfliegt, seien Gespräche im Garten unmöglich und im Haus nur bei geschlossenen Fenstern, beschwert sich Kati Lüttke. „Es muss endlich etwas passieren“, sagte sie der Berliner Morgenpost. „An das Nachtflugverbot hält sich hier offenbar keiner.“ Auch nach Mitternacht werde sie durch den Fluglärm regelmäßig aus dem Schlaf gerissen. Auch sie plädiert dafür, dass Flugzeuge von Tegel nach Schönefeld umgeleitet werden. „Dort gibt es doch noch ausreichend Kapazitäten“, sagt Lüttke.

Johannes Hauenstein, Experte für Anwohnerschutz an Verkehrsflughäfen, weist auch auf das hohe Sicherheitsrisiko hin. Inzwischen werde die Südbahn fast ausschließlich für Starts, die Nordbahn für Landungen genutzt. Damit wurde die stündliche Kapazität an Starts und Landungen von rund 30 auf 52 fast verdoppelt. „Personal und Flughafennutzer gehen dafür ein hohes Risiko ein“, warnt Hauenstein. Der seitliche Abstand zwischen der Süd- und der Nordbahn betrage nur 206 Meter. Noch problematischer sei der Seitenabstand der Südbahn zur Taxiway/Vorfeld mit nur 180 Metern. Auch das Abfertigungsgebäude weise zur Südbahn hin nur einen seitlichen Abstand von 311 Metern auf. Eine startende Maschine, die aufgrund eines technischen Defekts oder eines menschlichen Versagens beim Start nach Westen südlich ausbricht, könnte je nach Geschwindigkeit das Terminal in weniger als einer Minute erreichen.

Flughafengesellschaft und Senat teilen diese Einschätzung nicht. Sie wollen den 1974 eröffneten Innenstadt-Airport allerdings so ertüchtigen, dass er das weiter steigende Flugaufkommen in den kommenden Monaten bewältigen kann. Der Aufsichtrat der FBB hat dafür bereits einen Kostenrahmen von bis zu 20 Millionen Euro bewilligt. Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) stellte im Abgeordnetenhaus die wichtigsten Baumaßnahmen für Tegel vor. Vorgesehen ist unter anderem die Sanierung der Süd- und der Nordbahn, des Vorfeldes und der Rollwege. Außerdem ist vorgesehen, die Toiletten in den Terminals zu sanieren. Der Aufsichtsrat der FBB will bei seiner Sitzung am heutigen Freitag über eine von der Flughafengesellschaft vorgelegte Prioritätenliste entscheiden.

Kein neuer BER-Berater mehr

Unterdessen hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) erklärt, er setze nach der Absage von Wilhelm Bender als BER-Chefberater alle Karten auf einen neuen Geschäftsführer. Die Idee, Technikchef Horst Amann einen Berater zur Seite zu stellen, sei vorerst vom Tisch, sagte Aufsichtsratschef Platzeck am Donnerstag auf der Reisemesse ITB. „Der Zeitablauf bringt manchmal auch andere Lösungen.“ Jetzt solle zügig ein neuer Flughafenchef gefunden werden.