Ballett

Auf in den Tanz

Beim Casting für das junge Ensemble des Friedrichstadtpalastes machen 400 Kinder mit

Nicoletta Meinke aus Kreuzberg gehört zu den Glücklichen, die es geschafft haben. Erschöpft, aber stolz zieht die Sechsjährige die Ballettschuhe von den Füßen. Sie sitzt im Foyer des Friedrichstadtpalastes, neben ihr liegt ein Zettel. „Einladung zum Recall“ steht darauf geschrieben. Am 26. Februar ist es soweit. Dann darf Nicoletta Meinke wieder zeigen, was sie in den zwei Jahren Unterricht an einer Moskauer Schule gelernt hat.

Am Dienstag hat das junge Ensemble des Friedrichstadtpalastes bei einem offenen Casting 40 neue Mitglieder gesucht. Rund 400 Kinder zwischen sechs und acht Jahren haben Direktorin Christina Tarelkin ihr Balletttalent demonstriert. Das richtige Alter, Spaß an der Bewegung und Rhythmusgefühl sind Grundvoraussetzung für eine Aufnahme, sagt Christina Tarelkin.

Im Gegensatz zu Nicoletta Meinke hat Nele Ortmann aus Neuruppin ihren Auftritt noch vor sich. Aufgeregt wartet sie darauf, dass ihre Gruppe für das Casting aufgerufen wird. Die Achtjährige trägt einen klassischen Ballettknoten im Haar und ein lilafarbenes Tanztrikot. „Man kann so schöne Dinge mit dem Tanz machen“, sagt Nele Ortmann. Ihre Eltern haben sie extra für diesen Tag nach Berlin gebracht. Seit fünf Jahren tanzt Nele schon Ballett.

Mit Rhythmus und Gefühl

Die Kinder werden in kleinen Gruppen in den Ballettsaal des Friedrichstadtpalastes geführt. Dort wartet Direktorin Christina Tarelkin auf sie und macht mit ihnen verschiedene Übungen, um Rhythmusgefühl und Dehnfähigkeit zu beobachten. „Ihr müsst noch nichts können. Nur etwas Talent müsst ihr mitbringen und Spaß haben“, ruft die Direktorin.

Mit über 250 Schülern zwischen sechs und 17 Jahren ist das jE das größte Jugendensemble Europas. Die Anfänge reichen zurück bis ins Jahr 1945. Die Probenräume befinden sich neben denen des Profi-Ensembles im 1984 errichteten Friedrichstadtpalast. Zwei Mal wöchentlich trainieren die Schüler für die Grundausbildung in Tanz und Schauspiel. „Wir möchten ihre Kreativität und ihr Talent fördern“, sagt Christina Tarelkin. Ab dem fünften Ausbildungsjahr in dieser Einrichtung können die Schüler sich in einer Fachrichtung spezialisieren. Nicht nur Ballett wird angeboten. Auch Jazztanz, Schauspielkunst und Bühnendarstellung gehören zu den Fächern.

Christina Tarelkin ist seit 1989 in der Schule als Tanztrainerin beschäftigt. 2010 wurde sie zur Direktorin ernannt. Sie kennt alle ihre 250 Schüler. „Wir geben ihnen eine klassische Grundausbildung mit und versuchen, ihnen weitere Tanz- und Schauspielmöglichkeiten nahezubringen“, sagt sie. Eine Kooperation zwischen dem jungen Ensemble und der Staatlichen Ballettschule Berlin finde statt, wenn die Schüler des Ensembles ein besonderes Talent aufweisen und sich im Bereich des klassischen Balletts spezialisieren möchten.

Die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik Berlin befindet sich an der Erich-Weinert-Straße. Sie bietet ihren 297 Schülern ab der fünften Klasse eine neunjährige Ausbildung an. Es gibt eine professionelle Tanzausbildung einschließlich Abitur und Bachelorabschluss „Bühnentänzer/in“. Unterrichtet werden die Schüler unter anderen von Primaballerina Polina Semionova. Die russische Tänzerin hat ihre Ballettausbildung im Bolschoi-Theater abgeschlossen und ist seit 2002 Erste Solotänzerin im Staatsballett Berlin. Aber auch für die Jüngeren wird gesorgt. „Für sie bieten wir auch Kindertanzklassen an. 130 Kinder sind schon angemeldet“, sagt Jutta Mücke, als Mitarbeiterin zuständig für Schülerangelegenheiten.

In Berlin befinden sich noch weitere private Kinderballettschulen, um das kreative Können der Kinder zu fördern. Nur fünf staatliche Ballettschulen wurden in Deutschland gegründet, in denen eine allgemein-schulische Bildung mit einer professionellen Berufsausbildung kombiniert wird.

Das Kinderballett „ Kinder tanzen für Kinder“ an der Deutschen Oper ermöglicht ebenfalls Kindern, sich künstlerisch zu verwirklichen. Es wurde 1997 von der Tänzerin und Choreografin Felicitas Binder gegründet.

Felicitas Binder wollte Kindern und Jugendlichen die großen Werke des klassischen Balletts nahebringen. Die Stücke, rund einstündige Fassungen der bekanntesten klassischen Handlungsballette, bieten dem Publikum einen geeigneten Einstieg in die Welt des Tanzes. Das Besondere dabei ist, dass die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne kaum älter als die Zuschauer im Saal sind. Mittlerweile umfasst das Kinderballett, das an der Deutschen Oper beheimatet ist, etwa 80 Kinder im Alter von sechs bis 17 Jahren.

Am jE dürfen die Mitglieder 32 Vorstellungen im Jahr aufführen, in denen sie ihr Können und Talent präsentieren. Wie bei der am 31. Januar 2012 gezeigten Kindershow „Ganz schön anders“.

Diese besuchten insgesamt rund 78.000 Zuschauer. Ein großer Erfolg. Das jE kann auch ein Sprungbrett für eine weitere Karriere bedeuten. Wie für Bambi-Preisträgerin Alina Levshin oder ARD-Schauspielerin Julia Richter, die einst Mitglieder des Ensembles waren.

Nicoletta Meinke hofft, vielleicht schon im nächsten Jahr auch ein Teil des Ensembles sein zu dürfen. „Das Tanzen macht mir viel Spaß, außerdem sind die Kostüme immer sehr schön“, sagt die Sechsjährige, die nach der ersten Runde im Foyer sitzt. Nächsten Dienstag darf sie ihre Ballettschuhe wieder anziehen.