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„Wir müssen den Ruf als Kopierer loswerden“

Ijad Madisch erwartet hohen Besuch: Die Kanzlerin besucht am Donnerstag sein Forschungsnetzwerk ResearchGate in Mitte

William Sutherland saß in seinem Arbeitszimmer an der Universität Cambridge und hatte ein Problem. Für einen Workshop suchte der Ökologie-Professor Anregungen für neue Techniken im Naturschutz. Er klickte sein Profil auf der Seite des Berliner Unternehmens ResearchGate an. In diesem Netzwerk haben sich mittlerweile 2,5 Millionen Forscher weltweit verbunden. Der Brite ließ seine Frage los. Binnen Stunden hatte er 30 Antworten von Experten-Kollegen aus aller Welt empfangen, Nachbarn aus England waren ebenso dabei wie Wissenschaftler aus Chile oder Papua-Neuguinea. „Ich bin beeindruckt von diesem Prozess“, kommentierte der Professor schlicht.

Das „Facebook für Forscher“ aus Berlin hat sich im fünften Jahr seiner Gründung in der weltweiten Forschungslandschaft zu einem begehrten Arbeitsinstrument entwickelt. „Es läuft super“; sagt Mitgründer Ijad Madisch, der in den Büros an der Invalidenstraße in Mitte inzwischen 100 Mitarbeiter aus aller Herren Länder beschäftigt. Er geht davon aus, dass ResearchGate mehr als ein Drittel der etwa sieben Millionen Profi-Forscher auf der Welt verbindet.

Der Erfolg des Start Ups, über das diese Zeitung bereits 2010 berichtet hatte, ist auch an höchster Stelle nicht unbemerkt geblieben. Am Donnerstag hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel angesagt. Gemeinsam mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler wird die Regierungschefin sich im Rahmen ihrer Start-Up-Besuchsreihe eine Dreiviertelstunde mit Madisch, seinen Investoren und Mitarbeitern austauschen. Vor etwa drei Monaten habe das Bundeskanzleramt Kontakt mit ihm aufgenommen, berichtet der Jungunternehmer von der Vorgeschichte des Besuchs. Nachdem Merkels Leute das Büro in Augenschein genommen hatten, war schnell klar, dass die Kanzlerin hier herkommen sollte. Denn es geht um Forschung, ein Thema, mit dem die promovierte Physikerin einiges verbindet. Außerdem hat der Harvard-Absolvent Madisch das Unternehmen kurz nach der Gründung aus Boston nach Deutschland verlegt, insofern ist ResearchGate für Politiker ein guter Beleg für die Qualität des Standortes. Und die Firma hat Investoren aus dem Adel der Wagniskapitalgeber und Internet-Pioniere aus dem Silicon Valley gewonnen, die aus den USA angereist sind, um Merkel zu treffen. Unter den Geldgebern finden sich Pioniere des Web 2.0-Geschäfts: der Founders Fund und dessen Partner Luke Nosek, Mitgründer des Internet-Bezahlsystems Paypal, und auch Benchmark Capital von Matt Cohler. Cohler gehörte zu den fünf ersten Mitarbeitern von Facebook und war Vizepräsident des Netzwerks LinkedIn.

Je eine Viertelstunde Firmenpräsentation, Gespräche mit den Gründern und Investoren sowie den Mitarbeitern haben Kanzlerin und Minister bei der Firma vorgesehen. Viele in der Belegschaft hat Madisch aus den USA, aber auch aus Osteuropa angeheuert. „Wir haben Ukrainer und Russen bei uns, da gibt es schon Probleme“. beschreibt Madisch ein Thema, das er den Politikern vermitteln möchte. Es dauere zu lange und sei zu kompliziert, solche Spezialisten nach Deutschland zu holen. „Ein Start Up kann nicht ein halbes Jahr auf Mitarbeiter warten“, sagt der Informatiker und Arzt, dessen Eltern vor 40 Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen waren. Wenn sie erst mal da sind, dann müsse sich das Unternehmen um die Integration kümmern. Deshalb beschäftigt ResearchGate eine „Feel-Good-Managerin“, die für ordentliche Verpflegung ebenso sorgt wie für Sportwettkämpfe, Yoga-Schulen oder Deutschkurse.

Konkrete Erwartungen hat der Gründer, der zunächst in Hannover und später in Harvard Medizin studierte, nicht an die Kanzlerin. „Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, was ich von der Politik kriegen kann“, sagt der Unternehmer. Als Start-Up-Gründer müsse man eher einer sein, der sich aus Schwierigkeiten herauswinden kann anstatt darauf zu warten, dass Behörden oder Wirtschaftsförderer irgendwann die Rahmenbedingungen verbessern. Madisch war dabei immer sehr flexibel. Als er 2008 neben seiner Arbeit als Virologe in der Universitätsklinik Hannover gemeinsam mit seinem Tutor Sören Hofmayer die Firma aufbauen wollte, hatte sein Professor ihm gesagt, er solle diesen Firlefanz lassen und sich auf seine Tätigkeit als Arzt konzentrieren. Da ging er lieber in die USA, wo sein Professor ihn sogar ermunterte, neben einem Halbtagsjob in der Klinik seine Firma voranzutreiben. Dieser Geist sei immer noch ein wichtiger Unterschied zwischen Deutschland und Amerika, sagt der Wanderer zwischen den Welten, der aber mittlerweile in Berlin sesshaft geworden ist.

Von der Visite der Kanzlerin erhofft sich Madisch mehr Aufmerksamkeit für die Internet- und Start-Up-Szene insgesamt. „Die Politik soll sich dafür öffnen und wahrnehmen, dass es sich um eine neue Industrie handelt“, fordert er. Noch immer sei viel zu wenigen Leuten in Berlin und Deutschland bekannt, dass in Berlin gerade eine neue Gründerzeit gebe. Im Silicon Valley sei das jedem klar, die Leute dort hätten ein klares Bild von ihrer Region.

Zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs

Dass Deutschlands Hauptstadt mithalten kann, wenn es um viele Rahmenbedingungen geht, davon ist Ijad Madisch längst überzeugt. Sein Finanzier Matt Cohler riet ihm seinerzeit, von Boston an der amerikanischen Ostküste entweder ins Silicon Valley mach Kalifornien zu gehen – oder nach Berlin. Dabei haben viele Berliner Unternehmen im kalifornischen High-Tech-Mekka einen eher zweifelhaften Ruf als „Copy Cats“, die Ideen aufnehmen und für den deutschen Markt adaptieren. „Wir müssen hier den Ruf als Kopierer loswerden“, sagt der ResearchGate-Chef, dessen Geschäftsidee auch in US-Medien gelobt wird. Zumal die Liste der Fortschritte, die die Wissenschaftler für ihre Projekte durch den Kontakt mit vielen Kollegen feststellen, immer länger wird. Da findet der Chilene den Filipino und der Deutsche den Amerikaner.

Madisch ist überaus froh, nach Deutschland gegangen zu sein. Er mag es, zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs zu sein. Aber natürlich ist er auch genug Unternehmer, um ans Geschäft zu denken. Bisher lebt ResearchGate ganz gut von den Millionen seiner Wagniskapitalgeber. Der Druck, mit der Firma richtig Geld zu verdienen, existierte noch nicht. Wie sich das Netzwerk auch als Quelle für Erlöse nutzen lässt, darüber werde er sicherlich ebenfalls mit Frau Merkel sprechen, sagt Madisch.

Er hat da ein paar Ideen. Zunächst wollen sie die Stellenbörse, die angesichts von 2,5 Millionen registrierter Nutzer eine riesige Reichweite in der „Scientific Community“ hat, ausbauen. Unternehmen sollen zahlen, wenn sie darüber Spezialisten anheuern. Außerdem will die Firma ihr Know how nutzen, um Konferenzen zu organisieren. In der Wissenschaft, sagt Madisch, würden viele Hundert Milliarden Euro bewegt, von denen sein Unternehmen ein paar Millionen abhaben will, weil es ja auch Forschungsprojekte effizienter und Prozesse transparenter machen könne. Das will Madisch auch der Kanzlerin sagen: „Dieses Jahr wollen wir anfangen, Geld zu machen.“