Vor dem Papst-Rücktritt

Auf dem Weg in die Vielfalt

| Lesedauer: 22 Minuten
Judith Luig

Vor dem Papst-Rücktritt: In Berlin leben rund 318.000 Katholiken. Sie sind eine Minderheit unter den Gläubigen in der deutschen Hauptstadt, aber sehr aktiv. Viele von ihnen engagieren sich persönlich für ihre Kirche oder kämpfen für einen verpflichtenden Religionsunterricht. Eine Spurensuche

Der wichtigste Moment ist zugleich der unbekannteste. Taufen kennt jeder, Kommunionsfeiern, und erst Hochzeiten. Aber die Firmung? Dabei ist sie der entscheidende Schritt. Erst dann gehört man richtig dazu. Wie Papst Benedikt XVI. es ausdrückt: Wer gefirmt ist, der wird ein „vollendeter Christ“, der wird „Tempel des Heiligen Geistes“.

Am 28. April sollte Nicolas Reuter aus Luckenwalde „Tempel des Heiligen Geistes“ werden. Dazu wollte der 15-Jährige mit seiner Familie nach Rom reisen. Sein großer Bruder sollte sein Firmpate werden. Aus zwei Gemeinden des Erzbistums Berlin waren Firmlinge ausgewählt worden, die Papst Benedikt XVI. persönlich segnen wollte.

Doch jetzt ist alles anders. Benedikt XVI. will nicht mehr Stellvertreter Gottes sein. Er gibt am kommenden Donnerstag sein Amt auf. Im März wird dann ein neuer Papst gewählt. Und selbst wenn der Nicolas firmen würde, so ganz dasselbe sei es eben nicht. Helfen ihm seine Freunde über die Enttäuschung hinweg? „Ach“, sagt Nicolas und zögert ein bisschen, „die meisten von denen haben mit Religion nicht viel zu tun. Die wissen nicht, welche große Bedeutung der Papst hat.“

Berlin ist Diaspora. Das Bistum ist hier nicht so reich wie in Köln, die Kirche ist bei Weitem nicht so einflussreich wie in Bayern. Das Erzbistum Berlin ist kaum 83 Jahre alt. Von den knapp 400.000 Katholiken des Bistums besuchen nur knapp zehn Prozent die Gottesdienste. In der Hauptstadt selbst sind neun Prozent katholisch. Aber immerhin: Es leben 318.000 Katholiken in Berlin.

Die Stadt hat eine Sonderstellung. Berlin lockt immer neue Menschen an. Die Seelsorge ist hier vielfältiger als an anderen Orten. Und so ist trotz vieler Kirchenaustritte Berlin das einzige deutsche Bistum, das wächst. An Ordensgemeinschaften und an Gläubigen. Man muss nur etwas genauer hinschauen, dann entdeckt man hier eine enorme Vielfalt katholischen Lebens. Es gibt Klausurklöster und ökumenische Bewegungen, es gibt Befürworter der lateinischen Messe, die päpstliche Nuntiatur, viele Orden, viele engagierte Laien und nicht zuletzt Menschen, die im Auftrag der Nächstenliebe Großartiges auf die Beine stellen.

Die Bischofskirche

Berlin war übrigens immer schon Diaspora. Nichts zeugt deutlicher davon als die St. Hedwigs-Kathedrale. 1773 geweiht, war sie einst gedacht für die Katholiken, die aus Schlesien nach Berlin kamen. St. Hedwig war ihre Patronin. 1930, bei der Gründung des Bistums, wurde St. Hedwig Bischofskirche und immer noch, auch 240 Jahre nach ihrer Weihung, ist die Kirche ein Ort für Menschen, die von irgendwo her nach Berlin kommen.

71 erwachsene Taufbewerber und acht Konversionsanwärter haben sich an diesem Sonnabend mit ihren Freunden und Familien versammelt. Sie wollen den Kardinal um die Zulassung zum Sakrament bitten. Pater Christoph Soyer erklärt kurz den Ablauf. In verschiedenen Gruppen sollen Täuflinge und Begleiter nach vorn kommen. Einige blicken verwirrt, fangen an zu tuscheln. „Was noch nicht klar ist, das wird es später werden“, beruhigt der Pater. Im Kölner Dom hätte es spätestens jetzt das erste Donnerwetter gesetzt. Aber in St. Hedwig geht es demokratischer zu. Schon allein der Rundbau und die Bankanordnung im Kreis sorgen dafür, dass man den Blick aufeinander nicht verliert. Dann zieht der Erzbischof ein.

Rainer Maria Woelki war bis vor Kurzem noch der jüngste Kardinal der Welt. Bevor er im August 2011 an die Spree kam, hatte man kaum etwas von ihm gehört. Doch das sollte sich schlagartig ändern. Innerhalb weniger Monate wurde Woelki einer der bekanntesten und einer der beliebtesten Bischöfe Deutschlands. „Er geht auf die Menschen zu“, das hört man immer wieder, wenn man mit jemandem über Woelki spricht. „Er geht auf sie ein.“

Woelki ist eine gute Nachricht. Nicht nur für die Berliner Katholiken. Wenn die Kirche in der jüngsten Vergangenheit Schlagzeilen machte, so waren es fast immer negative. Der Missbrauchs-Skandal, die unfaire Bezahlung des Personals an katholischen Einrichtungen, der Umgang mit Wiederverheirateten, die Stellung der Frau und jetzt, zuletzt, die Debatte um Hilfe für vergewaltigte Frauen, die sich an katholische Krankenhäuser wenden. Die Kirche kann ein paar gute Nachrichten gebrauchen.

Die Lesung des Tages könnte nicht passender sein. Die Jünger fragen Jesus, was sie tun sollen. Woelki, so hört man aus seinem Umfeld, sei tief bewegt über den Rücktritt von Benedikt XVI. gewesen. Zusammen mit 116 anderen Kardinälen wird er nun in Rom einen neuen Papst wählen. Woelkis Wahlspruch stammt aus der Apostelgeschichte: „Wir sind Zeugen.“ So verhält er sich auch. Urteile und Anordnungen hört man nicht von ihm. Auch heute predigt er, man möge „geistesgegenwärtig“ sein. Es wirkt fast so, als spreche er sich selber Mut zu.

Pater Christoph Soyer ruft die Gemeinden einzeln auf, damit sie die Taufbewerber zum Altar schicken: „St. Matthias, die Englischsprachige Mission, die Vietnamesische Gemeinde, Mariä Himmelfahrt, Pfarrei Corpus Christi, die Koreanische Katholische Mission, die Katholische Gemeinde Portugiesischer Sprache.“ Fast ein Drittel der Gemeinden sind nicht deutschsprachig. Rund 125.000 Katholiken im Erzbistum Berlin sind keine deutschen Staatsbürger.

Der Taufbewerber

Auf der Altarinsel hat sich auch Sebastian Marc eingefunden. Seit fast 20 Jahren lebt der 38-Jährige in Berlin. Die Kirche hat ihn schon länger fasziniert, schon in seiner Jugend, als er noch in der Lausitz lebte, erzählt er später. Damals habe seine Großmutter ihn gewarnt. „Pass uff, die wissen, wie sie ihre Schäfchen fangen.“ Und aus Liebe zu ihr hat Marc abgelassen. Trotzdem: „Die Existenz Gottes habe ich in irgendeiner Weise immer anerkannt.“ Mit der Zeit habe er dann zunehmend gespürt, dass ihm die Taufe fehle. „Das war eine sehr hintergründige Entwicklung.“ Überrascht hat ihn dabei, wie viele Vorurteile einige Menschen dem Glauben gegenüber haben. Die Skepsis der Säkulären gilt längst nicht mehr exklusiv für Muslime.

Seit einem halben Jahr nun trifft sich Sebastian Marc regelmäßig mit dem Pfarrer seiner Gemeinde Heilige Familie in Pankow. So viele Leute drängen nicht danach, getauft zu werden, also bleiben die beiden unter sich. Für Marc ein Glück. Lange hat er seine Fragen zum Glauben nur mit sich persönlich abgemacht. Jetzt aber kann er sich austauschen. „Dass der Papst ‚ex cathedra’ Dogmen verkünden kann, hat mich zunächst abgeschreckt“, sagt Marc. „Aber als ich dann erkannte, mit wie viel Bedacht es angewendet wir, sodass es in 2000 Jahren nur zwei Dogmen gibt, da war ich beruhigt.“ Als starr empfindet Marc die katholische Lehre nicht. Im Gegenteil. „Ich habe die Kirche als sehr wandelbar erlebt“, sagt er.

Wandel ist nötig, wenn die Kirche überleben will. Das weiß auch Kardinal Woelki. Und deswegen will er sein Bistum neu gestalten. Schon 2003 wurde in Berlin nach einer Empfehlung der Unternehmensberatung McKinsey die Zahl von über 200 Pfarreien halbiert. Jetzt, knapp zehn Jahre später, sollen aus 108 Gemeinden 30 werden. Eine Zäsur in der Bistumsgeschichte.

„Wo Glauben Raum gewinnt“ heißt die Aktion. Ihr Motor, der Chef der Stabsstelle, ist Markus Weber. Wie sehr die Kirche sich verändert hat, das zeigt allein sein Büro an der Niederwallstraße in Berlin Mitte. Früher war das Zimmer ein Operationssaal des St. Josef-Krankenhauses, heute operiert hier Weber am offenen Herzen der Stadt. Ein Boxhandschuh am Fenstergriff deutet darauf hin, dass er sich notfalls auch durchsetzen wird. Weber lacht. „Ich kämpfe für meine Überzeugungen“, sagt er.

Bislang aber muss er das noch nicht. Die größte Angst nämlich konnte man den Berlinern bereits nehmen. „Die Gemeinden bleiben bestehen“, erklärt Weber. „Sie sollen nur besser miteinander arbeiten. Man darf nicht auf seinen Kirchtürmen beharren.“ Es gehe also nicht um eine Reduktion, sondern um eine Konzentration. „Die Seelsorge soll von der Verwaltung entlastet werden.“ Bereits bestehende Grenzen können auch wieder aufgehoben werden. Die Gemeinden selber sollen in den nächsten drei Jahren mithilfe von Moderatoren Konzepte entwickeln, welche Schwerpunkte sie in ihrer Arbeit legen wollten, und mit welchen anderen Gemeinden zusammen sie etwas schaffen wollen, das dann ein „pastoraler Raum“ genannt wird. Die grundlegende Frage dabei sei, so erklärte es Woelkis Hirtenbrief im Dezember: „Was will Gott von uns in dieser Zeit?“

Nötig ist, das zeigt sich überall im Bistum, vor allem Eigeninitiative. Das wissen auch die Mitglieder einer Gemeinde an der Stresemannstraße in Kreuzberg. Versteckt in einem Hinterhof, zwischen einem Fachmarkt für Tierfutter und einem Hostel, liegt die Kirche St. Clemens. Kardinal von Galen, der später als der gegen den Nationalsozialismus aufbegehrende „Löwe von Münster“ bekannt wurde, ließ sie 1910 mit eigenem Geld erbauen. Für knapp 2,5 Millionen Euro wurde das Gebäude 2008 vom Bistum an Investoren verkauft, es drohte das Ende des Gotteshauses. Aber ein eigens gegründeter Förderverein wehrte sich dagegen. Mit Erfolg.

Heute sorgt der Vinzentinerorden aus Kerala, Indien, dafür, dass das Gotteshaus wieder offen ist. Sogar offener als andere Kirchen der Stadt: 365 Tage im Jahr, täglich von 9 bis 24 Uhr, können Menschen hierher kommen und beten. Jeden Tag wird die Heilige Messe gefeiert. An diesem Mittwochabend sind zirka 40 Menschen zum Gottesdienst gekommen, die kaum unterschiedlicher aussehen könnten, alte und junge, gut gekleidete und etwas einfachere, schwarze und weiße. Ein paar Frauen musizieren.

Das Evangelium erzählt von Jona, der die sündige Großstadt Ninive zur Umkehr mahnt. Die Predigt dazu ist klug und klar. „Darum müsst ich auf Euch achten“, sagt der Pfarrer „Wenn Eure Begeisterung abnehmt, dann müsst ihr über Euch erschrecken. Dann hat Eure Seele Schaden genommen.“ Am Ende der fromme Wunsch: „Der Heiland erbarme sich, unserer Stadt und der Menschen, die hier wohnen.“

Der Wandel: Das ist ein Aspekt im Spektrum katholischen Lebens in Berlin. Doch die Stadt ist groß. Man muss nicht lange suchen, um das Gegenteil zu finden: Die Konstanz.

Das Klausurkloster

In der Bayernallee in Berlin-Westend liegt das Kloster St. Gabriel. Ein kurzes Summen, das Portal öffnet sich und gibt den Blick frei auf drei hölzerne Türen links, dem Zugang zum Kloster hinten. Der Gang selber aber ist leer. „Wir haben miteinander telefoniert“, ruft eine Stimme hinter einem Gitter hervor. Eine „Dienerin des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung“ erscheint. Wieder summt es. „Gehen Sie schon mal in Zimmer zwei, die Schwester kommt gleich.“

Hinter der Tür liegt eine Einrichtung aus der Vergangenheit. Einfache helle Holzstühle, eine praktische Plastikdecke auf dem Tisch. Der öffentliche Bereich ist getrennt durch eine Wand mit Fenster, Durchreiche und einem weiteren, diesmal rautenförmigem, Gitter. Dahinter liegt die Klausur. 1952 besucht eine damals 20-jährige Dresdnerin den Katholikentag in Berlin. Da hatte sie die Kapelle entdeckt, in der die Steyler Anbetungsschwestern in ihren rosa-weißen Gewändern Tag und Nacht beteten. Und sie hat den Wunsch gefasst, es ihnen gleich zu tun.

Auf der anderen Seite des Gitters öffnet sich jetzt eine zweite Tür. Schwester Maria Mechtild tritt ein. Zur Begrüßung streckt sie die Hand durch die goldenen Rauten. Sie hat in Nordamerika gelebt, auf den Philippinen, in Südamerika und in Indien. Und doch hat sie nie mehr gesehen, als hier in Berlin. Kloster, Mauern, Gärten und Kirchen und andere Schwestern. Nur zu dringenden Arztbesuchen verlassen die Schwestern den Konvent. Gebete und Arbeit bestimmen ihren Tag. Wie oft und wie lange sich die 18 Schwestern miteinander unterhalten, ist streng reglementiert. Viel mehr als eine halbe Stunde pro Tag ist es nicht. Ein freundlicher Nachbar bringt ihnen die Zeitung, Fernsehen gibt es nicht. Aber der Kardinal, der darf in die Klausur und hat sie schon besucht, erzählt Maria Mechtild. Sie strahlt. „Schon zweimal.“

Abgeschieden von der Welt

Die Anbetungsschwestern leben in strenger Abgeschiedenheit von der Welt, heißt es. Aber so ganz stimmt das nicht. Es ist nur eine andere Welt, mit der sie es hier im Kloster zu tun haben. Eine innere. „Wir bringen Gott zu den Menschen“, erklärt die Schwester. In ihrem Gesicht liegt etwas, das so altmodisch ist wie seine Bezeichnung: ein Ausdruck von Güte.

Während die Frauen in der Kirche im stillen Gebet versunken sind, kommen immer wieder Menschen herein. Sie setzen sich hin. Manche beten, manche knien, manchen sieht man das Leid an, weswegen sie die Nähe der Schwestern suchen, bei anderen ahnt man es nur. „Die Leute kommen zu uns“, sagt Maria Mechtild. Manche auch in eines der Zimmer, um die Nonnen zu fragen, ob sie ihnen beim Beten helfen können. „Wir machen das ja nun schon sehr lange. Wir kennen uns ein bisschen damit aus.“

Seit weniger junge Frauen sich für das kontemplative Leben begeistern können, haben Laien abends einige Stunden der ewigen Anbetung übernommen. „Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir das haben“, sagt Maria Mechtild. Zwischendurch hatte es mal so ausgesehen, als würde das Kloster wegen Nachwuchsproblemen aufgelöst. Aber jetzt sind zwei junge Indonesierinnen zur Verstärkung gekommen. Sorgen aber macht sich Maria Mechthild nicht. Nicht um das Kloster, und auch nicht um die Papstwahl. „Die Vorsehung fügt alles“, sagt sie leise.

Und noch etwas anderes bleibt von diesem Besuch in Erinnerung: An der Wand hängen zwei Dienstherren. Gleichzeitig. Sie könnten einander anschauen. Wenn der eine den Blick, den er zum Segen auf die Gläubigen gesenkt hat, nur höbe. Wenn der andere den Blick, mit dem er durch die Welt hindurchzuschauen scheint, nur fokussierte. So ist es auch in der Vorstellung vieler Katholiken. Der letzte Papst ist noch sehr präsent, manchen viel präsenter als sein Nachfolger.

Über 26 Jahre lang war Johannes Paul II. Papst, sein Pontifikat war das zweitlängste der Geschichte. Er war der Papst der Menschen und der Papst der Medien. Für viele hat er definiert, was das Amt bedeutet. Nicht zuletzt dadurch, dass er öffentlich litt und starb.

Benedikt XVI. wird noch nicht einmal acht Jahre lang Papst sein. Er ist ein Papst der Schriften und des Denkens. Nicht so sehr den Menschen, eher der Kirche zugewandt. Als „deutscher Papst“ hat er hierzulande bei seiner Wahl für große Aufruhr gesorgt. Jetzt dominiert er wieder die Gespräche. Modern sei sein Verzicht aus Gewissensgründen, sagen die einen, andere sprechen von Entzauberung. Wie wird seine Entscheidung die Katholische Kirche verändern?

Die Religions-Initiative

Christoph Lehmann ist in Berlin bekannt geworden, weil er 2006 die Initiative Pro Reli ins Leben gerufen hat. Schüler, so fand Lehmann, sollten wählen können, ob sie in Ethik oder in Religion unterrichtet würden. Aber Berlin wollte das nicht. Beim Volksentscheid im April 2009 musste Pro Reli eine Niederlage einstecken. Ethik bleibt Pflichtfach, Religion Wahlfach.

Doch Lehmann, ein Rechtsanwalt und engagierter Katholik, bleibt aktiv. Vom neuen Papst erwartet er Impulse für die Erneuerung der Kirche. Dass der Papst nicht mehr deutsch sein wird, sei irrelevant. „Die Katholische Kirche ist eine Weltkirche.“

Pro Reli gibt es immer noch. Es ist ja immer noch Nachhilfe nötig. „Der Religionsunterricht ist beispielsweise völlig unterfinanziert“, sagt Lehmann. Es ist auch nach wie vor sein Anliegen, Wissen über Religion an staatlichen Schulen zu vermitteln und es nicht Eltern und Gemeinden allein zu überlassen. „Wir beschäftigen uns in der Kirche zu sehr mit uns selbst und vergessen die Menschen um uns herum“, erklärt Lehmann. „Katholiken aber müssen sich auch nach außen hin orientieren. Wenn wir warten, bis die Kirche perfekt ist, bevor wir mit der befreienden Nachricht des Glaubens auf andere zugehen, dann werden wir ewig warten.“

In wenigen Wochen wird ein neues Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Aber nicht alle Katholiken warten gebannt auf den weißen Rauch aus der Konklave, der die erfolgreiche Wahl anzeigt. Klaus Heyduck, der sich in der action365 für die Einigung der christlichen Kirchen engagiert, bleibt gelassen. „Für mich ist Rom nicht unbedingt die Leuchte“, erklärt er. Er orientiere sich eher an der Bibel und an den Glaubensgesprächen, die er regelmäßig mit anderen führe. Eine Veränderung der Kirche muss seiner Vorstellung nach auch von unten kommen. „Man muss viel an der Basis tun, und dann kann es nach oben getragen werden“, erklärt Heyduck. Benedikt XVI. betrachtet er nüchtern. „Ratzinger war beim Zweiten Vatikanischen Konzil sehr progressiv, er hätte die Gelegenheit gehabt, die Ökumene weiterzubetreiben, aber wer in der Hierarchie aufsteigt, der muss Kompromisse machen.“ Auch den Vatikan bezeichnet Heyduck als ein „Wirtschaftsunternehmen, das in seinen Strukturen verhaftet ist“.

Die Nächstenliebenden

Was es bedeutet ein Katholik zu sein, lässt sich nicht jeder von Rom vorschreiben. Für andere wiederum, setzt ihr Glauben auch weltliche Gesetze außer Kraft. Auch dafür gibt es ein schönes Beispiel in Berlin. Es ist Ärzten untersagt, Patienten zu behandeln, die sich illegal in Deutschland aufhalten oder keine Krankenversicherung haben. Aber was passiert mit den Illegalen, wenn sie krank werden? Für sie hat Adelheid Franz vor zwölf Jahren die Malteser Migranten Medizin gegründet, eine der vielen Initiativen, die auf den Malteserorden zurückgehen. Begonnen hat sie mit zwei Zimmern in einem Wohnheim an der Aachener Straße in Wilmersdorf, direkt um die Ecke vom Sankt-Gertrauden-Krankenhaus. Inzwischen arbeiten Ärzte und Schwestern, alle ehrenamtlich, in sieben Zimmern. 11.000 Behandlungen gab es allein im vergangenen Jahr und 190 Geburten. Die Berliner waren die ersten, mittlerweile gibt es 13 solcher Einrichtungen in Deutschland. Das einzige, was die Patienten angeben müssen, ist ein Name, damit eine Krankenakte angelegt werden kann. Ob es ihrer ist, ist nicht wichtig. „Berlin ist eine Stadt mit sehr großer sozialer Not“, erklärt Sprecher Matthias Nowak. Umso wichtiger ist hier, dass es Menschen gibt, die das christliche Gebot der Nächstenliebe leben.

Allerdings, so ganz ohne Hilfe der Kirche würde es die Migrantenmedizin auch nicht geben. Als die ersten Patienten sich in die Aachener Straße trauten, da standen sofort auch Polizeiwagen vor der Tür, um sie abzufangen. Der damalige Kardinal Georg Sterzinsky habe sich dann sehr dafür eingesetzt, dass man die Ärzte in Ruhe arbeiten lässt, erzählt Nowak. Am Aschermittwoch hat sein Nachfolger, Kardinal Woelki, die Schirmherrschaft über die Einrichtung übernommen. Er hat sich ein paar Stunden Zeit genommen, um mit Ärzten und Patienten zu reden. Er soll gut angekommen sein.

Das Erzbistum Berlin wird in den nächsten Jahren einiges meistern müssen. Katholiken aus den verschiedenstens Teilen der Welt werden hierhin kommen und die Gemeinden verändern, Alteingesessene werden sich an die Umgestaltung ihrer Pfarreien gewöhnen müssen. Was aber alle zu einigen scheint ist der Glaube, dass Erzbischof Woelki ein guter Mann für diese Aufgabe ist. Wie hat es Matthias Nowak ausgedrückt: „Dieser Kardinal tut Berlin extrem gut.“

Nicolas Reuter wird übrigens trotzdem mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Rom reisen. Auch wenn ihn der deutsche Papst nicht mehr firmen wird. Und auch, wenn der neue Papst die Firmung nicht übernehmen sollte. So ganz aber hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. „Der neue Papst soll ja dann längst gewählt sein“, sagt er.