Kulturmacher

Lebenswege und Lebensbrüche

Die Regisseurin Karin Bares studierte bei Heiner Müller, George Tabori und Robert Wilson. Seit 2006 leitet sie als Intendantin die Geschicke im Kleinen Theater am Südwestkorso

Wenn Karin Bares über ihr Theater spricht, klingt das ein bisschen, als würde sie von ihrem Geliebten reden. Nähe, Verbundenheit, Intimität, das sind die Schlagworte, mit denen sie das „Wohlfühlgefühl“ zu umreißen sucht, dass sich beim Eintritt in den hübschen Saal des Kleinen Theaters einstellt. Das Wort Gemütlichkeit vermeidet sie ganz bewusst und es würde auch nicht passen für dieses Kleinod der Berliner Theaterlandschaft, in dem so viel mehr in Schwingung gerät als nur Gemütlichkeitsantennen.

„Wir stellen immer wieder fest, dass bei uns jeder irgendwie ‚angefasst’ herausgeht, niemand verlässt unsere Vorstellungen unberührt oder neutral“, sagt Bares. Die 93 alten Sitze, der rote Vorhang und das Guckkastenformat der Kammerbühne, das gar nichts anderes zulässt, als ungeteilte Aufmerksamkeit – das alles kommentieren Gäste, die zum ersten Mal hierher kommen nicht selten mit dem Ausruf „ein richtiges Theater“.

Wie recht sie haben. Den Zusatz „klein“ trägt das Theater zwar im Namen, mit der kleinen Bühne ist für Karin Bares aber noch keineswegs der Bezug zur Kleinkunst hergestellt. „Vollumfängliches Theater“ werde an ihrem Haus gemacht, das auch auf drei- bis viermal so großen Bühnen funktionieren würde und bezüglich Inhalt und Ästhetik auch mit diesen mithält. Im besten Sinne unterhalten fühlen soll sich der Zuschauer, aber nicht etwa weil es boulevardesk wird oder nur Lachgeschichten aufgeführt werden, „sondern unterhalten im Sinne von angeregt“.

Zehn Jahre arbeitete Karin Bares schon als freie Regisseurin, bevor sie 2006 das Kleine Theater übernahm und eine neue Ära des Hauses einläutete. Das Profil wurde geschärft und die aktuelle Zusammensetzung des Publikums lässt den Erfolg ihres Konzepts erkennen. Nur einige wenige haben immer noch nicht mitbekommen, das das Kleine Theater kein ‚50+ Theater’ mehr ist. „Dieses Image haftete dem Haus an, aber das hat sich völlig aufgelöst“, sagt Bares.

Vom Studenten bis zum Rentner

Heute repräsentieren die Gäste eine denkbar große Altersspanne vom Studenten bis zum Rentner. Viele kommen natürlich aus dem Kiez und dem Berliner Südwesten, andererseits verzeichnet das Kleine Theater mitunter ungewöhnlich viele Kartenanfragen von außerhalb, aus dem Umland oder gar aus ganz Deutschland. Manch ein Wochenendtourist sucht gezielt den Kammerspiel-Kitzel so einer intimen Bühne, weil sich so etwas in kleineren Städten oft gar nicht mehr finden lässt. Und vor allem die biografischen Porträts wie die von Frank Sinatra oder Barbra Streisand finden ein überregionales Publikum. Für das Johnny Cash-Stück meldeten sich Fans von München bis Hamburg an.

Lebenswege und Lebensbrüche – so lautet das inhaltliche Profil des Spielplans. Den macht Karin Bares ebenso wie auch das meiste andere. Das feste Team des Theaters ist klein, neben der Chefin gibt es einen Techniker und eine Mitarbeiterin im Büro. Damit ist es natürlich nicht getan: Wie im künstlerischen Bereich üblich stehen trotzdem rund 30 Mann pro Monat auf dem Gehaltszettel, ob nun Dramaturgen, Helfer oder Schauspieler. Nichtsdestotrotz bekleidet Bares allein immer noch „fünf bis sechs Positionen“ in Personalunion, „Geschäftsführerin, Verwaltungsleitung, Betriebsbüro, Spielplan, Dispo und manchmal mache ich auch die Kostüme“.

An diesem Wochenende hatte „Schwarzer Jahrmarkt“ Premiere, die Neufassung einer Revue aus dem Jahr 1947 von Günter Neumann, einer Ikone der Berliner Nachkriegszeit. Für die Neuinszenierung am Kleinen Theater waren die Karten wie immer lange vorher ausverkauft. Im letzten Jahr betrug die Auslastung des Theaters 75 Prozent und in der zweiten Jahreshälfte waren die Vorstellungen fast durchweg ausverkauft. Es hat sich herumgesprochen, dass man mit einem Ticket fürs Kleine Theater nicht viel falsch machen kann.

Selbst bei den Proben zum „Schwarzen Jahrmarkt“, zwischen den Fotokulissen des zerbombten Berlins, lugen schon Neugierige herein. Um Eintritt zur Generalprobe vor Publikum zu bekommen, muss man allerdings ein besonders verdienter Kiezbewohner sein. „Wenn die Generalprobe ansteht, informieren wir gemeinnützige Einrichtungen im Kiez, zum Beispiel ehrenamtliche Hospizmitarbeiter oder die Arbeiterwohlfahrt, die dürfen dann bei der Aufführung zuschauen und müssen nichts bezahlen.“

Karin Bares’ Leidenschaft für das Theater wurde in der Schule entfacht. Mit dem Deutsch-Leistungskurs ging es regelmäßige ins Stadttheater ihrer Heimatstadt Trier, „seitdem war mir klar, dass ich mich beruflich in Richtung Theater orientieren wollte“. Sie ging für eine Theaterhospitanz nach San Francisco und studierte anschließend angewandte Theaterwissenschaften in Gießen. „Damals war das was ganz Besonderes, weil es ein Studiengang mit deutlich mehr Praxisbezug war, als alle vergleichbaren.“ Gute Dozenten waren auch zugegen, Karin Bares kam unter anderem in den Genuss, bei Theatergenies wie Heiner Müller, George Tabori oder Robert Wilson zu studieren.

San Francisco, Gießen, Berlin

Doch was sind schon Gießen oder Amerika gegen Berlin. 2001 kam Bares in die Stadt und sie schätzt das weltoffene Flair ungemein. „Berlin ist die toleranteste Stadt überhaupt, selbst in London oder New York wird so eine Vielfalt von Kulturen und Lebensstilen nicht auf solch eine lockere Weise akzeptiert.“ Momentan kann sie sich daher „gar nicht vorstellen“, die Stadt jemals wieder dauerhaft zu verlassen, auch wenn es „katastrophal“ sei, was derzeit mit den Mieten passiere. Dass die Verteuerung Berlins Attraktivität für Kulturmacher bald schon wieder dämpfen könnte, hält sie für eine reale Gefahr. „Kreuzkölln“, wo Bares ihre Wohnung hat, ist bereits voll im Gentrifizierungssog.

Am Südwestkorso in Friedenau, rund um das Kleine Theater, ist von dem innerstädtischen Verdrängungswettbewerb aber noch nicht viel zu spüren. Zwischen Rüdesheimer und Friedrich-Wilhelm-Platz macht Karin Bares hier unbeirrt ihr engagiertes Theater und das wird mit Sicherheit noch eine Weile so bleiben: „Ich behalte meinen Koffer in Berlin.“